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Geschlechterrollen in Albanien Mädchen unerwünscht

„Nur ein Sohn hält das Feuer im Haus am brennen“ – so heißt es in Albanien. Dieses traditionelle Rollenverständnis und die modernen Möglichkeiten der Pränataldiagnostik sorgen für eine sehr bedenkliche Entwicklung: Weibliche Föten werden aufgrund des Geschlechts abgetrieben.

Von Leila Knüppel | 18.04.2020

Ein Mädchen spielt im Park von Tirana mit Windrädern.
Ein Mädchen spielt im Park von Tirana mit Windrädern. (AFP / Gent Shkullaku)
Die Folgen des gestörten Gleichgewichts der Geschlechter sind dramatisch: Männer finden keine Frauen mehr; Gewalt, Prostitution und Menschenhandel wachsen.
Ohnehin ist häusliche Gewalt in Albanien alltäglich. Fast 60 Prozent aller Frauen sind mindestens einmal im Leben davon betroffen. Inzwischen zeigen sie die Täter öfter an. Das Tabuthema "Gewalt an Frauen" scheint im patriarchalen Albanien langsam ins Wanken zu kommen. Von Geschlechtergerechtigkeit ist das Land jedoch noch sehr weit entfernt.
Ultraschallbild eines zwölf Wochen alten Kinds im Mutterleib
Ärztin: "Ich nenne es Mord"
Gezielte Abtreibung weiblicher Föten ist auch in manchen Ländern Europas üblich - selbst wenn es illegal ist. Die Krankenhausärztin Rubena Moisiu aus Tirana beobachtet seit vielen Jahren das Phänomen der sogenannten "geschlechterselektiven Abtreibung".
Arlinda Shehus NGO arbeitet gegen geschlechterselektive Abtreibung. Sie selbst hat eine Tochter; ihr Mann möchte unbedingt auch einen mänlichen Stammhalter.
"Jede Menge Abtreibungen, damit sie einen Jungen bekommen"
In Albanien kennt jeder jemanden, der eine Frau kennt, die ein Mädchen abgetrieben hat, weil es ein Mädchen war. Vor Journalisten möchte darüber kaum jemand sprechen - die Betroffenen schämen sich. Wenn das Unrechtsbewusstsein da ist, warum ist es trotzdem so schwer, diese Praxis zu beenden?
Eine der letzten
Leben wie ein Mann, um frei zu sein
Im Dorf Lepush in den Bergen Nordalbaniens dürfen Frauen nicht viel. Das mündlich tradierte Gewohnheitsrecht "Kanun" setzt ihrer Freiheit enge Grenzen. Die 55-jährige Duni hat sich daher entschieden, als "Schwurjungfrau" zu leben - ehelos, aber dafür mit allen Vorrechten eines Mannes.
Ilda Cadra (l.) und die Juristin Elona Saliaj
Oft nur auf dem Papier gleichberechtigt
Bei einer Scheidung zu ihrem Recht zu kommen, ist für Frauen in Albanien oft ein steiniger Weg. Laut den Gesetzen herrscht zwar schon seit Jahren Gleichberechtigung. Aber in der Praxis merken die Anwältin Elona Saliaj und ihre Klientin Ilda Cadra nicht viel davon.
Die App "Entdecke deine Stimme" soll Frauen Hilfen gegen häusliche Gewalt an die Hand geben
Eine App gegen gewalttätige Männer
Vorschriften, Handykontrolle, Gewalt durch den Partner sind für viele Frauen in Albanien Alltag. Um Frauen in Bedrängnis zu unterstützen, haben drei Mädchen eine App namens "Entdecke deine Stimme" programmiert, die Strategien und Anlaufstellen aufzeigt.