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StartseiteForschung aktuellGiftanschlag als medizinischer Modellfall05.08.2009

Giftanschlag als medizinischer Modellfall

Studie zur Dioxin-Vergiftung von Viktor Juschtschenko

Medizin. - Bei dem Dioxin, mit dem der heutige ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko vor fünf Jahren vergiftet worden ist, handelte es sich um die als Seveso-Gift bekannt gewordene, Dioxin-Verbindung TDCC. Das ergaben Analysen der EMPA in Zürich und der Universitätsklinik Genf. Der Dioxin-Abbau erfolgte bei Juschtschenko schneller als von Experten erwartet.

Deutlich gezeichnet Viktor Juschtschenko,  links  am 4. Juli 2004, rechts am 10.  Dezember 2004 (AP)
Deutlich gezeichnet Viktor Juschtschenko, links am 4. Juli 2004, rechts am 10. Dezember 2004 (AP)

Gerd Pasch: Vor fünf Jahren fiel der heutige Präsident der Ukraine einem Anschlag mit hoch konzentriertem Dioxin zum Opfer. Viktor Juschtschenko überlebte dank intensiver Beobachtung und Behandlung österreicher und schweizer Mediziner und Humantoxikologen. Heute steht in der medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet" eine wissenschaftliche Aufarbeitung des Falls Juschtschenko. Den Artikel mitverfasst hat Dr. Peter Schmid, an der EMPA, der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt bei Zürich, zuständig für die Chemie. Ihn fragte ich vor der Sendung nach dem wichtigsten Ergebnis der Langzeitstudie bei dem prominenten Giftanschlagsopfer.

Peter Schmid: Meine wichtigste Erkenntnis, oder unsers wichtigste Erkenntnis war eigentlich die Erkenntnis aus unseren eigenen Untersuchungen, das ist der Nachweis der Abbauprodukte, also dass Dioxin im Körper abgebaut werden kann und welche Stoffe dabei entstehen. Es hat bis jetzt darüber Vermutungen gegeben, aber nachgewiesen hat man sie noch nicht bisher. Die andere wichtige - es sind eigentlich zwei wichtige Erkenntnisse - ist die - das ist aus medizinischer Sicht eine sehr wichtige Erkenntnis -, dass Dioxine schneller abgebaut werden können, als man bis jetzt gedacht hat. Also die Abbaugeschwindigkeit, die wir bei Viktor Juschtschenko beobachtet haben, ist etwa fünfmal schneller, als es bei der allgemeinen Bevölkerung, also bei uns, die wir Dioxine nur in sehr geringen Mengen im Körper haben, ist.

Pasch: Wie sind sie denn auf dieses künstlich zusammengesetzte Dioxin TCDD gestoßen?

Schmid: Das sind nicht wir selber, also wir sind nicht zu Beginn der Untersuchung einbezogen worden. Die Geschichte war so, dass Viktor Juschtschenko erkrankt ist, und man hat dann schon an eine Vergiftung gedacht, also man hatte überhaupt keine Ahnung gehabt, was denn dieses Gift sein könnte. Erst einige, ich glaube mehr als einen Monat später, als diese Chlorakne, also diese spezielle Akneform das Gesicht von Herrn Juschtschenko verunstaltete, hat ein Mediziner, notabene in England, aufgrund dieses Bildes die Hypothese aufgestellt, dass es sich um eine Dioxinvergiftung handeln könnte, und man hat dann erst nach Dioxin gesucht, als diese Vermutung da war. Wenn jetzt Viktor Juschtschenko in dieser Zwischenzeit gestorben wäre, hätte man bei einer gerichtsmedizinischen Untersuchung Dioxin mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gefunden, weil die Konzentrationen sind so gering, dass bei einem normalen Screening auf Gifte diese Substanz durch die Maschen gehen würde. Man findet es also nur, wenn man ganz gezielt danach sucht.

Pasch: Wie haben Sie denn den Nachweis führen können?

Schmid: Wir haben ja gewusst, dass es sich um TCDD gehandelt hat. Wir haben das dann auch noch bestätigt durch eigene chemisch-analytische Messungen, dass wir nur das TCDD gefunden haben. Dioxine sind ja eine Substanzgruppe von sehr vielen verschiedenen Verbindungen. Und die giftigste davon, das ist das TCDD, das ist das sogenannte Seveso-Dioxin, das auch beim Chemieunfall von Seveso in die Umwelt gelangt hat und das eben diese sehr, sehr starken biologischen und toxischen Wirkungen ausüben kann. Wir haben nachweisen können, dass diese Verbindung sehr rein abgewendet wurde.

Pasch: Wie kamen sie an die Proben auch von dem prominenten Giftanschlagsopfer?

Schmid: Wir haben mit dem Universitätsspital Genf zusammengearbeitet. Wir haben für die eigentlich die Analysen, alle chemischen Analysen durchgeführt. Viktor Juschtschenko war in Genf in Behandlung. Es wurden ihm Proben genommen, alle möglichen Proben, Blutproben, Gewebeproben, Zystenproben. Die Genfer Klinik [hat sie] an uns zur Untersuchung geschickt. Das ist eine Zusammenarbeit zwischen den behandelnden Ärzten und uns als analytischen Spezialisten auf dem Gebiet der Dioxine.

Pasch: Sie sagten eingangs, das Dioxin hat sich schneller im Körper abgebaut, als bisher gedacht. Gibt es eine generelle Übertragbarkeit, oder anders gefragt: Ist Dioxin harmloser als gedacht?

Schmid: Nein, das würde ich nicht so sagen. Ich denke, es ist vielleicht ein bisschen harmloser in dem Sinn, dass eine hohe Dosis schneller ausgeschieden wird, als eine kleine Dosis. Aber eine hohe Dosis ist natürlich immer eine sehr hohe gesundheitliche Gefährdung. Ich denke, man kann in einem so speziellen Vergiftungsfall wie von Viktor Juschtschenko mit einer schnelleren Abbau oder Ausscheidung rechnen. Aber für die generelle Bevölkerung ändert sich nichts.

Pasch: Bleibt abschließend noch die Frage nach der Krebsgefahr? Wie sieht die aus? Können Sie die abschätzen?

Schmid: Das ist schwer zu sagen. Ich denke, Dioxin hat neben Krebswirkungen andere toxische Wirkungen. Also ich denke vor allem an Leberprobleme. Alles, was von der Leber ausgeht, da die Leber ja eigentlich ein wichtiges Entgiftungsorgan ist, könnte ich mir vorstellen, dass da auch Probleme auftreten könnten durch Dioxin.

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