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StartseiteAus Kultur- und Sozialwissenschaften"Zwischen männlicher Hegemonie und weiblicher Emanzipation"17.10.2019

Geschlechterrollen in der DDR"Zwischen männlicher Hegemonie und weiblicher Emanzipation"

In der DDR war die Gleichberechtigung nicht vollständig umgesetzt, sagte die Soziologin Sylka Scholz im Dlf. Frauen hätten weniger Lohn bekommen als Männer. Gleichzeitig aber seien das Familienernährer-Leitbild und die Hausfrau als Geschlechterbilder in der DDR verschwunden.

Sylka Scholz im Gespräch mit Barbara Weber

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Chemielabor der Universität Jena, undatierte Aufnahme von 1960. (picture alliance/dpa-Zentralbild/Universität Jena)
Die Zeitschrift "Sybille" sprach laut Forscherin etwas höherqualifizierte Frauen an, die vielleicht auch schon ein Studium absolviert haben (picture alliance/dpa-Zentralbild/Universität Jena)
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(Collage) "Wir haben es sehr geliebt, dass die Fotografen so toll waren, so unkonventionell und so innovativ/ Wir haben Bücher vorgestellt, Künstler vorgestellt/Features über Theater, über Poesie, über Kunst, über Schauspiel/Mich hat auch interessiert die Realität, so den Alltag reinzubringen in die Modefotos/ Man war einfach stolz, ein Teil dieser Zeitung zu sein."

Barbara Weber: "Sibylle" hieß die Frauenzeitung, die in der DDR damals heiß begehrt war. Einige Macherinnen des Blattes tauschten anlässlich einer Ausstellung vor zwei Jahren in Rostock ihre Erlebnisse aus - aufgenommen von einem Reporter des privaten Fernsehsenders MV1.

Um die "Sibylle" ging es unter anderem auch bei einem Vortrag vorgestern im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald und um die Frage: Wie emanzipiert waren die Frauen- und Männerbilder in der DDR?

Vor der Sendung fragte ich die Soziologin Sylka Scholz von der Universität Jena, auf welchen gesetzlichen Grundlagen die Stellung von Mann und Frau basierten?

Sylka Scholz: In der DDR wurde ja die Verfassung zur Gründung der DDR verabschiedet, und im Artikel 7 wurde festgelegt, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind, das heißt also, es wurde ein programmatisches Leitbild der Gleichberechtigung verabschiedet, und ganz wichtig war, dass auch gleichzeitig verfügt wurde, dass alle Gesetze, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenstünden, aufzuheben seien. Entsprechend war in der Verfassung sehr viel festgelegt bezüglich Erwerbslohn, Familiengestaltung, der Gleichstellung von unehelichen Kindern und Mutterschutz, sodass dieser Gleichberechtigungsgrundsatz also auch dann sehr schnell umgesetzt werden konnte.

Mechanikerinnen in der Endmontage der neuen elektronischen Schreibmaschine vom Typ "Erika 6006" im VEB Buchungsmaschinenwerk (BUMA) Karl-Marx-Stadt.  (picture alliance / ZB / Wolfgang Thieme)Arbeiten gehen trotz Kindern - in der DDR war das für viele Frauen Alltag (picture alliance / ZB / Wolfgang Thieme)

Das sah beispielsweise in der alten Bundesrepublik ganz anders aus, wo das ja ganz viele Jahre, also bis '57 und dann noch mal '59 gedauert hat, bis diese anderen rechtlichen Regelungen abgeschafft worden sind.

"Integration von Frauen in Erwerbsarbeit"

Weber: Trotzdem gab es ja Unterschiede in dem Männerleitbild und Frauenleitbild, was die Öffentlichkeit dominierte. Wie sah nämlich das Männerleitbild aus?

Scholz: Das Männerleitbild war in der DDR zunächst erst mal auf die Arbeitermännlichkeit fokussiert, das richtete sich also auch aus an der Aktivistenbewegung in der Sowjetunion, und ganz wichtig ist, dass es also so ein proletarisches Männlichkeitsbild war, was sehr stark mit Maschinen und Industriearbeit verknüpft war. Der Mann galt als Erbauer des Sozialismus.

Weber: Wie sah das denn jetzt bei den Frauen aus? Das heißt, welche Rolle spielte die Erwerbsarbeit bei Frauen?

Scholz: Die spielte eine ganz zentrale Rolle. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es ja einen sehr starken Arbeitskräftemangel, und es gab eine permanente Abwanderung insbesondere von Fachkräften nach Westdeutschland, und insofern wurden die Frauen von Anfang an in die Erwerbsarbeit integriert. Das war ja auch das Ziel der politischen Gleichstellung. Also die war sehr stark auf die Integration von Frauen in Erwerbsarbeit ausgerichtet. Man kann das an den Bildern sehen, dass die Frauen also auch am Anfang in der Schwerindustrie, im Bergbau mit tätig waren. Die Leitbilder waren die Traktoristinnen, die Kranführerinnen. Der Staat legte also ganz großen Wert darauf, dass die Frauen in die Erwerbsarbeit integriert waren und gleichzeitig auch qualifiziert wurden. Der Unterschied, könnte man sagen, war dann, dass das Frauenleitbild weniger stark individualisiert war im Gegensatz zu den männlichen Leitbildern. Also wenn man die anschaut, beispielsweise Irene Dölling hat ein Buch herausgegeben, dann sind die Männer häufig alleine, mit großen Maschinen und Anlagen dargestellt, während die Frauen häufiger bevorzugt am Fließband dargestellt werden.

Weber: Und wer übernahm dann die Hausarbeit? Vermutlich die Männer erst mal nicht.

Scholz: Nein, das war also ein ganz interessantes Thema, weil sich die DDR-Staatsführung zunächst darum gar nicht gekümmert hatte. Also die Hausarbeit musste neben der Erwerbsarbeit verrichtet werden, und das übernahmen dann in der Regel die Ehefrauen oder die weiblichen Familienmitglieder. Es gab ja am Anfang auch noch kaum öffentliche Kinderbetreuung, sodass die Frauen also zuschauen mussten, wie sie die Kinder betreuen lassen, wenn sie arbeiten gehen, aber man kann schon sagen, im Laufe der DDR-Zeit wurden die Männer dann doch immer stärker auch in die Familienarbeit involviert.

Weber: Wie veränderte sich das Leitbild dann später der Männer?

Scholz: Das ist ganz interessant. Also das Leitbild blieb weiter auf Erwerbstätigkeit fokussiert, und daneben tauchte das Leitbild des zärtlichen Vaters auf. Also ab den 1970er-Jahren kann man sehen, dass in der Presse zunehmend junge Väter auftauchen in sehr engen Beziehungen zu kleinen Kindern, also auch kleine Babys auf dem Arm halten. Dieses Bildsujet taucht praktisch parallel auf.

Die Modelfrau - an westlichen Normen orientiert

Weber: Jetzt wandelte sich ja auch die Rolle der Frau im Laufe der Zeit. Inwiefern? Sie haben sich ja die Frauenzeitschrift "Sibylle" näher angeschaut.

Scholz: Also im Gegensatz zu dem, was ich jetzt gesagt habe, den Vätern, wo beide Bilder so nebeneinanderstehen, wird das bei den Frauen verknüpft. In den 1970er-Jahren ist das Leitbild dann ganz klar: die berufstätige Mutter, weil man gemerkt hat, also dass es einfach nicht geht, dass die Frauen Kinder bekommen, Haushalt führen und erwerbstätig sind. Irgendwie musste das miteinander verknüpft werden. Deswegen hat sich die Frauenpolitik sehr stark darauf festgelegt, also die Frauen zu unterstützen mit Haushaltstag, mit dem sogenannten Babyjahr, also einer einjährigen Freistellung. Hier ging also Erwerbsarbeit und Mutterschaft sehr stark in einem Leitbild zusammen.

Drei Frauen mit Kittelschürzen und Kopftüchern stehen bei der Arbeit an einer Textilmaschine im VEB Kombinat Baumwolle in der DDR, aufgenommen in den 1980er Jahren (picture alliance/dpa/Wolfgang Thieme)Drei Frauen bei der Arbeit an einer Textilmaschine im VEB Kombinat Baumwolle in der DDR, aufgenommen in den 1980er Jahren (picture alliance/dpa/Wolfgang Thieme)

Das findet man auch in der Frauenzeitung "Sibylle". Die hatten ja auch den staatlichen Auftrag, ein neues Frauenbild zu kreieren, und man findet so in den 60er-Jahren junge berufstätige Frauen, das ist nicht die Arbeiterin, muss man sagen - dieses Sujet ist eigentlich eher hintergründig in der Zeitung -, sondern es sind etwas höherqualifizierte Frauen, die vielleicht auch schon ein Studium absolviert haben und die sich einbringen sollen in den Aufbau der Gesellschaft, aber gleichzeitig auch auf sich achten sollen, also modisch angezogen sein. Das war natürlich in der DDR, die hatte keine eigenständige Modeindustrie, aber gleichzeitig hat man gerade in der Zeitschrift "Sibylle" ja den Frauen auch gezeigt, mit dem Sibylleschnitt, was könnt ihr euch selber schneidern, damit ihr schick ausseht. Diese, sage ich mal, Anrufung zur Individualität, die ist im Laufe der Zeit immer stärker geworden. Also in den 1980er-Jahren entwickelte sich die Sibylle ja zu einem Forum von ästhetisch hochentwickelter Modefotografie, und damit verbunden war auch die Kreation - so haben wir das genannt - der Modelfrau, schon ein Frauenbild, das sich stärker an westlichen Normen orientierte. Also man kann sagen, da findet doch eine starke Pluralisierung des Frauenbildes statt.

Weber: Wenn Sie ein Fazit ziehen würden, wie emanzipiert waren letztendlich die Frauen- und Männerbilder in der DDR?

Scholz: Na ja, ich würde sagen, beide Geschlechter sollten ja in die Erwerbsarbeit integriert werden, und das hatte Folgen. Das Familienernährer-Leitbild und die Hausfrau, diese beiden Geschlechterbilder sind in der DDR verschwunden. Es bildete sich also so ein Doppelverdienermodell heraus, gleichzeitig kann man sagen, dass auch in der DDR die Gleichberechtigung der Geschlechter nicht vollständig umgesetzt war. Also wir haben niedrigere Frauenlöhne, die Frauen sind stärker verantwortlich für die Haus- und Familienarbeit, und wenn man sich dann den Arbeitsmarkt anschaut, dann sind in den Führungspositionen eindeutig mehr Männer als Frauen. Deshalb würde ich immer von einem Spannungsverhältnis zwischen männlicher Hegemonie und weiblicher Emanzipation in der DDR sprechen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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