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StartseiteForschung aktuellFoto-Fahndung mit 3D-Modellen17.10.2019

GesichtserkennungFoto-Fahndung mit 3D-Modellen

Mehrere Tausend Personen werden jedes Jahr vermisst. Die meisten tauchen wieder auf, einige bleiben trotz zunehmender Videoüberwachung verschollen. Forscher aus Tschechien wollen das ändern und haben ein System entwickelt, das eine 3D-Fotofahndung ermöglicht - allerdings mit Einschränkungen.

Von Piotr Heller

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Das Foto zeigt einen Computer-Bildschirm, auf dem ein menschliches Gesicht biometrisch vermessen wird. (dpa / picture alliance / picturedesk.com / Hans Ringhofer)
Computer-unterstützte 3D-Modelle von vermissten Personen sollen die Suche erleichern (dpa / picture alliance / picturedesk.com / Hans Ringhofer)
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"Wenn eine Person zur Polizei kommt und sagt: ‚Ich vermisse mein Kind.‘ In diesem Fall fragt die Polizei: ‚Gut haben Sie dann ein Foto?‘."

Mit diesem Foto kann die Polizei dann selbst nach dem vermissten Kind fahnden oder damit an die Öffentlichkeit gehen. Es gebe aber auch eine schnellere Möglichkeit für eine solche Fahndung, weiß der Biometrie-Experte Martin Drahanský von der Technischen Universität im tschechischen Brno.

"Die Polizei hat normalerweise den Zugriff zu allen Kamerasystemen irgendwo in der Stadt oder im Flughafen. Und diese Videosequenzen können dann durchsucht werden. Also falls sich eine Person im Bild befindet, die das Gesicht ähnlich dem Vorbild hat, dann kann schon ein Polizist aufmerksam gemacht werden: Okay in diesem Augenblick war wahrscheinlich die Person, die wir suchen, genau an dieser Position."

Das Problem ist aber, dass man trotz der Fortschritte bei der Gesichtserkennung heutzutage nicht ohne weiteres die Bilder vom Handy mit denen der Überwachungskameras vergleichen kann. Die Unterschiede in Position, Belichtung, Auflösung und Mimik lassen die Trefferquoten der Computerprogramme nämlich schnell sinken. Um dieses Problem zu lösen, haben sich Martin Drahanský und sein Team etwas einfallen lassen.

Plan: Deutlich höhere Trefferquoten als einfache Gesichtserkennungssoftware

"Normalerweise zeigen die Eltern ein Foto oder zwei Fotos, die sie irgendwo finden, aber sie vergessen immer, dass im Handy sie mehrere hunderte Videos und auch Bilder haben, die sie der Polizei zur Verfügung stellen können.

Und wenn wir solche Bilder bekommen und auch die Videos bekommen, können wir ein 3D-Geschichtsbild erstellen und für die Suche einfach verwenden."

Das System, das die Forscher entwickelt haben, kann also aus hunderten Bildern und Videos einer Person ein 3D-Modell des Gesichts berechnen.

"Es ist eigentlich ganz einfach. Im Video oder in den Bildern ist die Person zu einer konkreten Position zu sehen: Schaut nach links nach rechts nach oben nach unten. Und genau diese Bilder brauchen wir, sodass das Gesicht in unterschiedlichen Positionen auf den Bildern gezeigt wird. Und aus diesen Positionen können wir dann ein Bild zusammensetzen, was eigentlich ein 3D-Bild ist."

Martin Drahanský hat das mit Bildern seines Sohnes demonstriert. Das System zeigt tatsächlich ein realistisches 3D-Modell vom Gesicht des Kindes, man kann es drehen und von allen Seiten anschauen. Der Gedanke für die Fahndung ist nun folgender: Ein Computersystem nimmt die Bilder der Überwachungskameras und analysiert für alle Gesichter darin den Blickwinkel, die Belichtung und so weiter. Dann berechnet es mit dem 3D-Modell aus den Handyfotos, wie die gesuchte Person unter diesen Bedingungen aussehen würde. Diese Daten vergleicht es dann und soll – so der Plan – deutlich höhere Trefferquoten erzielen, als einfache Gesichtserkennungssoftware.

"Wir haben es gerade entwickelt und möchten mit den Tests jetzt anfangen. Das dauert sicherlich noch lange, bis wir wirklich etwas, was in der Realität einsetzbar ist, haben."

Das System wirft Fragen auf

Mindestens ein Jahr. Damit ist zwar klar, dass das Prinzip funktioniert, genaue Informationen zu den Trefferquoten gibt es noch nicht.

Doch die Idee wirft Fragen auf. Klar, bei der Fahndung nach vermissten Kindern, ist so ein System wünschenswert. Aber automatische Gesichtserkennung in der Öffentlichkeit ist auch immer heikel. Wäre es nicht denkbar, dass etwa ein Staat Menschen bei der Einreise auffordert, ihr Handy abzugeben, aus den Selfies darauf ein 3D-Modell erstellt und diese Personen dann auf Schritt und Tritt überwachen kann?

"Das dauert einfach lange, ich kann es mir nicht vorstellen, dass irgendwo auf der Grenze solche Herunterladestationen laufen würde, die dann alle Daten von den Besuchern bekommen kann. Und falls ja, dann ist es sowieso so zeitaufwendig, das Modell zu erstellen und es auch in der Realität zu verwenden, dass ich mir nicht vorstellen kann das ist wirklich irgendwie real wird, es einzusetzen."

Für Martin Drahanský sind es also technische Grenzen, die seine – zweifelsfrei gute und erstrebenswerte – Idee vor einer solchen, nicht-wünschenswerten Anwendung schützen.

Allerdings darf man bei technischen Grenzen nicht vergessen, dass viele von ihnen sich mit der Zeit verschieben.

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