Mittwoch, 11.12.2019
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteFirmenporträtDrachen als Vogelschreck09.09.2016

Geschäftsidee VogelscheucheDrachen als Vogelschreck

Eine Firma aus Meerbusch hat Erntedieben und unliebsamen Zaungästen den Kampf angesagt: Die Idee: Um Vogelschwärme von Äckern und aus Obstgärten zu vertreiben imitieren Drachen das Flattern von Greifvögeln. Doch damit das funktioniert, kommt es auf jedes Detail an. Denn so einfach lassen sich Star, Taube und Spatz nicht täuschen.

Von Alexander Musik

Star (Sturnus vulgaris), Schwarm landet auf einem Feld, Deutschland, Rheinland-Pfalz (imago / blickwinkel)
Kampf den Vögeln: Drachen sollen dabei helfen, Vogelschwärme von den Feldern zu vertreiben. (imago / blickwinkel)
Mehr zum Thema

Weinanbau Rettung vor der Kirschessigfliegen-Plage?

Kleingärten und Artenvielfalt Heimat für Molch, Hummel und Sperling

Hätte ihm sein Vater nicht freie Hand gelassen – Patrick Christopher wäre sicher nicht ins elterliche Drachenbaugeschäft eingestiegen. So aber machte er sich vertraut mit der Branche und blieb dabei, erzählt der groß gewachsene Mann mit dem grauen Haarschopf. Er zieht einen alten Produktkatalog aus einem Rollschrank im karg möblierten Büro: Das "Drachenjournal". Lenk- und Kampfdrachen aller Art sind da abgebildet, hergestellt einst von über 100 Mitarbeitern in Heimarbeit, sodann vertrieben an unzählige Spielwarengeschäfte. Auf den Fotos sind Patrick und sein Bruder Stuart noch kleine Jungen, die Drachen steigen lassen.

Noch immer ist der Verkauf von Drachen als Werbemittel ein Standbein von "Vogelscheuche.de". Doch immer wichtiger werden die daraus entwickelten Drachensysteme gegen Vögel, die Bauern und Winzern die Ernte wegfressen oder Golfspielern den englischen Rasen umpflügen, erzählt Drachenbauer Christopher:

"Wir haben zu jeder Jahreszeit eine neue Herausforderung, wo wir uns darüber wundern, mit welchen Problemstellungen die Kunden auf uns zukommen. Zum Beispiel eine Marina, die gesagt hat: Wir haben hier unsere Boote liegen, schön am Wasser, und die ganzen Möwen sitzen überall rum und machen alles voll. Denen haben wir auch Drachensysteme aufgestellt."

Flattern wie die lebendigen Vorbilder

Drachensysteme – das sind extrem leichte Drachen mit Raubvogelsilhouetten, montiert auf die Spitze von zehn bis 35 Meter hohen Alu-Ruten, die hoch über dem Acker schweben. Selbst bei kleinsten Böen schwingen sie, den Flattermodus von Greifvögel imitierend, hin und her und schützen so eine Fläche von 1,5 bis 3,5 Hektar. Lautlos und ohne Gifteinsatz. Es kommt aber auf's Detail an, erläutert Firmenchef Christopher:

"Wir haben ganz schnell festgestellt, dass wir nicht einfacheinen Drachen aus dem Regal rausnehmen können, sondern wir haben dafür extra einen Drachen entwickelt, weil der muss so ein paar Herausforderungen haben, die einfach da sind: Thema superleichter Wind.

Gerade so am Bodensee, im Weinanbaugebiet, da haben wir oft sehr wenig Wind, da muss ein Drachen her, der sehr leicht konstruiert ist, der aber auch stabil genug ist, dass er, wenn mal wirklich n Sturm aufkommt, den Wind noch aushält."

Produktion und Vertrieb sind seit 1996 auf einem ehemaligen Bauernhof in Meerbusch in der Nähe von Düsseldorf angesiedelt. Die Firma liegt inmitten von Weizenfeldern und ist nur über einen Güterweg zu erreichen. "Vogelscheuche.de" - das sind drei Mitarbeiter – Rentner, die sich etwas hinzuverdienen – und Patrick Christopher und Bruder Stuart als Geschäftsführer.

Hochsaison im Drachenland

Winzer klagen über Ernteschäden durch gefräßige Vögel. (picture alliance / Patrick Seeger)Trauben an einem Rebstock (picture alliance / Patrick Seeger)

Derzeit ist Hochsaison, meldet die Homepage der Firma, man sei telefonisch daher nicht immer sofort erreichbar. Sogar die Vorführmodelle auf dem firmeneigenen Versuchsfeld sind im Einsatz. Patrick Christopher führt in die Werkstatt und das kleine Lager, wo Dutzende Ruten aus Flugzeugaluminium in ein Hochregal einsortiert sind.

 "Hier ist eines der großen Systeme, das hat einen Rohrdurchmesser von knapp 60 Millimeter", erklärt er, " das ist ein ordentlicher Trümmer, der braucht einen richtigen Bohranker, das ist dieser große Schraubanker, den ich aus dem Regal ziehe, der ist so 80 cm groß, der wird dann in die Erde reingeschraubt wie ein großer Korkenzieher. Da kann man sehen, da ist Kraft hinter, der muss robust gebaut sein!"

Die Drachen selbst bestehen aus Segel-Spinnaker-Nylon und werden – wie die Alu-Ruten auch - in kleinen Stückzahlen zugeliefert. Christopher nimmt einen Drachen aus der Verpackung; blitzschnell ist er entfaltet.

 "Da kommt einmal die Spannstange rein, das ist das, was die Vögel davon abhält, die sehen hier diese beiden Kiele, diese Drachenteile, die roten, die sehen das als Greifvogel an, Greifvogel, der beide Greiffüße aufgespannt hat, das ist das, was die vertreibt."

Weltweiter Einsatz der Pseudogreifvögel

Tausende Drachensysteme seien weltweit im Einsatz, so Christopher – selbst auf Hawaii, Aruba oder in Korea. Nie hätte er damit gerechnet, dass "Vogelscheuche.de" so erfolgreich sein würde. Über Umsätze möchte er gleichwohl nichts sagen. Der Erfolg liegt wohl auch daran, dass Landwirte und Winzer hungrige Vogelschwärme immer seltener mit Schussapparaten verjagen. Denn Neubausiedlungen rücken landauf, landab an Äcker und Weinberge heran – und damit Klagen der Anwohner über Geräuschbelästigung.

Ab 200 Euro ist eine 10-Meter-Rute für 1,5 ha zu haben. Eine Garantie, dass die Vögel dann wegbleiben, gibt es freilich nicht. Sie reagieren je nach Art und Region verschieden auf die schwebende Illusion. Doch viele Anrufer bestätigten Christopher, dass sich die kleine Investition gelohnt hat. Schmunzelnd erinnert er sich an einen besorgten Landwirt aus Dresden:

"Der rief uns extra an, kurz nachdem er das aufgestellt hat und meinte, wenn das nicht hilft, ich mach mich bei meinen ganzen landwirtschaftlichen Kollegen lächerlich! Und das war dann so, dass die Nachbarn nach zwei Wochen anriefen: Hören Sie mal, Sie haben doch dem und dem ein Drachensystem verkauft. Ich brauch auch eins!"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk