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Gesundheitsversorgung der irakischen Bevölkerung

Engels: Gestern übten in Genf humanitäre Hilfsorganisationen einmal mehr Kritik an der Notversorgung der Menschen im Irak. Durch die vielfach unübersichtliche Lage und die anhaltenden Kämpfe können die Menschen nicht ausreichend mit Nahrungsmitteln und Wasser versorgt werden. Mitarbeiter vom Internationalen Roten Kreuz berichteten zudem von zahlreichen Toten und Verletzten in der südirakischen Stadt Hilla. Dort fehle es in den Krankenhäusern auch teilweise an medizinischem Material. Auch andere Hilfsorganisationen haben noch andere Mitarbeiter im Irak, darunter auch die Weltgesundheitsorganisation WHO. Vor einer knappen Stunde haben wir in Amman eine Mitarbeiterin der WHO erreicht. Es ist Melanie Zipperer. Frau Zipperer, welche Nachrichten erreichen Sie aus dem Südirak?

    Zipperer: In Basra hat die WHO zur Zeit kein Team, kein Büro. Allerdings haben wir Stand-By-Teams in Bagdad, die, sobald es die Sicherheitslage es erlaubt, auch nach Basra reisen werden, um dort die Gesundheitslage zu inspizieren. Allerdings haben wir bis jetzt noch keine Meldungen von Epidemien oder sonstigen Krankheitsausbrüchen gehört. Falls die Lage in Basra jedoch weiterhin so bleibt wie sie jetzt ist, und nur 50 Prozent der Bevölkerung Zugang zu Trinkwasser haben, kann es natürlich sehr schlimme Konsequenzen haben. Die Bevölkerung ist leicht anfällig für Cholera-Ausbrüche oder sonstige schwere Durchfallerkrankungen, wenn sie verschmutztes Trinkwasser zu sich nimmt.

    Engels: Sie haben es angesprochen. Sie haben Ihr Hauptquartier nach wie vor in Bagdad. Welche Nachrichten erreichen Sie von dort?

    Zipperer: Wir haben im Irak insgesamt ungefähr noch dreihundert Gesundheitsexperten, die für die WHO arbeiten. Ein Büro haben wir eben in Bagdad. Dort haben wir auch ein Lager, das vor Beginn des Krieges noch mit ungefähr fünfzehn Tonnen Medikamenten ausgestattet worden ist. In Bagdad haben wir auch erfreulicherweise bis jetzt noch keine Meldungen von Epidemien und Krankheitsausbrüchen. Allerdings kann sich das auch, wie gesagt, jederzeit ändern. Vor allen Dingen ist die WHO zur Zeit damit beschäftigt, Krankenhäuser weiterhin funktionsfähig zu erhalten und mit Medikamenten zu beliefern und weiterhin auch die gesamte Gesundheitslage zu inspizieren.

    Engels: Nun gab es ja gestern Meldungen, dass ein Krankenhaus in Bagdad getroffen sein soll. Hat das Ihre Arbeit beeinträchtigt?

    Zipperer: Wir haben von diesem Vorfall gehört. Wir haben auch letzte Woche davon gehört, dass ein Krankenhaus im nördlichen Regierungsbezirk vollkommen zerstört worden ist und auch ein Fahrer und seine Ambulanz von einer Bombe getroffen worden sind. Das sind natürlich schlimme Meldungen. Wenn die Lage sich weiterhin verschlechtert, die Krankenhäuser nicht mehr funktionsfähig sind und keinen Nachschub an Medikamenten bekommen, wenn die Patienten nur noch schlecht oder gar nicht mehr behandelt werden können, dann können wir wirklich von einer humanitären Katastrophe reden.

    Engels: Bekommen Sie von Ihren Mitarbeitern verlässliche Zahlen über Tote und Verletzte in Bagdad?

    Zipperer: Es sind keine verlässliche Zahlen. Es ist sehr schwer, mit unserem nationalen Personal in Kontakt zu treten. Es wird auch jeden Tag schwieriger, da die Kommunikation oft abbricht. Aber sie sind wirklich weiterhin rund um die Uhr im Einsatz, um die Lage soweit wie möglich zu überblicken.

    Engels: Sie haben eben davon gesprochen, dass Sie vor Ausbruch des Krieges die Vorratslager noch einmal gefüllt haben. Haben Sie denn nun die Möglichkeit, Ihren Mitarbeitern im Irak irgendwie Hilfsgüter medizinischer Art zukommen zu lassen?

    Zipperer: Im Moment ist der Zugang zum Irak sehr schlecht. Wir haben in den Ländern um den Irak herum Medikamente eingelagert. Das gilt für Syrien, Kuwait und auch für Jordanien. Wir haben letzte Woche aus unserem Lager in Italien Cholera- und Trauma-Kits bekommen, die hier jetzt in Amman liegen. Sobald die Sicherheitslage es erlaubt, werden diese in den Irak gebracht.

    Engels: Gibt es eine Zusammenarbeit mit den britischen und amerikanischen Truppen oder zumindest Vorgespräche, um das auf den Weg zu bringen?

    Zipperer: Die WHO arbeitetet nicht mit dem Militär zusammen.

    Engels: Wie steht es mit der irakischen Seite?

    Zipperer: Dazu möchte ich sagen, dass die WHO vor allem eine technische Organisation ist. Sie ist keine humanitäre Organisation, wie zum Beispiel das Rote Kreuz. Die Hauptaufgabe der WHO ist es, mit den Mitgliedsstaaten, und dazu zählt auch der Irak, zusammenzuarbeiten. Wir sind in ständigem Kontakt mit dem nationalen Gesundheitsministerium und versuchen dadurch das irakische Gesundheitssystem zu stärken.

    Engels: Das gelingt bislang auch einigermaßen?

    Zipperer: Ja, das gelingt eigentlich sehr gut. Wir haben Teams, die mit den Irakern zusammenarbeiten und so versuchen, die Medikamentenversorgung weiterhin zu sichern.

    Engels: Haben Sie denn Informationen über die Lage in den Städten, die ja lange Zeit umkämpft waren, zum Teil auch noch umkämpft sind? Das sind beispielsweise Nadschaf, Kerbela und Nasirija.

    Zipperer: Natürlich kann sich die Lage jeden Tag verschlechtern. Erfreulicherweise haben wir keinen Ausbruch von Epidemien. Aber die Risiken sind wie gesagt sehr groß, wenn sich die Trinkwasser- und Nahrungsmittelversorgung verschlechtert. Die irakische Bevölkerung insgesamt ist nach jahrelangen Kriegen und Sanktionen sehr geschwächt. Allein von den 24 Millionen Irakern, die in diesem Land leben, sind die Hälfte Kinder. Die meisten von diesen Kindern werden untergewichtig geboren und sind sehr anfällig für Masern, Cholera, Typhus und andere Krankheiten. Wenn sich jetzt auch noch die Gesundheitsversorgung verschlechtert, dann ist einfach die Bevölkerung zu schwach, mit weiteren Risiken dagegen anzugehen. Das Oil-for-Food-Programm ist nicht mehr aufgenommen worden. Dadurch haben wir sehr viele Medikamente und sonstige Materialien in das Land geliefert. Deshalb kann das Risiko, dass Epidemien ausbrechen, täglich größer werden.

    Engels: Blicken wir noch kurz in den Nordirak. Dort ist es ja im Vergleich zu anderen Regionen noch vergleichsweise ruhig. Wie steht es um die Versorgung dort?

    Zipperer: Die WHO ist auch im Nordirak ständig im Einsatz. Wir haben noch drei Büros, in Suleymaniyah, Erbil und Dohuk. Dort haben wir in den letzten Tagen die Krankenhäuser noch gut erreicht und konnten sie auch funktionsfähig erhalten und mit Medikamenten beliefern.

    Engels: Vielen Dank, Frau Zipperer!

    Link: Interview als RealAudio