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StartseiteSport am WochenendeKein Wunder von Köln29.11.2014

GeschichteKein Wunder von Köln

Ihren letzten großen Auftritt genoss Deutschlands älteste Fußballtribüne als Kulisse im Film "Das Wunder von Bern". Heute vegetiert das Stadion auf der Galopprennbahn Köln nur noch vor sich hin. Es steht unter Denkmalschutz, doch alle Bemühungen für eine Sanierung scheiterten bisher.

Von Thorsten Poppe

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft erzielt im neuen Kinofilm "Das Wunder von Bern" im WM-Finale am 4. Juli 1954 im Berner Wankdorfstadion einen Treffer (Szenenfoto). Im Mittelpunkt des Films steht der 11-jährige Matthias. Sein Idol ist der in der Nachbarschaft lebende Nationalspieler Helmut Rahn. Der Stürmer-Star ist für den Jungen auch Ersatz für den Vater, der in sowjetischer Kriegsgefangenschaft ist. Als dieser gebrochen heimkehrt, bringt er dem Sohn und dessen Freundschaft mit dem von allen nur "Boss" genannten Kicker kein Verständnis entgegen. Doch die Leidenschaft des Jungen für das Spiel auf dem Rasen bewirkt eine Wandlung des Vaters. Der überrascht Matthias schließlich damit, dass dieser das Endspiel auf besondere Weise erleben kann (picture alliance/dpa/senator film)
Der Film "Das Wunder von Bern" von Sönke Wortmann wurde zu großen Teilen auf einer alten Sportplatzanlage in Köln gedreht. (picture alliance/dpa/senator film)
Weiterführende Information

"Es muss ein Bern durch Deutschland gehen"
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 02.07.2004, Archiv)

"Weltmeisterschaftsendrunde in der Schweiz. Draußen am Flügel startet Rahn hinten rein. Deutschland im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft. Das ist ein echtes Fußballwunder. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt, Tor, Tor, Tor, Tor!"

Das Wunder von Bern - die Fußballszenen aus dem Erfolgsfilm Sönke Wortmanns wurden überwiegend auf einer alten Sportplatzanlage in Köln gedreht. Denn hier steht Deutschlands älteste Fußballtribüne. Und die hatte vor über 10 Jahren ihren letzten großen Auftritt als Kulisse des Berner Wankdorfstadions im Kino. Seitdem verfällt das im Jahre 1920 errichtete Bauwerk immer mehr, obwohl die Holz-Stahl-Konstruktion unter Denkmalschutz steht. Aber der Sportplatz wird schon lange nicht mehr bespielt, einst kickte hier der VfL Köln 99.

Leo Wilden ist Ex-Nationalspieler, und hatte seine große Zeit beim 1. FC Köln. Sein Heimatverein aber war der VfL. Er erinnert sich noch gut an die großen Fußballtage auf der "idyllischsten Vereinsanlage Deutschlands" wie es damals allgemein hieß:

"Ja, das war damals so, das stimmt schon. Da war ja die Tribüne, und alles schon da. Es ist wie ein Museumsstück. Wenn es geht, sollte man es erhalten als Erinnerung, und als Denkmal. Da ist ja immer viel Sport getrieben worden. Da waren die großen Zeiten des VfL 99, aber nicht nur vom VfL 99. Es waren nachher auch noch andere Vereine, die da mitgespielt haben."

Traditionsreicher Ort

Auf der Anlage selber riecht man noch fast die Fußballtradition. Wer sich durch die Sträucher und Hecken in die verrotteten Umkleiden kämpft, hat den typischen Kabinengeruch Generationen von Fußballern direkt in der Nase. Der VfL 99 zog hier sogar 1941 ins Endspiel um die Deutsche Meisterschaft ein. Danach ging es allerdings sportlich immer weiter bergab. Letztendlich wechselte der Verein in den 80ziger Jahren auf die neu errichtete Bezirkssportanlage ein paar hundert Meter weiter.

Die Tribüne geriet bis zu ihrem kurzzeitigen Comeback im "Wunder von Bern" in Vergessenheit. Bis sich einige Lokalpolitiker um Winfried Steinbach an sie erinnerten, und den Zerfall nun stoppen wollen. Er sitzt in der Bezirksvertretung des Stadtteils, und war schon als Kind auf der Anlage jeden Sonntag mit seinem Vater und Opa den VfL schauen.

"Einerseits werden sehr viele Kindheitserinnerungen wach, und ich sehe die Tribüne dann so wie sie mal war. Und Menschen, um mich herum, und Stars wie der Leo Wilden. Ich möchte diese Tribüne als Denkmal erhalten wissen. Der Sportwelt, der Fußballwelt, aber auch der Zeitgeschichte an sich."

Die Tribüne hat allerdings auch mit ihrem Standort Pech. Sie steht am Rande der Pferderennbahn, und gehört damit formal dem Kölner-Rennverein. Und der hat überhaupt keine Verwendung für das Bauwerk weit weg von seiner eigentlichen Sportstätte. Deshalb schätzt Geschäftsführer Benedikt Faßbender-Fiegl die Chancen für einen Erhalt mehr als schlecht ein. Zumal ihr aktueller Zustand mehr als marode ist.

"Wir haben nach dem Auszug des VfL 99 da ganz viel Probleme mit Vandalismus gehabt. Und natürlich ist da baulich nichts mehr geschehen, weil das Gebäude ist nicht irgendwie für uns nutzbar, wenn es doch wenigstens in der Nähe des Geläufs stehen würde, dann könnte man wenigstens sagen, dann können Zuschauer die Rennen schauen."

Ungeklärte Zuständigkeiten

Dazu stellt sich die Situation noch komplizierter dar. Denn wer letztendlich für das Gelände, auf dem die Tribüne steht, die Verantwortung trägt, ist unklar. Seit Jahren wird sich darüber zwischen Stadt, Bezirk, und der Rennbahn der Ball hin und her gespielt. Denn für den Rennverein ist es ein Bauwerk ohne Nutzen, und für die Stadt ein potenzieller Kostenfaktor. Ein Teufelskreis den Winfried Steinbach mit einem Runden Tisch nun zerschlagen will, an dem neben der Politik und dem Rennverein, auch die Denkmalbehörde Platz nehmen soll.

"Dieses Ding steht da, und man streitet sich zum Teil sogar darum: Steht es jetzt auf städtischem Grund, steht es jetzt auf angepachtetem Grund vom Rennverein? Man freut sich ja nicht unbedingt diese Tribüne zu haben. Wenn man damit Besichtigungen machen könnte, und die in einem wohlfeilen Zustand wäre, und man dann jedes Mal pro Interessent 10 Euro Führung durch die Tribüne nehmen könnte, dann wäre man sicher sehr stolz auf diese Tribüne. Und dann würde man sich eventuell darum streiten, wem sie gehört. Aber so ist sie tatsächlich ein Klotz am Bein."

Und diesen Klotz will eben bisher keiner alleine tragen. Schon 2011 wollte die Politik dem Rennverein die Sanierung aufdrängen. Damals machte das Amt für Denkmalschutz allerdings klar, wie schlecht die Chancen dafür stehen. Denn da auf dem Gelände keine Spiele mehr stattfänden, gäbe es keine Einnahmen, die die Kosten einer Sanierung dämpfen würden. Somit könne der Rennverein als Besitzer des Denkmals darauf plädieren, dass die Instandsetzung wirtschaftlich unzumutbar sei. Das decke sich auch mit dem Denkmalschutzgesetz, und deshalb würde die Aufforderung zu einer Sanierung keinen Sinn machen.

Zumal es auf dem übrigen Gelände ebenfalls viel zu tun gebe. Denn schon der Rest der Anlage aus dem 19. Jahrhundert besitzt eine Menge Aufwendungen. Gerade die sich noch in Benutzung befindlichen Tribünen haben natürlich Priorität:

"Ich fange mal mit der Haupttribüne an, die noch aus der Gründerzeit ist. Von einem Schüler Gustav Eifells konzipiert worden ist, und natürlich für uns unter Denkmalaspekten eine große Herausforderung stellt. Die hat natürlich für uns oberste Priorität, weil sie direkt in den Rennbetrieb involviert ist. Dort auch die Zuschauer sind. Wir haben auch die zweite Tribüne, die unter Denkmalschutz steht. Und nur diese beiden Tribünen haben alleine im Jahr 2014 mal eben 400.000 Euro verschlungen."

Für Deutschlands älteste Fußballtribüne müsste man sogar noch viel mehr Geld in die Hand nehmen. Mindestens eine halbe Millionen Euro, wenn nicht sogar noch mehr würde eine Sanierung kosten. Doch da bisher weder die Zuständigkeiten geklärt, noch der runde Tisch bisher diese verfahrene Situation lösen konnte, zerfällt Deutschlands älteste Fußballtribüne stetig weiter, und lebt nur noch in der Erinnerung weiter.

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