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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenRecht haben wollen und Renitenz17.06.2021

Geschichte des QuerulantentumsRecht haben wollen und Renitenz

Querulanten beschäftigen Ämter und Gerichte oft jahrelang mit ihren Klagen. Sie sind Gegenstand juristischer Diskussionen, psychiatrischer Falldarstellungen und literarischer Werke. Die Grenzziehung zwischen hartnäckigem Kampf um ein vermeintliches oder tatsächliches Recht und "Wahnsinn" ist heikel.

Rupert Gaderer im Gespräch mit Dörte Hinrichs

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Mads Mikkelsen als Michael Kohlhaas führt bewaffnete Fehde gegen die Obrigkeit - Filmszene aus THE LEGEND OF MICHAEL KOHLHAAS, 2013.  (imago/Courtesy Everett Collection)
Michael Kohlhaas - der historisch-literarische Prototyp des Querulanten aus moralisch nachvollziehbarem Grund (imago/Courtesy Everett Collection)
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"Querulieren - Kulturtechniken, Medien und Literatur 1700 bis 2000", so lautet der Titel einer umfangreichen Studie von Rupert Gaderer vom Germanistischen Institut der Uni Bochum. Schon am Beginn des Betrachtungszeitraums kommt es zu einem Bedeutungswechsel vom einem neutralen zu einem negativ besetzten Begriff des Querulanten, erklärt der Studienautor: 

"Im 18. Jahrhundert bezeichnet der Querulant ganz normal einen Kläger und der Querulat ist der Angeklagte. Etymologisch lässt sich das auf 'quere', sich beklagen und "querela", die Klage zurückführen. Was nun aber im 18. Jahrhundert beginnt, ist, dass das Querulieren mehr und mehr in eine Verwandtschaft mit Zänkern, Streitern oder Klagebolden gebracht wird."

Preußische Bürokratie bringt Typus des Querulanten hervor

Ausgangspunkt dafür seien die Gesetzesänderungen gewesen, mit denen Preußen dem Bürgertum einen offeneren Zugang zum Recht gewährleisten wollte, so Gaderer: "Und je mehr die Souveräne die Barrieren abgebaut haben, umso mehr wird geklagt. Und eine Reaktion, könnte man sagen, auf diesen geöffneten Rechtszugang ist die Erfindung des Typus des Querulanten um 1800 in einem ganz exakt bestimmbaren Bereich, nämlich in der preußischen Bürokratie."

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Das Klagen und Streiten könne seit dieser Zeit als Seismograph für sozioökonomische Veränderungen gelesen werden - denn meist gehe es um Besitzkonflikte: "Die Rappen des Roßhändlers etwa oder das Stück Land, das einem Bauern weggenommen wird, eine Versicherungssumme oder die Rente bei Versicherten um 1900, oder eben auch Patentstreitigkeiten." 

Michael Kohlhaas - Rechthaben wollen um jeden Preis

Dass es einen Rechtsweg gibt, bedeutet nicht zwangsläufig, dass einem Gerechtigkeit zuteil wird - diese Erfahrung ist der Auslöser für den düsteren Titelhelden in Heinrich von Kleists Novelle "Michael Kohlhaas", Gewalt anzuwenden: "Am Ende der Novelle wird Michael Kohlhaas sein Recht zugesprochen. Aber sein Leben wird ihm abgesprochen. Es ist in der Rechtswissenschaft Michael Kohlhaas mittlerweile ein Plichtstoff für Einführungsvorlesungen und die Psychiatrie kennt seid geraumer Zeit das sogenannte Michael-Kohlhaas-Syndrom."

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Ab welcher Schwelle ein - zumindest von der Umwelt so wahrgenommenes - unverhältnismäßiges Beharren auf einem tatsächlichen oder vermeintlichen Recht als "wahnhaft" anzusehen ist, diese Entscheidung treffen Psychiater und Gutachter. Und deren Kriterien müssen nicht zwangsläufig objektiv sein: "Das Querulieren betrifft in den psychiatrischen Anstaltenlisten, vor allem Subalterne. Das heißt Handwerker, Bauern, Wegemacher, die in den Verdacht gerieten, querulantenwahnsinnig zu sein." 

Wer penibel darlegt, dass er nicht wahnsinnig ist, ist wahnsinnig

Die Diagnose "Querulantentum" eignet sich im Grundsatz durchaus, kritische Stimmen "ruhigzustellen": "Auf jeden Fall war das damals möglich, dass Menschen, die ihr Recht erlangen wollen, zu Unrecht in die Psychiatrie interniert wurden." Rupert Gaderer schildert den Fall eines um das Jahr 1900 herum als Querulant in der Uniklinik Giessen internierten Büroschreibers, der in einem akkurat geschriebenen und penibel argumentierten Brief seine Entlassung zu bewirken versucht. "Und der Psychiater macht den Punkt am Ende des Gutachtens, indem er sagt: Genau das zeigt, dass er querulantenwahnsinnig sei, denn er versucht, Vernunft zu simulieren."

Eine historische Untersuchung des Querulierens könne zumindest "auf bestimmte Schwachstellen in einem Rechtssystem aufmerksam machen", so Gaderer. Und die Geschichte des Querulanten habe auch bis heute nicht geendet - ganz im Gegenteil. Das Phänomen sei vom analogen zu digitalen Medien gewechselt: "Denn es lässt sich zeigen, dass natürlich auch soziale Medien und Netzwerke mittlerweile ein Schauplatz für das Querulieren geworden sind."

Sind die "Querdenker" Querulanten?

Trotz der anderen etymologischen Herkunft - für Rupert Gaderer lassen sich "Parallelen zeigen zwischen den Querdenkern und dem Querulieren". Die Querdenker argumentierten mit dem Gesetz bzw. beriefen sich jeweils auf das Grundrecht. "Also etwa der Satz 'Das Tragen der Maske ist rechtswidrig' ist ein Satz, der natürlich eine querulatorische Pointe hat."

Ein Mann trägt auf einer Demonstration der Initiative «Querdenken» ein Schild mit der Aufschrift «Keine indirekte Impf-Pflicht». Die Demonstration richtet sich gegen die Pandemie-Einschränkungen der Bundesregierung - Abstandsregeln und das tragen von Masken wurde größtenteils missachtet. (picture alliance/dpa | Christoph Schmidt) (picture alliance/dpa | Christoph Schmidt)Rechtsextremisten und ″Querdenken 711″Rechtsextremisten seien bereits sehr früh ein ″Bündnis mit den Querdenkern eingegangen″, sagte der Journalist Olaf Sundermeyer im Dlf. Zwar sei die Mehrheit der Querdenken-Bewegung friedlich – die Radikalisierung nehme aber zu.

Und wie beim Querulieren ginge es auch bei den Corona-Querdenkern darum, eine Publizität zu entwickeln. "Das heißt, es werden Kulturtechniken, Medien aktiviert, um Schauplätze zu entspannen, auf denen ein Unrecht, ein vermeintliches Unrecht ausgestellt wird. Diese Schauplätze sind jetzt nicht nur Stuttgart und Berlin, sondern es sind natürlich auch virtuelle Foren und soziale Medien, in denen diese Protagonisten versuchen, ihr vermeintliches Recht auszustellen."

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