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StartseiteBüchermarktEine Liebeserklärung an die Tradition07.08.2018

Gerlind Reinshagen: "Den Atem anhalten"Eine Liebeserklärung an die Tradition

Gerlind Reinshagen feierte ihre Erfolge vor allem als Dramatikerin und Prosa-Autorin. Die große alte Dame der deutschen Literatur hat aber auch Gedichte geschrieben, von denen bislang nur wenige zu lesen waren. Nun sind sie erstmals unter dem Titel "Atem anhalten" in einem Band versammelt.

Von Dorothea Dieckmann

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Eine alte Taschenuhr wird an einer Kette vor die Kamera gehalten. (Unsplash/ Alp Studio)
"Wir gingen einmal auf die gleiche Schule / Jede zu ihrer Zeit": aus "Den Atem anhalten" von Gerlind Reinshagen (Unsplash/ Alp Studio)
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Sie ist weiblich. Sie begann als Nachkriegsautorin. Immer lebte und schrieb sie in Distanz zu den Platzhirschen ihrer Generation, den Böll, Grass, Lenz, Walser, Enzensberger. Gerlind Reinshagen lässt sich eher durch Nichtzugehörigkeiten als durch Zugehörigkeiten beschreiben. Ihre Theaterstücke waren ihrer Zeit ähnlich voraus wie die im selben Zeitraum uraufgeführten Stücke ihres späteren Bewunderers Peter Handke, und ihre Romane sind eigenwilliger und wagemutiger als das weitgehend traditionelle heutige Erzählen. Reinshagens Prosa löst die Grenzen zwischen Drama, Epos und Lyrik auf. Am deutlichsten geschieht das in dem Roman "Göttergeschichte", in dem eine junge Lehrerin von einer seltsamen Krankheit befallen wird: Im Innern von Kopf und Wohnung nisten sich die Stimmen und Gestalten verehrter und gefürchteter Toter ein, von Emiliy Brontë bis Virginia Woolf, von Robert Walser bis John Lennon. Ihre Gespräche ähneln mal Theaterdialogen, mal Langgedichten, bis am Ende die Heimgesuchte einen lyrischen Monolog an ihre Götter anstimmt, betitelt "Über das Atemanhalten":

"Macht euch noch einmal auf den Weg!
Zu uns zurück!
Und haltet Kräne, Walzen, Uhren an,
unsere ferngesteuerte Zeit. Haltet den Augenblick an!
Denn wir begreifen schwer! Die Lehrzeit dauert noch.
(...) in den finsteren Tälern, die Ihr durchmaßt
bis auf den Grund, suchen wir Eure Spur;
laßt uns dort nicht allein!
Und zeichnet kleine Kreuze an die Bäume,
daß wir hindurch finden und hinaus –
Und führt uns, zeigt uns, lehrt uns dann:
Nichts weiter mehr! Macht, daß ich noch einmal
den Atem anhalte."

Gegen den politischen Pathos

"Atem anhalten" lautet der Titel des Bandes, der nun die Gedichte der mittlerweile 91jährigen versammelt. Zu sieben Einheiten zusammengefasst, lässt die Anordnung Stationen und Themen von Gerlind Reinshagens Leben und Werk anklingen, von der Kindheit in Halberstadt über die Kriegs- und Nachkriegszeit bis zur geteilten und wiedervereinigten Stadt Berlin, wo die Autorin bis heute lebt. Der Teil "Nachrichten aus der Fünfzigstundenwoche" erinnert daran, dass Reinshagen die Aufmerksamkeit bevorzugt den Leuten aus den sogenannten kleinen Verhältnissen schenkt. Doch ihr widerstrebt nicht nur das politische Pathos vieler Zeitgenossen von Peter Weiss bis Rolf Hochhuth, sondern auch die Abbildnüchternheit der Arbeitsweltliteratur. "Der Buchhalter am Montagmorgen im Büro", so der Titel eines dieser Gedichte, arbeitet nicht etwa, er träumt:

Schon abgestoßen von der Welt
Treibt er
Mit Mann und Maus
Auf seinem Drehstuhl
Still hinaus
Ins offene Meer
Wie schnell
Die Ufer doch enteilen
Was gestern Liebe war was Haß
Ebbt leise aus
Und wunderbar gedämpft
Die Melodien sanft herüber
Todesschreie
Aus dem fernen grünen Land der Menschen

Gespräch mit den Toten

In dem Teil "Vorbilder – Nachbilder" erscheinen wieder die guten Geister aus der Ahnenreihe der Kunst, wie sie auch den Roman "Göttergeschichte" bevölkern. In ihren Gedichten besingt Gerlind Reinshagen mehrheitlich Frauen, von Annette von Droste-Hülshoff bis Carson McCullers. Da ist eine Liebeserklärung an Emily Dickinson, der Reinshagen schon 1990 einen Brief widmete, und die Anrufung der verstorbenen Freundin Sarah Kirsch:

"Wir gingen einmal auf die gleiche Schule
Jede zu ihrer Zeit (...)
Die Schule steht noch Sarah
Doch wir
Wo bist du jetzt
Ich höre
Dich
Nicht
Mehr

Im Dialog mit den Toten lässt die Dichterin die Vorfahren, die Vorweggefahrenen fortleben, und sei es in der Klage darüber, dass sie die Antwort schuldig bleiben. Einer dieser Toten, Gertrud Kolmar, hat Reinshagen 2007 in dem Langgedicht "Die Frau und die Stadt" eine Stimme aus der Zukunft gegeben. Die Stadt ist das Naziberlin, in dem die jüdische Dichterin zur Arbeit in einer Munitionsfabrik gezwungen wurde, bevor man sie nach Auschwitz deportierte. Die Stimme ist die von Gerlind Reinshagen, die dem Risiko, das diese Überschreibung birgt, mit konsequentem Verzicht auf eine Angleichung an Kolmars hohen Ton begegnet. Im vorliegenden Band erscheint uns Gertrud Kolmar nur in einer Widmung des Gedichts "In Venedig". Der Ort erscheint als Totenstadt, in deren schwarzem Labyrinth sich plötzlich ein Weg, ja eine Tür öffnet:

"... Eine Unbekannte
Längst Vertraute
Läßt mich ein
Rückt mir den Stuhl an den Tisch
Bringt Wein und Brot
Birgt mich in ihrem weißen Haus

Wohlgeformte Kurzgedichte 

Auch formal stehen Reinshagens Gedichte im Gespräch mit der Tradition. Immer wieder hört man Echos von Hölderlins unverwechselbaren Tönen, wie in den Anfangsversen des Gedichts "Liebe": "Nie ist sie / Und auf keinen Fall / Was man ihr nachsagt / Nicht was die Dichter / Von ihr schreiben". Das Gedicht "Heidespaziergang in Bergen-Belsen" variiert Annette von Drostes "Knabe im Moor", und wenn es hier heißt: "Das Moor ist getrocknet dem Weg ist zu traun", so weiß man, dass diesem Trost eben nicht zu trauen ist. Sogar mit dem antiken Distichon spielt die Autorin. Eins dieser wohlgeformten Kurzgedichte trägt denselben Titel wie ihr schönster Roman, die Nachkriegsgeschichte "Vom Feuer":

"Einer am Neckar, der andre am Wannsee, umnächtigt
Warft ihr – das Dunkel zu brechen – ins Feuer euch selber.
Mutlos in tagheller Nacht gehen wir heute, geblendet von künstlichen
Lampen; drunter erstarb uns das wärmere Licht."

Doch nicht nur bei großen Themen wie der Selbstzerstörung Hölderlins und Kleists, sondern auch zur Pointierung der kleinen, alltäglichen Tragik beleiht Reinshagen das elegische Versmaß, etwa für den Blick eines DDR-Genzers:

"Grenzübergang Bornholmer Straße kurz vor vierundzwanzig Uhr
Lange noch winken die Freunde. Dem Jungen aus Sachsen,
Fast wär ihm
Ein Lächeln, ein menschliches, streng untersagtes, entwischt."

Formale Vielfalt  

Die meisten Gedichte bewegen sich aber in freien Rhythmen, kurzen Versen und schlichten Fügungen, die oft an den Minimalismus eines W.C. Williams erinnern. Nicht nur thematisch hat sich die Autorin von der amerikanischen Kultur anregen lassen – man denke nur an ihr berühmtes Stück "Leben und Tod der Marilyn Monroe". Ihre Lyrik schlägt triviale, umgangssprachliche Töne ebenso an wie getragene, märchenhafte, archaische. Gerade der wendige, unprätentiöse Umgang mit diesem Reichtum verbindet ihr lyrisches mit dem übrigen Werk. Die Spannbreite lässt sich an den beiden Gedichten ermessen, die die Sammlung einrahmen. Dem ersten, "Annäherung an eine Person", hat Peter Handke die begeisterten Attribute "gewaltig und rein" gegeben. Das letzte trug früher die Überschrift "Heinrich und Henriette". Sie ist nun ist getilgt, so dass die Assoziation an den Doppelselbstmord am Wannsee einem reinen Todesbild weicht:

"Es ist nur
Ein Schritt
Nein
Kaum
Eine Bewegung
Im Kopf
Und es springt
Der gläserne Reif
Einströmen kann es nun
Endlich
Der Ozean
Öffne
Den Mund"

Wenn sich die Kunst zeigt

Doch das Bild des geöffneten Mundes schließt auch an den Titel des Bandes an. "Atem anhalten", das geschieht, wenn man staunend einer Eingebung inne wird, in dem divinatorischen Moment also, wenn sich die Kunst zeigt. "Kunst" heißt denn auch das Gedicht, in dem für einen flüchtigen Augenblick die Bitte der Protagonistin des Romans "Göttergeschichte" erfüllt wird, noch einmal den Atem anhalten zu dürfen:

"Kunst
Wenn ich sie beim Namen rufe
Hört nicht
Erst wenn ich sie verfluche
Horcht sie auf
Am Jackenärmel schließlich
Doch erwischt und festgehalten
läßt sie sich sehn
Lacht
Tanzt
Kommt groß heraus
Ich halt den Atem an ..."

Das Gedicht ist der großen polnischen Lyrikerin Wisława Szymborska gewidmet. Nachdem nun auch Gerlind Reinshagen in ihrem 92. Lebensjahr als Lyrikerin zu erleben ist, bleibt nur zu wünschen, dass diese wunderbare Lektüre zurückwirkt und ihrem bisherigen Werk neue Aufmerksamkeit bringt.

Gerlind Reinshagen: "Den Atem anhalten" 
Gedichte, Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 174 Seiten, 20 Euro.

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