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StartseiteKulturfragen"Die Sammler kaufen nur noch Unterhaltungsquatsch"25.12.2015

Gerhard Richter"Die Sammler kaufen nur noch Unterhaltungsquatsch"

Er zählt zu den bedeutendsten Künstlern der Gegenwart - und gibt nur selten Interviews. Für Stefan Koldehoff hat der Maler und Grafiker Gerhard Richter eine Ausnahme gemacht. Und ihm vom Kunstmarkt erzählt. Von künstlerischen Jugendsünden, vom Reiz des Übermalens und davon, was er von einem Richter-Museum hält.

Gerhard Richter im Gespräch mit Stefan Koldehoff

Gerhard Richter, Maler (Dirk Gebhardt)
Gerhard Richter hat im DLF-Interview auch über sein Frühwerk gesprochen. (Dirk Gebhardt)
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Im Frühjahr dieses Jahres ist Gerhard Richter 83 geworden. Von Ruhestand dennoch keine Spur: Mehrere Editionen sind in den vergangenen Monaten erschienen. Außerdem eine neue, großformatige Ausgabe seiner Bildvorlagensammlung "Atlas". Für eine japanische Insel hat Richter einen ständigen Ausstellungspavillon mit einer großen Glasscheiben-Arbeit entworfen.

Und er hat der Öffentlichkeit vier großformatige abstrakte Bilder vorgestellt, die aus Fotografieren entstanden, die Häftlinge des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau dem polnischen Widerstand übergeben hatten.

Stefan Koldehoff hat ihn in seinem Atelier in Köln getroffen.

Hinweis: Dieses Gespräch war nur zur Ausstrahlung autorisiert. Daher können wir es Ihnen nicht zum Nachhören anbieten.


Stefan Koldehoff: Herr Richter, die neuste Arbeit von Ihnen, die erschienen ist, ist eine Edition. Und es ist ein Bild, dieses Bild zeigt Ulrike Meinhof - ein Thema, das natürlich jetzt durch die Anschläge in Paris noch mal eine ganz neue Aktualität bekommen hat. Dabei war das alles natürlich schon länger geplant. Es ging Ihnen einfach darum, dieses Foto noch mal zu veröffentlichen, mit dem Sie früher schon gearbeitet hatten, weil man Ihnen, weil Ihnen die Fotografin, die es gemacht hatte, dieses Bild noch mal zugeschickt hatte.

Gerhard Richter: Einen Abzug davon, von dem Bild, wie es wirklich aussieht. Und das hat mir so gut gefallen ...

Koldehoff: Das ist ein Gesicht, das aus dem Schwarz kommt. Man sieht eigentlich nur das Gesicht, man sieht wenig Körper, ...

Richter: Ja.

Koldehoff: ... man sieht ein sehr ausdrucksstarkes Gesicht. Und das hat Sie angesprochen?

Richter: Das hat mich angesprochen, dass man die da anders sieht. Ich habe ja so eine nette Jugendliche gemalt und das ist sie gar nicht. Sie ist ein richtiges Weib.

Koldehoff: Diese Edition ist nicht der einzige Rückgriff im Moment auf ältere Bildthemen. Es gibt wieder eine gespiegelte Fläche im Moment, die Sie gemacht haben, es gibt die "Schwarz, Rot, Gold"-Bilder, die Sie fortgesetzt haben.

Richter: Ja.

Gerhard Richter, Maler (Dirk Gebhardt)Gerhard Richter, Maler (Dirk Gebhardt)

Koldehoff: Und im "Atlas", der gerade neu herausgekommen ist im Verlag der Buchhandlung Walter König, fächern Sie auch noch mal die gesamten Bildvorlagen in einem schönen Format ganz breit auf. Ist Ihre eigene künstlerische Vergangenheit Thema für Sie oder ist das auch Zufall, dass diese Sachen alle wiederkommen?

Richter: Ja, das liegt an dem wachsenden Interesse, das zu publizieren. Und das war nicht meine Idee, den "Atlas" so groß zu bringen.

Koldehoff: Sind Sie sozusagen noch mal durchgegangen? War das für Sie eine Wiederbegegnung mit alten Motiven oder haben Sie den "Atlas" sowieso im Kopf?

Richter: Nein, ich habe den eh im Kopf, ich habe ja die ... Es gibt ja schon Publikationen. Und wollte ... Was wollte ich denn jetzt? Den "Atlas" ... Nein, und war erfreut, dass man plötzlich in der neuen Ausgabe die einzelnen Fotos erkennt.

Koldehoff: Weil größer gedruckt.

Richter: Weil größer gedruckt, ganz simpel. selbst die Schrift kann man lesen, konnte man früher nicht. Da war das mehr so ein Nachschlagewerk.

Koldehoff: Setzen Sie das Original eigentlich fort, kleben Sie die nach wie vor auf Pappen, Ihre Vorlagen, und liefern sie ab?

Richter: Ich glaube, nicht mehr, nein.

Koldehoff: Das heißt, der "Atlas" ist damit auch irgendwie ein abgeschlossenes Werk inzwischen?

Richter: Der ist irgendwie abgeschlossen, ja, irgendwann reicht es.

Koldehoff: Sie haben jetzt zum zehnjährigen Jubiläum des Richter-Archivs in Dresden die Urheberrechte und auch die Nutzungsrechte an Ihrem Frühwerk an dieses Archiv übergeben. Zeichnungen, die Sie zurücklassen mussten, als Sie aus der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelt sind.

Richter: Ja.

Koldehoff: Und es gibt immer wieder Versuche, diese Sachen zu vermarkten. Was war jetzt zunächst einmal die Entscheidung, die Rechte ans Archiv zu geben?

Richter: Also, mit dem Jubiläum hat es gar nichts zu tun. Ich war etwas ratlos, wie ich der Sache Herr werden kann. Es sind sehr viele Arbeiten, ein paar dicke Ordner mit Arbeiten. Und dann hätte ich eigentlich hellhörig werden müssen, als vor, was weiß ich, 15 Jahren ich ein Angebot bekam, die Sachen zurückzukaufen, alle, für 25.000 D-Mark. Und da dachte ich, das sind doch meine Sachen! Die sind ja irgendwie widerrechtlich angeeignet worden, die kaufe ich doch nicht zurück!

Koldehoff: Was haben die Leute erzählt, die hätte man auf dem Speicher gefunden oder unter dem Sofa oder ...

Richter: Die haben gar nichts, die besitzen die einfach. Die haben gar nichts erzählt. Die sagen dann: Das kann ich nicht mehr nachvollziehen, wie die einem ..., was der Verkäufer da ..., wo der die herhat. Also, zum Teil mag es auch der staatliche Kunsthandel sein, wenn man abhaut, wird das beschlagnahmt. Aber ich glaube inzwischen, die haben das gar nicht so mitgekriegt, dass auf dem Dachboden da so ein Stapel liegt, so ein Wappen und ... Und das muss also von den Bewohnern einfach angeeignet worden sein. Ach, hat er vergessen!

Ist auch spät gekommen, dass die das gefunden haben. Ich sah gestern ein Foto, da stand von '94 ein Foto des Dachbodens. Aber es gab schon einen Teil früher. Denn der Böckmann, der war so nett und sagte mir, ich habe ein Bild gekauft aus dem Frühwerk. Und ich sehe das und sage: Können wir das kaputtmachen? Das taugt nichts! Und er war einverstanden, ja, komm, mach es kaputt!

Koldehoff: Da haben Sie ein eigenes Werk zerstört?

Richter: Damit es nicht auf dem Markt bleibt und nicht ausgestellt wird.

Koldehoff: Eins, das in Ihrem Werkverzeichnis drin ist?

Richter: Nein, es gibt gar kein Werkverzeichnis davon. Ich hätte gar nichts dagegen, dass ein Werkverzeichnis käme, wenn das richtig eingeordnet wird. Das sind ja studentische Arbeiten, das hat ja mit Kunst noch nichts zu tun. Das war auch der Grund, dass ich irgendwann mal, also 1961 ein Werkverzeichnis angefangen habe: Ab jetzt dürfen nur noch Bilder sein ... Das war auch eine Möglichkeit zu sagen, das ist gut, das ist schlecht, das kommt rein, das kommt nicht rein.

Gerhard Richter, Maler (Dirk Gebhardt)Mit dem "Tisch" fing bei Gerhard Richter alles an. (Dirk Gebhardt)

Koldehoff: Da gibt es die berühmte Nummer eins, den "Tisch", damit fängt alles an.

Richter: Ja, damit fängt alles an.

Koldehoff: Was war vorher, waren das Fingerübungen, waren das Sachen, von denen Sie alle gesagt haben, die führen alle zum ersten gültigen Bild? Oder warum haben Sie da den Schnitt gesetzt, erinnern Sie sich daran?

Richter: Das war das Erste, wo ich dachte, das bist du jetzt, das darfst du, das ist nicht mehr studiert, probiert, angelehnt und misslungen. Es gibt ja viele Misslungene.

Koldehoff: Gibt es auch Bilder nach dieser Nummer eins, die Sie eigentlich gerne zerstören würden?

Richter: Das gibt es auch, ja.

"Das Übermalen führt ja auch oft zum Erfolg"

Koldehoff: Und haben Sie das schon mal gemacht, haben Sie Bilder aus dem Verkehr gezogen, weil sie Ihren Ansprüchen nicht mehr genügen?

Richter: Das kann man nicht, das geht nicht. Genauso wenig wie ich jetzt sagen kann, da hängt eins und dort, die möchte ich lieber nicht haben. Irgendwie habe ich da Hemmungen zu sagen: Ihr habt Scheiße gekauft. Es dauert eine ganze Weile, dass die hier hängen, und dann wird es übermalt oder was, oder weggeschmissen, das gibt es oft.

Koldehoff: Das heißt, Sie prüfen selbst eine gewisse Zeit hier, bevor die Bilder in die Welt dürfen?

Richter: Ja, ja.

Koldehoff: Und wie häufig passiert es dann, dass Sie nicht zufrieden sind? Gelingt Ihnen das Meiste oder gelingt Ihnen die Hälfte oder vieles?

Richter: Schwere Frage! Ja, die Prozentzahl. Ich habe darüber nie nachgedacht, wie viel ich eigentlich ... Also, das Übermalen führt ja auch oft zum Erfolg.

Koldehoff: Sie haben gesagt, Sie hätten nichts dagegen, wenn dieses frühe Werk vor der Nummer eins im Werkverzeichnis, wenn es publiziert würde, also dass die Menschen ...

Richter: Also, deswegen habe ich mir gesagt, du musst das jetzt alles dem Archiv geben, damit es gut aufgehoben wird und damit es auch ... Also, dort kann es gesichtet werden und beurteilt werden und es hat keinen künstlerischen Wert, sondern dokumentarischen Wert, so wie Tagebücher oder was weiß ich, die auch nicht unbedingt zur Veröffentlichung bestimmt sind.

So ist ja auch der "Atlas" entstanden. Das sind keine Sachen, die ich gern ausstelle, aber im Zusammenhang ergeben die so eine Dokumentation der Denkweise, womit ich mich beschäftigt habe. Und so ist das die Frühwerkdokumentation eines Lernenden, Irrenden, der langsam so hinkommt.

Koldehoff: Sie wollen aber nicht, dass das irgendwann mal auf den Markt findet, nur weil es von Gerhard Richter ist und Irrsinnspreise dafür ...

Richter: Das ist inzwischen der Hauptgrund geworden, das habe ich früher nie so sehen können, da gab es auch die Entwicklung nicht, also diese Gier gab es da nicht. Das waren ja noch zivile Preise, was der Böckmann da bezahlt hat, das war nicht viel. Das weiß ich nicht, 2.000 möglicherweise. Und jetzt sieht es anders aus. Jetzt habe ich hier ein Konvolut, was sie mir mitgebracht haben, für anderthalb Millionen. Und einige Sachen sind gar nicht von mir und die anderen sind wirklich uninteressant.

Koldehoff: Die Alternative wäre, juristisch dagegen vorzugehen. Gibt es da Möglichkeiten, zu sagen, ich will das nicht, als Künstler?

Richter: Ja, und da verliere ich die Geduld, den Mut und scheue mich vor der Arbeit. Da muss man mit den Rechtsanwälten reden. Und das ist mir so umständlich, dass ich sage, ist mir egal! Aber es soll bekannt sein, dass das eigentlich widerrechtliche Ware ist.

Koldehoff: Wäre es denn damals die ... Wie viel war es, 25.000? Oder für wie viel ist es Ihnen angeboten?

Richter: 25.000, 30 Stück, glaube ich. Also nicht alle, aber es war ... kühn war das, oder?

Koldehoff: Wären es die 25.000 nicht wert gewesen, um es vom Markt zu haben und das Problem?

Richter: Heutzutage ja, aber damals war mir das absurd. Ich bin der Besitzer, ich kaufe doch nicht meine eigenen ... Das war wie Erpressung.

Koldehoff: Also, wenn es irgendjemand kauft, dieses Frühwerk, dann hat der es zwar, Sie sagen auch, es ist meins, aber der kann es zum Beispiel nicht mehr reproduzieren oder ausstellen?

Richter: Dieses Recht habe ich noch, zu sagen, nein, das Urheberrecht besteht und es wird nicht publiziert. Und auch nicht ausgestellt, glaube ich.

Koldehoff: Warum eigentlich ist das Archiv in Dresden? Sie haben lange in Düsseldorf gelebt, leben jetzt in Köln seit vielen Jahren. Was war damals eigentlich die Entscheidung, das nach Dresden zu geben?

Richter: Ja, aus Sentimentalität, denke ich. Das ist meine Geburtsstadt und die hat ... wesentliche Jahre der Bildung, Ausbildung und Bildung und so. Meine Geschichte. So oft bin ich gar nicht da und mache Ausstellungen. Da habe ich zwei Räume, die sind wunderbar!

Koldehoff: Zu den Ausstellungen gehörten auch die "Birkenau"-Bilder, die Sie gerade öffentlich gezeigt haben, die jetzt an verschiedenen anderen Orten auch noch zu sehen sein werden. Was wird mit den Bildern, habe ich mich gefragt, mal passieren? Können die jemals einen festen Ort haben?

Richter: Ja. Ich weiß keinen jetzt ...

Koldehoff: Aber es wird ein öffentlicher Ort sein, es wird wahrscheinlich ...

Richter: Es wird ein öffentlicher Ort sein, es ist kein Ding, was man zur Messe bringt.

Koldehoff: Kostet das große Überwindung, sich mit solchen Bildern an die Öffentlichkeit zu wagen? Das ist ja ein wahnsinniges Thema. Vorlage sind vier rausgeschmuggelte Fotos von Insassen ...

Richter: Ja, das ist so sensationell. Deswegen habe ich in Dresden bei der Erstvorstellung geschrieben: Hier habt ihr die Bilder, vierteilig, nur so und so, die Nummern dran. Aber es ist sofort durchgesickert.

Koldehoff: Gar nicht Ihr Interesse gewesen.

Richter: Na, ich wollte vermeiden, dass ich jetzt mich da dranhänge. Es gibt furchtbare Beispiele, manchmal schickten mir irgendwelche Maler Kataloge zu, die das Thema aufgreifen und sich damit wichtigmachen. Und ich dachte, aber verbieten lassen kann ich mir das auch nicht, deswegen nicht zu malen, weil es solche Vorwürfe gibt. Das ist Quatsch, muss man hinnehmen.

Koldehoff: Es gibt den berühmten Satz: Nach Auschwitz ist kein Gedicht mehr möglich. Da gibt es wahrscheinlich auch Leute, die sagen: Danach gehen keine Bilder mehr, das kann man nicht abbilden.

Richter: Und das stimmt überhaupt nicht. Weder Gedichte sind vermeidbar oder - das wäre auch nicht wünschenswert -, noch Berichte. Und mit den Bildern hat sich es etwas geändert dadurch, dass die Fotografie so viel besser ist. Weil, die Fotos sind immer ungleich besser und informativer und richtiger. Die kann man auch nicht verändern, das ist die Abbildung. Vollkommener geht es nicht. Auch nicht durch Vergrößerung.

Koldehoff: Andere historische Themen, mit denen Sie sich befasst haben, die RAF-Bilder, der 11. September ...

Richter: Ja.

Koldehoff: Da ist noch erkennbar, worum es geht. Es ist zwar auf Ihre Weise verfremdet, aber man sieht es noch.

Richter: Ja, man sieht es noch.

Koldehoff: Hier erkennt man gar nichts mehr.

Richter: Nein, hier ist komplett weg. Ich habe das angefangen gegenständlich, hatte aber schon gewusst, das wird nicht gehen.

Koldehoff: Und in dem Augenblick, als Sie die Fotos gesehen haben, war Ihnen klar: Die will ich umsetzen?

Richter: Nein, das hatte ich ewig an der Wand hängen, das eine Foto, und es hat mich immer fasziniert. Ich habe da nicht ..., nein. Es gab mal einen Moment, wo ich ähnliche Fotos hatte, etwas weniger sensationell, so KZ-Chöre, Frauenchöre und so was. Für den Reichstag hatte ich die vorgesehen, aber dann aufgegeben.

Gerhard Richter, Maler (Dirk Gebhardt)Gerhard Richter, Maler: "Ein eigenes Museum ist furchtbar" (Dirk Gebhardt)

Koldehoff: Das Problem gab es auch, als Sie den Domfenster-Auftrag kriegten und eigentlich Heilige malen sollten. Was ist das Problem, Geschichte eins zu eins abzubilden, woran scheitern Künstler da, was gelingt nicht?

Richter: Können wir nicht mehr, weil es die Fotografie gibt. Das haben wir früher gekonnt. Es gibt ja wunderbare Bilder, die richtig Geschichten erzählen und Dramen und Morde. Die Kultur ist weg, wir haben die Fähigkeit verloren. Wir können Fotos abmalen, das ist schon dürftig genug.

Koldehoff: Wodurch? Weil so viele andere Bilder in der Welt sind, die drastischer oder die ...

Richter: Weil es gar nicht mehr gelehrt wird. Und das fing zu meiner Zeit schon an, dass man das ... Ich habe ja noch so eine akademische Ausbildung mit Handzeichnungen und so und Aktmalen. Aber trotzdem, kann nie ran an Tizian!

Koldehoff: Glauben Sie denn, dass das Bedürfnis noch da wäre, der Gesellschaft, Historienbilder zu sehen? Oder haben da längst die Medien die Rolle übernommen?

Richter: Ich glaube, die Medien haben es übernommen. Denn solche schönen Ausstellungen, also historische, die sind ja gut besucht. Aber wenn das eine Weile hängt, dann geht kein Mensch mehr hin, die Teile in den Museen sind eher leer. Aber es beginnt zum Glück bei moderner Kunst auch. [Lacht.]

Koldehoff: Hatten Sie Furcht, wie das aufgenommen wird? Jetzt malt der so ein Thema?

Richter: Ja, ich wollte vermeiden, das Sensationelle daran. Deswegen Wegfall des Titels. Aber danach ist mir es recht.

Koldehoff: Das Neuste, was gerade entsteht, ist wieder eine Glasarbeit, in Japan auf einer Insel. Dafür haben Sie auch eine Architektur entwickelt. Ist was völlig anderes als Malerei, was völlig anderes als eine Edition, an denen Sie arbeiten.

Richter: Ja, es gibt ein Gegenbeispiel: Ich wurde in Basel von einem Auschwitz-Überlebenden angesprochen, ob ich nicht für seine Reihe der 15 Berichte der Überlebenden eine Illustration machen kann. Er hätte die zwölf Scheiben gesehen und das hätte so einen merkwürdigen, kalten Ernst, es hatte ihn bewogen, mich zu fragen. Er kannte mich gar nicht weiter. Also, ein bisschen was von der Melancholie oder was, gibt es eine Ähnlichkeit.

"Ein eigenes Museum ist furchtbar"

Koldehoff: Können Sie über diese Insel-Idee was erzählen, wer hat Sie da gefragt, in welchem Kontext steht diese Arbeit?

Richter: Das ist dieser Mensch, der Herr Onishi [phon.], und er ist besessen von der Idee, zu helfen, und schafft es, Geld aufzutreiben. Und er war auch dann verwickelt in die Wiederbelebungsversuche der Inselregion in der Mitte von Japan, dass man die durch Kultur wieder bewohnbar macht. Und das ist gelungen. Da gibt es richtigen Kunsttourismus. Die fahren mit dem Boot von Insel zu Insel, mit diesem Schiff, und gucken sich das an. Das ist auch interessant. Museen von Ando und jungen Künstlern, alten, das ist schön.

Koldehoff: Und die Arbeit wird permanent dort bleiben?

Richter: Die bleibt permanent dort ... Und die ist natürlich noch abgelegen, die ist einsamer, die Insel. Ob das jemals gelingt, weiß ich nicht. Ich glaube nicht durch ein Stück, dass da jemand gelockt wird, da hinzugehen. Ein paar Verrückte oder Besessene, Interessierte, so sagt man.

Koldehoff: Hatten Sie Carte blanche, konnten Sie dort machen, was Sie wollten? Hätten Sie auch Bilder hinhängen können?

Richter: Ja, im Prinzip schon. Die hatten am Anfang eine sehr größenwahnsinnige Idee, dass man ein Museum, ein Richter-Museum hinsetzt. Richtig voll, zwei Etagen, alles voll Bilder. Und dann merkten die, dass das unbezahlbar ist. Auf der Insel gibt es kein Wasser, keinen Strom, alles muss rangeschafft werden. Da war mal ein bisschen Tourismus und Fischer haben gelebt, es gibt einen Strand, eine Strandhalle, alles verfallen, kaputt.

Koldehoff: Hätte Ihnen denn grundsätzlich die Idee eines Richter-Museums gefallen?

Richter: Na ja, mich hat das gereizt, die Entwürfe zu machen, das macht richtig Spaß, so wie ein Hobby ist das von mir, ein Häuschen zu entwerfen.

Koldehoff: Wo wir hier sitzen, das haben Sie glaube ich auch entworfen?

Richter: Ja, ja. Und ... Ja, es macht Spaß.

Koldehoff: Woher können Sie da? Ich meine, da muss man ja auch darüber nachdenken, wo Wasserleitungen sind, wie man das Ganze beleuchtet. Haben Sie sich da selbst reingefunden in solche Techniken?

Richter: Eigentlich war es immer so von der anderen Seite her, wie wohnt man, wie muss es funktionieren.

"Die kaufen nur noch Unterhaltungsquatsch"

Koldehoff: Noch mal zurück zur Idee Richter-Museum: Das wäre ja nun auf dem Hype, den es um Sie gibt seit vielen, vielen Jahren, der sich leider Gottes auch in irrsinnigen Preisen manifestiert, das wäre ja sozusagen die Krone mit Brillant obendrauf noch, ein eigenes Richter-Museum. Wäre das eine Idee, die Ihnen gefiele, oder wäre das der Tick zu viel, wo Sie sagen, nein, ich bin eigentlich ganz glücklich, dass ich in allen großen Museen der Welt vertreten bin, tolle Ausstellungen habe ...

Richter: Das ist viel besser, das ist viel besser. Ich habe immer als Beispiel gehabt: Auf Capri gibt es ein Museum von einem Maler, der heißt so ähnlich wie Diefenbach. Ich war, glaube ich, noch nie drin, man konnte nur - es war immer geschlossen - reingucken durch die Fenster und sehen ... Und das sah so erbärmlich aus, ich dachte, ein eigenes Museum ist furchtbar. Also, ich bin viel lieber ... Ich hätte schon einen ganz schönen Raum, das ist wunderbar, aber ein ganzes Museum hätte ich nicht gerne.

Koldehoff: Die Direktorin der Stuttgarter Staatsgalerie Frau Dr. Lange hat gerade gesagt, wir haben sowieso viel zu viele Museen in Deutschland und wir sollen nicht dauernd welche dazugründen.

Richter: Ja, das schadet der Kunst, da bin ich auch überzeugt. Es gibt gar keine Kriterien mehr, was wir kaufen und verkaufen und was die Sammler kaufen. Das geht ja immer mehr runter. Die kaufen nur noch Unterhaltungsquatsch.

Koldehoff: Unterhaltungsquatsch heißt, die Bilder sind handwerklich nicht in Ordnung, haben keine Aussage? Was stört Sie an manchen ...

Richter: Nein, die wollen nur noch auffallen und es muss riesig sein.

Koldehoff: Ja, die Kunstwelt ist Teil des Unterhaltungsbetriebs geworden.

Richter: Ja, ja. Und das geht wahrscheinlich so weiter.

Koldehoff: Haben Sie denn Chancen, sich dagegen zu wehren in irgendeiner Form? Können Sie sagen, für das und das Projekt will ich nun aber keine Bilder zur Verfügung stellen, das ist mir zu albern?

Richter: Das gibt es, ja, ja, für Magazine gibt es das, im Modemagazin möchte ich nicht, dass irgendwas veröffentlicht wird, nein, nein, nein, nein. Oder Sticker und Kühlschrankaufkleber. Postkarten ja, und Bücher.

Koldehoff: Aber keine Kaffeetassen und keine Seidenschals?

Richter: Ja.

Koldehoff: Es gibt viel Aufregung im Moment ums Kulturgüterschutzgesetz und die Frage, ob bestimmte Werke, wenn sie zu nationalem Kulturgut erklärt werden, vor Ausfuhr geschützt werden dürfen. Ihr Kollege Georg Baselitz hat daraufhin demonstrativ Bilder aus Dresden abgezogen. Haben Sie Angst um Ihre Werke?

Richter: Nein. Ich war erst völlig erschrocken über so ein dummes Gesetz, weil ich ja eigentlich ... Der Gedanke ist ja nett, dass man was erhält. Aber es ist auf der anderen Seite völlig unmodern, eine Welt, die immer multikultureller wird und antinational, dass man plötzlich denkt, man kann das retten. Wir machen jetzt das ganze Gegenteil, wir nehmen Millionen anderer auf und geben uns langsam auf. Also, das ist schon mal der eine Gegensatz. Und dann die Vorstellung, dass dann Kommissionen kommen und das beurteilen, das ist gut und das kann bleiben: Das ist Quatsch!

Ich bin froh, dass in Paris die Mona Lisa hängt, nicht in Italien! Das ist doch wunderbar! Als Stolz der Italiener, da zu hängen! Und ich bin froh, dass die "Baader-Meinhof" im MoMA hängt. Die hängt da nicht immer, aber ... könnte!

Koldehoff: Wären das nicht eigentlich Bilder, jetzt ohne diese Nationaldebatte zu führen, aber hätten die nicht eigentlich nach Deutschland gehört? Ist das nicht ein solcher Teil der deutschen Geschichte, so identitätsstiftend, diese RAF ...

Richter: Bleibt ja so ein Teil, auch wenn die Bilder woanders sind. Bei dieser Reiselust jetzt und Möglichkeit, das ist ja ganz klein geworden!

Koldehoff: Das heißt, dass auch die "Birkenau"-Bilder nicht notwendigerweise irgendwann mal in Deutschland sein müssen.

Richter: Nein.

Koldehoff: Das kann auch woanders sein?

Richter: Ja.

Koldehoff: Gibt es da schon Anfragen, fragen Sie da schon Menschen, können wir die haben?

Richter: Nicht konkret. Es gibt Interesse, das MoMA war sehr angetan oder Nick Serota von der Tate, und die sind extra nach Dresden gefahren, und wir bleiben im Gespräch und auf die Weise. Ich habe aber immer gleich gesagt, jetzt gibt es gar keine Entscheidung, das hat Zeit. Die zeige ich bei Burda, auch in einer Ausstellung, auch anlässlich des Suhrkamp-Sammelbuches, Schuber mit 15 Berichten der Überlebenden. Ich glaube, jetzt ist erst mal Ruhe.

Koldehoff: Wenn Sie sagen, es ist Ruhe mal erst, wie ist es bei Ihnen selbst?

Richter: Eine Galerieausstellung wird es geben im Mai.

Koldehoff: In London sind im Moment die Farbfeld-Bilder zu sehen.

Richter: Ja, das hat mich überrascht, weil ich davon überhaupt nichts wusste. Ich kenne die Frau auch nicht, habe nie die Galerie gesehen.

Der Maler Gerhard Richter signiert ein Buch (Dirk Gebhardt)Gerhard Richter signiert ein Buch (Dirk Gebhardt)

Koldehoff: Was am Markt passiert, da haben Sie überhaupt keinen Einfluss drauf?

Richter: Nein, nicht einmal bei der Galerie. Die kommt dann und sagt, was soll das kosten, dann sage ich, 2.000, und dann guckt die mich an, das ist doch Wahnsinn, das bringt ja gar nichts, das geht doch sofort auf den Markt und wird dann verkauft zu 20.000 oder 200.000. So geht es nicht, das können wir nicht. Dann überzeugt sie mich und ich sage, ja, mach, was du willst!

Koldehoff: Ja, die "Schwarz, Rot, Gold"-Edition, die vor ein paar Wochen erschienen ist für 4.000 Euro, kostete auf der Kölner Kunstmesse 38.000.

Richter: Ach!

Koldehoff: Und was Postkarten, signierte Postkarten von Ihnen bei eBay kosten, werden Sie auch wissen.

Richter: Nicht mehr. Also, ich ...

Koldehoff: 170 Euro, 200 Euro ...

Richter: Ach!

Koldehoff: Das sind nur signierte Postkarten.

Richter: Da kann man sehen, wie die Menschheit irre ist, irrsinnig! Ist doch alles Irrsinn!

Koldehoff: Ach, man kann es auch als Anerkennung sehen, oder?

Richter: Nein, nein! Was habe ich denn von einer Postkarte, das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen.

Koldehoff: Na ja, Sie haben ...

Richter: Ich habe ein Buch von Thomas Bernard signiert per Zufall bekommen und dachte. Ach, schön, hast du ein Buch von Thomas Bernhard. Aber ich würde doch da keine 100 Euro geben, dafür!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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