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StartseiteCorsoSelfies bringen die Welt zum Lächeln07.12.2016

Geschichte des SelbstporträtsSelfies bringen die Welt zum Lächeln

Das "Selfie" kam 2002 in die Welt. Es hat die Fotografie revolutioniert, sagt die Selfie-Forscherin Elizabeth Otto. Dauerlächeln auf allen Smartphones. Auch das Wort "Cheese" hat eine neue Bedeutung gewonnen.

Von Maximilian Schönherr

Die Darstellerinnen Sabrina Carpenter, Rowan Blanchard, and Danielle Fishelvon der Show "Girl Meets World" machen ein Selfie (imago stock&people/ZUMBA Press)
Die Darstellerinnen Sabrina Carpenter, Rowan Blanchard, and Danielle Fishelvon der Show "Girl Meets World" machen ein Selfie (imago stock&people/ZUMBA Press)
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Eine junge Frau allein in ihrer Wohnung, am Telefon. Ihr Gesprächspartner bittet sie um ein sexy Selfie. Sie öffnet ein wenig ihr Dekolleté, formt die Lippen zu einem Entenschnabel-Kussmund und drückt ab. Zu ihrem Schrecken ist auf dem Foto im Hintergrund der Umriss eines Manns zu erkennen. Der Mann ist nicht wirklich da. Seine Silhouette erscheint nur, wenn die Frau die Frontkamera benutzt. Ihr vergeht vor Angst das kecke Lächeln.

Dies ist einer von etwa 10 Millionen Videoclips im Internet über Selfies. In der IT gilt die Aufnahme des eigenen Gesichts als Megatrend. Und 99 Prozent der Gesichter lächeln, die meisten zeigen die weißen Zahnreihen.

Mehr Lächeln als früher

"Aus der Forschung wissen wir, dass im 19. Jahrhundert die Leute auf den Fotos gar nicht gelächelt haben. Erstens war die Belichtungszeit zu lang und zweites fiel es ihnen gar nicht ein", sagt Elizabeth Otto.

Die Kunst- und Medienhistorikerin Otto kam als positiv lächelnde Austauschschülerin nach Südkorea und war erschüttert, wie ernst ihre Mitschüler in der Klasse dreinguckten. Inzwischen lächeln auch die Koreaner auf ihren Selfies, mit oder ohne Stick, aber breit lachen tun sie noch immer nicht.

Die Selfie-Forscherin Elizabeth Otto posiert neben einem Bild und lächelt verschmitzt in die Kamera (Liz Rywelski)Die Selfie-Forscherin Elizabeth Otto vom Lehrstuhl für Kunst und Medien der Universität von Buffalo (Liz Rywelski)

"Aus der Genderforschung wissen wir, dass Frauen auf Fotos normalerweise mehr lächeln als Männer. Und es gibt auch Forschungen über Sozialschichten, ob man mit offenem oder geschlossenem Mund lächeln soll. Früher hatte man natürlich nicht unbedingt die besten Zähne. Es war aber auch zu viel, zu körperlich, wenn man auf einem Foto zu groß gelächelt hat."

Wissenschaftler der Universität von Kalifornien haben in einer Studie die Lippenkrümmungen auf Tausenden von Abiturfotos seit 1905 untersucht. Sie belegen, dass - zumindest in der westlichen Welt - das Lächeln drastisch zugenommen hat.

Ab Mitte des 19. Jahrhundert lichteten sich die frühen Fotografen gern durch den Spiegel ab: Sehr ernste technische Experimente. Das vermutlich erste Selfie, das auch so genannt wurde, stammt von 2002 - und es hatte ebenfalls eine ernste Ausstrahlung. Ein junger Australier war auf einer Party betrunken die Treppe hinuntergefallen und zeigte seine stark aufgerissene Lippe Freunden im Internet. "Sorry about the focus", entschuldigt bitte die Unschärfe der Aufnahme, "It was a selfie."

Käse und Backpflaumen

Inzwischen sind die Frontkameras der Handys fast so gut wie die, die die Welt vor uns herum aufnehmen, und es wimmelt von Apps, die aus einem bemühten Lächeln ein breites, freches, krankes oder verführerisches Lachen zaubern.

Die Computerindustrie hat das Selfie-Lächeln inzwischen in jedes Handy eingebaut. Die Kamera-App lässt sich durch Rufen des Worts "Cheese" aktivieren. Die wenigen Selfie-Smiling-Gegner, die es heute gibt, raten zu einem alten Fotografentrick: Sag statt "Cheese" lieber "Prunes". Das hält den Mund schön eng, krümmt die Lippen nach unten - und bedeutet: Backpflaumen.

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