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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturHitlers Macht - Wie kam es zum Führerkult? 18.05.2015

Geschichtliche AnalyseHitlers Macht - Wie kam es zum Führerkult?

In seinem Buch: "Hitler: Der Künstler als Politiker und Feldherr. Eine Herrschaftsanalyse" geht der Geschichtswissenschaftler Wolfram Pyta der Frage nach, warum sich der Diktator so lange an der Macht halten konnte. Dabei rückt er Hitlers Wirkung auf seine Generäle und die deutsche Bevölkerung besonders in den Fokus.

Von Michael Kuhlmann

Das Buch "Mein Kampf - 1. Band" von Adolf Hitler wird im Kunstmuseum in Solingen in der Ausstellung "Die verbrannten Dichter" gezeigt. (picture alliance / dpa /  Rolf Vennenbernd)
Das Buch "Mein Kampf - 1. Band" von Adolf Hitler im Kunstmuseum in Solingen. (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
Weiterführende Information

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(Deutschlandfunk, Das Feature, 22.05.2015)

Nationalsozialismus - Porträt einer Hitler-Anhängerin
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 04.05.2015)

Ausstellung "Perle des Reichs" - Wie die Nazis Wien sehen wollten
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 07.04.2015)

Der 23. März 1933 im Deutschen Reichstag: Es geht um das Ermächtigungsgesetz, und ein letztes Mal prallen die politischen Welten aufeinander. Auf der einen Seite der Vertreter der Republik, SPD-Chef Otto Wels, der nicht weiß, ob er den von SA-Trupps besetzten Saal lebend wieder verlassen wird. Ein Politiker mit der moderaten Rhetorik eines Demokraten.

"Freiheit und Leben kann man uns nehmen. Die Ehre nicht!"

Und auf der anderen Seite Adolf Hitler – der vor allem mit seiner Gestik und seiner Stimme zeigt, was die politische Stunde geschlagen hat.

"Ich glaube, dass sie für dieses Gesetz nicht stimmen, weil Ihrer innersten Mentalität nach die Absicht Ihnen unbegreiflich ist, die uns dabei beseelt. Und ich kann Ihnen nun sagen: Ich will auch gar nicht, dass Sie dafür stimmen! Deutschland soll frei werden, aber nicht durch Sie!"

Diese rhetorische Gewalt war eine Keimzelle von Hitlers Macht. Mit ihr fesselte er seine Zuhörer: 1920 in Münchner Bierkellern, 1940 im Berliner Sportpalast. Welche destruktive Kraft daraus letztlich erwuchs, das betrachtet Wolfram Pyta in seiner Herrschaftsanalyse. Hitler konnte sich allerdings nicht nur als Redner inszenieren, sondern auch mit seinen Schriften. Pyta nennt hier vor allem das Buch "Mein Kampf". Hier gerierte sich der Nationalsozialist als Schöpfer einer Weltanschauung und umschrieb auch einen Weg zu deren Verwirklichung. Wohl drängt sich die Frage auf, welch praktischer Stellenwert diesem Machwerk zukam – immerhin hatte wohl nur eine Minderheit der Deutschen "Mein Kampf" wirklich gelesen. Beim breiten Volk verfingen wohl vor allem Hitlers hochemotionale, messianische Inszenierungen als Redner. Nach ein paar Jahren der Diktatur waren immer mehr Menschen bereit, den Tyrannen für ein Genie zu halten. Pyta schreibt:

"Indem das klassisch-ästhetische Geniekonzept politiktauglich gemacht wurde, begünstigte es den Typus des unnachgiebigen politischen Entscheiders, der mit diktatorischem Anspruch auftrat. Für den Politiker Hitler bedeutete dies, dass er in die privilegierte Position des großen Vollstreckers schlüpfen konnte, bei dem sich der Genieanspruch am Grad der Durchsetzung bemaß."

Das Dämonische im "Genie"

Und bis 1940 schien ihm der Erfolg Recht zu geben. Pyta untersucht Hitlers Selbstverständnis als Künstler. Der Historiker denkt dabei wohlgemerkt nicht an den Maler Hitler, sondern an den verhinderten Theaterarchitekten und den Bewunderer Richard Wagners. Hitler habe anhand der Operninszenierungen studieren können, mit welchen technischen Mitteln man Emotionen erzeugt oder unterstützt. So gewann er eine Macht, mit der er jeden anderen charismatischen Herrscher in den Schatten stellen konnte. Zugleich, führt Pyta aus, hätte der "Künstler" als Politiker ohne jede rationale Hemmung seine Ideen entwickeln können: etwa seine Völkermordpläne. Und Pyta formuliert die These, das Künstlertum habe Hitler schwer angreifbar gemacht.

"Insofern stellt eine ästhetisch flankierte charismatische Herrschaft einen besonders explosiven Fall charismatischer Herrschaft dar. Eine Gefolgschaft liefert sich auf Gedeih und Verderb diesem politischen Führer aus. Ein Zugriff auf das Geniekonzept entband den Charismatiker von der Notwendigkeit, dem Volk beständig Beweise seiner politischen Leistungsfähigkeit zu präsentieren."

Pyta stellt klar, dass "Genie" hier kein positiver Begriff ist, sondern dass ihm in der deutschen Geistestradition von jeher potenziell auch etwas Dämonisches innewohnte. Seine destruktive Kraft entfaltete das Hitler'sche Geniekonzept vollends während des Zweiten Weltkrieges. Denn je mehr sich Hitler unter dem Eindruck militärischer Niederlagen vor öffentlichen Auftritten drückte, um so mehr litt seine charismatische Herrschaft. Aber da ihn die Menschen für ein Genie hielten, konnte er sich das leisten. Die professionellen Militärs aus dem Generalstab hatten mit ihren rationalen Argumenten gegen Hitler keine Chance mehr. Auch nicht, als sie ihn 1942 davor warnten, die Armeen bis an den Kaukasus zu führen – und damit die Ostfront zu überdehnen. Die Katastrophe von Stalingrad war vorhersehbar – sie war Hitlers Bankrott. Nun wuchs die Gefahr, dass seine Gegner im Generalstab Oberwasser gewannen. Das musste er um jeden Preis verhindern, denn:

"Hitler stand als warnendes Beispiel der unaufhaltsame Aufstieg Hindenburgs im Ersten Weltkrieg vor Augen – der aus der Position des Oberbefehlshabers im Osten in eine gewissermaßen exemte Position aufgerückt war und sich dem Zugriff des damaligen obersten Kriegsherrn entzogen hatte. Würde ein Spitzenmilitär nicht leicht zum Hoffnungsträger hinsichtlich der Kriegsziele werden? Und würde sich daraus eine Eigendynamik entwickeln, wenn sich der Eindruck verfestigte, dass der Ausstieg aus einem nicht siegreich zu beendenden Krieg nur ohne Hitler möglich war?"

Warum Hitler bis zuletzt auf seine Generäle zählen konnte

Bekanntlich gelang es dem Diktator, seine potenziellen Rivalen bis zuletzt kleinzuhalten. Auch im Desaster noch konnte Hitler auf viele willfährige Generäle zählen. Sie glaubten nun an ein gewandeltes Genie.

"Genialität bemaß sich nicht mehr an militärischen Taten, sondern erwuchs aus dem Willen eines zum Genie verklärten Individuums. Die Entkörperlichung und Verdunkelung des Geniekonzepts wurden damit auf die Spitze getrieben: Das von unbeugsamer Willenskraft zehrende Genie war für öffentliche Aufführungen ungeeignet. Es hatte weder Gesicht noch Stimme. Es ließ sich allein im Modus der Schriftkultur verbreiten sowie durch prophetische Gestalten verkünden."

Etwa durch Joseph Goebbels, der noch kurz vor seinem Selbstmord den Endsieg vorhersagte. Und die Infiltration wirkte bei vielen Deutschen noch lange über 1945 hinaus. Wolfram Pytas Herrschaftsanalyse macht zweierlei deutlich: wie ein militärischer Parvenü und Dilettant die stärkste Armee der Welt in den Untergang führte. Und: wie verheerend sich der Führerkult im Denken und Fühlen der Deutschen auswirkte. Pytas Darstellung breitet wohl keine wirklich neuen Fakten aus. Aber sie macht auf eine unbekannte Art bewusst, welch emotionaler Abgrund hinter der braunen Barbarei steckte – und wie tief diese Barbarei sich im Innersten vieler Deutscher verankert hatte:

"Geniegläubige verschreiben sich mit Leib und Seele der vermeintlich unerreichten Schöpferkraft ihres Abgotts. Die hingebungsvolle Unterwerfung unter das Genie ist kein serviler Akt erzwungener Untertänigkeit – sondern die extremste Form selbst gewählter Entmündigung."

Wolfram Pyta: Hitler: Der Künstler als Politiker und Feldherr. Eine Herrschaftsanalyse. Siedler Verlag, München 2015, 848 Seiten, 39.99 Euro.

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