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StartseiteTag für TagOdin, Thor und Freya auf Island30.05.2016

Germanisches HeidentumOdin, Thor und Freya auf Island

Bis ins Jahr 1000 verehrten die Isländer ihre alten nordischen Götter. Dann wurde das Christentum quasi per Parlamentsbeschluss eingeführt. Seit 1874 herrscht in Island völlige Religionsfreiheit: Etwa Dreiviertel aller Isländer gehören der evangelisch-lutherischen Staatskirche an. Aber die alten Götter werden gerade wiederbelebt.

Von Dorothea Brummerloh

Hilmar Himarsson vor dem Fest mit Teilnehmer. (Deutschlandradio / Dorothea Brummerloh)
Hilmar Himarsson, oberster Priester der Ásatrú, erklärt einem Teilnehmer die Siegesfest-Zeremonie (Deutschlandradio / Dorothea Brummerloh)
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Ein bärtiger Mann in weißer Robe mit rotem Überwurf steht vor einer Feuerschale. Er hebt das Trinkhorn, preist die nordischen Götter Odin, Thor und Freya, trinkt einen Schluck Met. Dann gießt Hilmar Hilmarsson, der Allsherjargode, der oberste Priester der Ásatrú etwas Met auf die Erde, damit, so der Gedanke, heiligt er diesen Ort. Nachdem der Allsherjargode Strophen aus den Edda angestimmt hat, spricht er über das heutige Fest: Sigrblót. Das Siegesfest ist der letzte heidnische Feiertag, der erhalten geblieben ist, erinnert Hilmarsson. Diesen Tag feiert er als Zeichen des Neubeginns. Ein wichtiger Teil des Festes ist das gemeinsame Essen. Auch so dienen die Àsatrú den Göttern, sagt Hilmarsson:

"Der Priester heiligt die Zusammenkunft und den Platz. Der Tag bekommt durch diese Heiligsprechung eine höhere Bedeutung. Wir zitieren einige Texte für das Fest, aber das Hauptaugenmerk liegt auf der Zusammenkunft der Gemeinschaft."

Eins mit der Natur

Ganz in der Nähe der Zeremonie, fast in Sichtweite, forscht der Religionswissenschaftler Terry Gunnell an der University of Iceland über alte nordische Religion.

"Die Àsatrú ist ein Versuch, zu den alten Religionen der vorchristlichen Zeiten zurückzugelangen, die sehr eng mit der Natur und den Dichtungen und der frühen Kultur Skandinaviens verbunden waren und sie beziehen sich auf die alten nordischen Götter."

Àsatrú leitet sich von Asen ab, eines der beiden Göttergeschlechter des nordischen Pantheons. Neben den Asen gibt es noch die Wanen. Gemeinsam kämpfen sie gegen die Riesen, die die Welt und die Götter vernichten wollen, gibt Terry Gunnell einen kurzen Einblick in die isländische Mythologie.

"Die Mitglieder der Asatrú wollen diese alte Religion wiederbeleben. Was sie wissen wollen über die Religion, das Leben, den Alltag in der vorchristlichen Zeit - das suchen sie in den alten Dichtungen, wie den Edda, den keltischen Gedichten und Sagen."

Die Àsatru sehen in den Texten der Edda ihre Wurzeln. Eine Art Bibelersatz seien die Göttersagen allerdings nicht, betont der Allsherjargode. Und auch Àrni Björnsson betont, die Eddas enthielten keine Götterlehre. Der Kulturhistoriker war Leiter der volkskundlichen Abteilung des Nationalmuseums.

"Es gibt ein prächtiges Edda-Lied: Das Lied des Hohen (sagt auf Isländisch "Hávamál"). Es sind ganz schöne Strophen, aber ich nenne es einfach gesunde Vernunft."

Keine Religion im engeren Sinne

Das Hávamál, auf Deutsch: "Des hohen Lied" ist eine 1000 Jahre alte Sammlung von 164 Strophen, die zur Lieder-Edda gerechnet werden. Darin gebe der Gott Odin den Menschen Ratschläge für ein ehrenwertes Leben, erklärt Björnsson - etwa: 'Wer ständig schwatzt und selten schweigt, erzählt oft Unsinn'. Das Zentrum der Àsatrú befindet sich in einer hässlichen Industriezone Reykjaviks - ein umgebautes Ladenlokal. An einem Tisch sitzt Jasper, ein Mitglied der Àsatrú.

"Das ist keine Religion im engeren Sinne. Kaum etwas in der Weltgeschichte ist so missbraucht worden wie die Religionen. Die Geschichte der Religion ist blutig. Aber Àsatrú gibt der Kraft der Natur ein Gesicht - und Natur ist das einzige, was wir als Supermacht respektieren sollten."

Feuer, Met und Strophen aus der Edda beim Sigrblòt. (Deutschlandradio / Dorothea Brummerloh)Feuer, Met und Strophen aus der Edda beim Sigrblòt. (Deutschlandradio / Dorothea Brummerloh)

Àsatrú sei also eher eine Lebenseinstellung. Auf jeden Fall ist sie keine monotheistische Religion. Ihre Anhänger glauben nicht an einen allmächtigen Gott. Die Heiden kennen keine Sünde, keine Vergebung, kein Fegefeuer, kein Leben nach dem Tod. Auch missionieren ist ihnen fremd. Dazu sagt Hilmar Hilmarsson:

"Das ist Teil unserer Regeln, dass wir keine Mitglieder werben. Die Leute sollen von allein zu uns finden. Wir denken, es ist schlechtes Benehmen, Leuten zu sagen, was sie denken sollen."

Seit 1973 sind die Àsatrú eine anerkannte Religionsgemeinschaft, sind damit den Lutheranern, Katholiken, Freikirchen und anderen religiösen Gemeinschaften Islands gleichgestellt. Mit ihrer Anerkennung erwarb die Gemeinschaft auch Rechte und Pflichten. So erhalten sie staatliche finanzielle Unterstützung nach der Anzahl der Mitglieder, dürfen Kindern Namen geben, Ehen schließen und beerdigen, erklärt Hilmarsson. Und zugleich müssen sie darauf achten, wohin sich ihre Mitglieder entwickeln. Denn wer an germanische Götter glaubt, sieht sich oft dem Vorwurf ausgesetzt, rechts zu sein. Der Grund: Die völkische Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland, die das germanische Heidentum zur Religion für ihre Rassenideologie machte.

"In der Vergangenheit gab es Leute, die mit wirklich rechten Idee zu uns kamen. Sie haben uns aber verlassen, weil wir zu weich sind."

Engagiert im Naturschutz

Die Àsatrú bezeichnen sich selbst als Mitte-Links, sind aktiv im Naturschutz. Wie sehr ihnen die Natur am Herzen liegt, zeigt sich am Bau ihres Tempels. Es ist das erste Gebäude seit 1000 Jahren, bei dem nur isländisches Holz verwendet wird. Im Moment braucht man noch viel Phantasie, um sich an der Baugrube einen Tempel vorzustellen. Doch gemäß dem isländische Lebensmotto "Þetta reddast"- Das kriegen wir schon hin, soll im Herbst 2016 eröffnet werden.

"Es soll ein Platz sein, wo Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenkommen. Das verlangt Toleranz und Respekt. Wir sind offen für alle - und wir sind mit fast allen Religionen verbunden; und ich wünsche, ich wünsche wirklich, dass wir uns das erhalten."

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