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StartseiteBüchermarktDer Zufall stellt die Lebensweichen29.07.2021

Gert Loschütz: "Besichtigung eines Unglücks"Der Zufall stellt die Lebensweichen

Im Jahr 1939 ereignet sich in der Kleinstadt Genthin das bis heute schwerste Zugunglück in Deutschland. Der Schriftsteller Gert Loschütz rekonstruiert in seinem neuen Roman die Ereignisse jener Nacht und entwickelt daraus ein Netz von Geschichten bis in unsere Gegenwart.

Von Christoph Schröder

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Das Buchcover Gert Loschütz: "Besichtigung eines Unglücks" vor dem Denkmal des Unglücks in Genthin (Buchcover Schöffling Verlag / Hintergrund picture alliance / Peter Gercke/dpa-Zentralbild/ZB | Peter Gercke)
Der 1946 geborene Schriftsteller Gert Loschütz debütierte bereits 1971 mit Prosa und Gedichten. Sein neuer Roman eröffnet mit der Rekonstruktion eines Zugunfalls im Jahr 1939. (Buchcover Schöffling Verlag / Hintergrund picture alliance / Peter Gercke/dpa-Zentralbild/ZB | Peter Gercke)

Am 22. Dezember 1939 ereignete sich in der Kleinstadt Genthin, 100 Kilometer westlich von Berlin, das bis heute schwerste Zugunglück in Deutschland. Ein aus Berlin kommender Reisezug fuhr in der eiskalten Nacht auf einen kurz vor dem Bahnhof von Genthin stehenden Personenzug auf. Der stehende Zug war im vorweihnachtlichen Reiseverkehr hoffnungslos überfüllt. Selbst der angehängte Paketwagen war mit Passagieren vollbesetzt. Mindestens 186 Menschen starben nach offiziellen Angaben; andere Quellen sprechen gar von 400 Toten.

Es existieren mehrere Theorien darüber, wie es zu dem Unfall kommen konnte: Hat der Lokführer des auffahrenden Zuges mehrere Haltesignale übersehen? War er möglicherweise von den Rauchgasen seiner eigenen Lokomotive benebelt? Sowohl ein Schrankenwärter als auch ein Streckenposten im Stellwerk hatten vergeblich versucht, die Katastrophe zu verhindern. Letzterer schlug, so sagte sein Kollege es aus, kurz vor dem Aufprall die Hände vors Gesicht:

"Dann der harte metallische Schlag. Eisen auf Eisen, das Kreischen der sich ineinander bohrenden Wagen, das Knirschen der sich stauchenden Bleche, das Krachen und Splittern zerberstenden Holzes. Alles in eins. Mit einer solchen Gewalt, dass es im Umkreis von zehn Kilometern zu hören ist. Die Leute schlafen und schrecken aus dem Schlaf hoch. Dann wieder Stille. Noch tiefere Stille."

Lücken bei der Aufarbeitung

Gert Loschütz wurde 1946 in Genthin geboren. Das verbindet ihn mit dem Ich-Erzähler seines neuen Romans. Vandersee heißt er und ist von Beruf Kulturjournalist. Er lebt in Berlin, seit seine Mutter mit ihm in den 1950er-Jahren die DDR in Richtung Westen verlassen hat. Nun macht Vandersee sich an die Rekonstruktion des Zugunglücks, stöbert in Archiven, liest Zeugenaussagen und Polizeiprotokolle, versucht sich ein schlüssiges Bild der Ereignisse zu machen und stößt dabei immer wieder auf Lücken, die nur mit Mutmaßungen zu füllen sind.

"Besichtigung eines Unglücks" besteht aus drei langen, jeweils etwa 100 Seiten umfassenden Kapiteln, denen zwei eher fragmentarische kurze Kapitel angehängt sind. Die große Kunst dieses Romans besteht, wie auch schon in früheren Büchern von Gert Loschütz, darin, dass er auf den ersten Blick scheinbar unzusammenhängende Ereignisse auf so elegante wie nahezu unmerkliche Weise miteinander verbindet. Erst zum Schluss bemerkt man, dass jedes Detail einen Sinn und eine Funktion hat.

Bei der Durchsicht der Liste der Toten und Verletzten des Zugunglücks stößt Vandersee auf die Namen Giuseppe Buonomo und Carla Finck. Die beiden reisten offenbar gemeinsam, aber warum? Er war ein Vertreter aus Neapel, sie die halbjüdische Verlobte eines in Neuss lebenden Juden namens Richard Kuiper. Welche Verbindung bestand zwischen den beiden? Immer wieder lässt Loschütz seinen Ich-Erzähler die Bedingungen seines Schreibens reflektieren:

"Die Akten, die Briefe – ein ganz enges Korsett, in das ich mich hineinbegeben habe. Kaum Erfindungen möglich; nur Vermutungen, Rückschlüsse: Wenn das so ist, folgt daraus..."

Das stimmt so selbstverständlich nicht. Der Gegenbeweis dafür ist der Roman, den wir in den Händen halten: "Besichtigung eines Unglücks" ist ein feinsinniges, sprachlich genau gearbeitetes und spannendes Buch, das frei von Sensationsspekulationen Zeitgeschichte und literarisches Erzählen miteinander verbindet.

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk (imago / fStopImages / Malte Müller) (imago / fStopImages / Malte Müller)

"Nichtsein ist die Regel"

Loschütz‘ Verfahren ist eine Suchbewegung. Seine Sätze haben etwas vorsichtig Tastendes und enden oft in der Offenheit von drei Punkten. Zugleich aber hat Loschütz als ein versierter Autor sein Material fest im Griff. Das zweite lange Kapitel des Romans ist die Erzählung von Carla Fincks Geschichte, die sich wiederum mit dem Lebensweg von Vandersees Mutter Lisa kreuzt. Ihr, Lisa, ihrer unglücklichen Liebe zu einem hochtalentierten Musiker, ihrer gescheiterten Karriere als Violinistin und ihrem Ankommen in Berlin nach der Abreise aus Genthin ist das dritte Kapitel gewidmet. Zugleich kommt dort auch die Vaterlosigkeit des Ich-Erzählers zur Sprache, die zuvor als offensichtliche Leerstelle über dem Buch schwebt.

Es hängt tatsächlich alles mit allem zusammen, und in jedem Kapitel formuliert Gert Loschütz in einer neuen Variation das Generalthema, das dem Roman zugrunde liegt: Es geht um den Zufall, der buchstäblich die Weichen stellt, und um den Augenblick, der über das Glücken oder Misslingen von Lebensläufen entscheidet. So wie die Katastrophe von Genthin hätte vermieden werden können, wenn der auffahrende Zug, wie später berechnet wurde, vier Sekunden früher die Bremsung eingeleitet hätte, so bringt Loschütz seine Figuren immer wieder in Situationen, in denen ein Leben blitzartig eine neue Wendung nehmen kann.

Rührend, nicht sentimental

In einem der beiden kurzen Schlusskapitel ist es dann Vandersee selbst, der über das Verhältnis von Zeit und Tod nachdenkt:

"Dazu die Erkenntnis, dass vor meiner Geburt Millionen von Jahren vergangen sind und nach meinem Tod wieder Millionen von Jahren vergehen werden, so dass die Annahme, das Leben sei der Normalfall, als blanker Unsinn dasteht. Umgekehrt ist es: Nicht das Da-, sondern das Nichtsein ist die Regel."

Im Oktober dieses Jahres feiert Gert Loschütz seinen 75. Geburtstag. Seit 2005, seit dem Roman "Dunkle Gesellschaft", hat Loschütz ein herausragendes Buch nach dem anderen geschrieben. "Besichtigung eines Unglücks" fügt sich nahtlos in diese Reihe ein. Es ist eine Geschichte, die zum Schluss noch einmal eine geradezu rührende Wendung nimmt, ohne ins Sentimentale zu kippen. Auch das spricht für die Könnerschaft dieses Autors.

Gert Loschütz: "Besichtigung eines Unglücks"
Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main, 332 Seiten, 24 Euro.

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