Andruck - Das Magazin für Politische Literatur 23.09.2019

Gilles Kepel"Chaos. Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen"Von Jürgen König

Beitrag hören  Kepel sitzt in einem düsteren Raum vor einem, Bücherregal und lächelt in die Kamera. Auf sein Gesicht fällt Tageslicht. (AFP  / JOEL SAGET)Der französische Islamwissenschaftler Gilles Kepel 2012 im Paris Institute of Political Studies (AFP / JOEL SAGET)

Sunniten gegen Schiiten, Islamisten gegen die "Ungläubigen" in aller Welt. Weiter reicht das Verständnis für die Krisen in der muslimisch geprägten Welt oft nicht. Wer die Konflikte genau verstehen will, findet in Gilles Kepels Buch alle nötigen Informationen.

Seit über 40 Jahren recherchiert der Soziologe und Arabist Gilles Kepel in den muslimischen Ländern des Mittelmeerraums, führte Interviews ebenso mit Bauern und Taxifahrern wie mit hochrangigen Politikern und Religionsführern, mit Soldaten und Dschihadisten ebenso wie mit den Opfern terroristischer Gewalt. Sein neues Buch ist eine Art Zusammenfassung all der vorherigen: sein "opus magnum". Kepel beschreibt darin die gesamte politisch-religiöse, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung des Nahen Ostens, des Irans und Nordafrikas – seit 1973.

Im "Oktoberkrieg" dieses Jahres, gegen Israel geführt von Ägypten und Syrien mit dem Ziel, die von Israel im Sechs-Tage-Krieg von 1967 besetzten Golan-Höhen und den Sinai zurückzugewinnen: Darin sieht Gilles Kepel den Anfang der Entwicklung zum heutigen "Chaos".

"Am 16. und 17. Oktober 1973 beschlossen die [...] arabischen Erdölförderländer eine unilaterale Erhöhung der Rohölpreise um 70 Prozent und eine monatliche Senkung der Ausfuhren um 5 Prozent, die gelten sollten, bis die besetzten Gebiete wieder geräumt und die Rechte der Palästinenser anerkannt würden. [...] Damit war die entscheidende Waffe gefunden – sie wahrte den arabischen Kriegsführern auf dem Schlachtfeld das Gesicht und sorgte über diese politisch-militärische Episode hinaus für eine Erschütterung der Weltordnung."

Saudi-Arabien und die Golf-Emirate kamen sehr schnell zu einem nie dagewesenen Reichtum – aufgrund ihrer neuen geopolitischen Dominanz beanspruchten sie bald auch eine Vorrangstellung innerhalb der islamischen Welt: für ihre sunnitische Auslegung des Korans. Mit der iranischen Revolution und dem Auftreten Ayatollah Chomeinis fand sich dazu 1979 die Gegenkraft: Der Iran ist schiitisch geprägt – so wurde der Antagonismus von Sunniten und Schiiten die wichtigste Triebfeder der kommenden Krisen und Kriege.

Die neue muslimische Weltbeschreibung

Mit Gewaltakten wie der Fatwa gegen den britischen Schriftsteller Salman Rushdie hob Ayatollah Chomeini, wie Kepel schreibt, "die traditionellen Grenzen der muslimischen Weltbeschreibung auf", erklärte er die gesamte Erde zur "Domäne des Islam" – mit der Scharia als einzig gültiger Rechtsform.

"Das Konzept hinter dem Begriff 'Volk' [...] kam im islamistischen Vokabular nicht vor, die Islamisten bevorzugten den Begriff der 'Umma' – die Gemeinschaft der Gläubigen - der man kraft seines religiösen Bekenntnisses angehört und in der engagiertes Eintreten für die Scharia als Staatsnorm von Bedeutung ist."

Die zunehmende Islamisierung und Radikalisierung der politischen Ordnung führte bald schon zu kriegerischen Auseinandersetzungen "im Namen Allahs", geführt von Sunniten und Schiiten gegeneinander sowie gegen "Ungläubige". Die Jahrzehnte des Dschihad unterteilt Gilles Kepel im Sinne Hegel'scher Dialektik in drei Phasen.

"Der erste Dschihad unserer Zeit wurde in Afghanistan gegen die sowjetischen Besatzer geführt – gegen einen sichtbaren, einen 'nahen Gegner'. Der Kampf wurde gewonnen, aber die Sache des Islam aus Sicht der Dschihadisten nicht wirklich vorangebracht. Also suchte sich die Terrororganisation al-Qaida einen 'entfernten Gegner' aus – mit dem Höhepunkt der Zerstörung des World Trade Centers in New York, 2001. Das war spektakulär, doch im Sinne des sunnitischen Dschihad nicht 'erfolgreich'. Der Aufstand der muslimischen Massen blieb aus, im Irak stellte nach dem Sieg der Amerikaner die schiitische Bevölkerungsmehrheit die Regierung."

Missionierung und Radikalisierung

Die dritte Generation der Dschihadisten verbreitete sich über Netzwerke, so kam der Dschihad nach Europa, konnte die Terrororganisation "Islamischer Staat" große Gebiete im Irak und in Syrien besetzen.

"Die dritte Bewegung war dann im Hegelschen Sinn eine Art 'Aufhebung', die Negation der Negation: Der sogenannte 'Islamische Staat' kämpfte weder gegen den 'nahen' noch gegen den 'entfernten Feind', sondern radikalisierte via Internet junge Leute aus den westlichen Vorstädten: zum Kampf gegen ihre eigenen Gesellschaften. Man lockte sie auch nach Syrien, nach Libyen – was alles ungleich einfacher war, als etwa das World Trade Center zu attackieren."

Mit der Rückeroberung von Raqqa und Mossul sei die Periode des "Islamischen Staats" vorerst beendet, meint Gilles Kepel, der Niedergang des "Kalifats" habe die "messianischen Erwartungen" vieler Dschihadisten enttäuscht, die Lage habe sich, was die Gewalt angehe, etwas beruhigt.

"Gleichwohl besteht die salafistische Ideologie fort, und was frappiert, ist, dass sich neuerdings ein Teil der extremen Linken ihrer bedient. Sie sieht statt im Marxismus/Leninismus jetzt im Dschihad eine revolutionäre Bewegung, mit der 'westlicher Kapitalismus und Imperialismus' bekämpft werden kann - man spricht hier vom 'Links-Islamismus'."

Eine kenntnisreiche Darstellung der Krisen und ihrer Konsequenzen

Neben Islamismus und Dschihadismus hinterfragt Gilles Kepel auch die unterschiedlichen Ergebnisse des "Arabischen Frühlings" in Tunesien und Ägypten, die gesellschaftlichen Spannungen im Libanon, im Iran und im Irak; detailliert zeichnet er die Entwicklung der Kriege in Syrien, im Jemen und in Libyen nach, analysiert den Zerfall staatlicher Ordnungen, beschreibt die Hilflosigkeit des Westens bei der Suche nach Lösungsansätzen.

"Für uns Europäer bedeutet diese Situation eine unglaubliche Herausforderung. Die Europäische Union hat ihre Mittelmeer-Politik traditionell im Sinne einer Nachbarschaft funktionierender Staaten verstanden. Doch viele der Staaten südlich und östlich des Mittelmeers sind in Auflösung begriffen, das heißt: Die EU muss jetzt damit anfangen, Beziehungen zu den Gesellschaften dieser Länder aufzubauen, vor allem zu deren Jugend. Das verlangt eine mutige Politik, aber auch ein enormes Verständnis für das, was in der Region passiert. Deshalb habe ich das Buch geschrieben. Den Dialog zu führen ist sehr gut – aber man muss auch wissen, mit wem man es da zu tun hat."

Die schier überbordende Fülle des Stoffes strukturiert Gilles Kepel klar, die Übersetzung von Enrico Heinemann und Jörn Pinnow ist flüssig und gut verständlich. Und doch setzt das Buch einen strapazierfähigen Leser voraus, der gewillt ist, die muslimischen Glaubensrichtungen im Detail unterscheiden zu lernen und entsprechend die verschlungenen politisch-religiösen Wege der Akteure nachzuvollziehen – mitsamt all der Strömungen, der einzelkämpferischen Milizen, der rivalisierenden muslimischen Bewegungen, Gruppierungen, Organisationen und Parteien. Doch wer sich darauf einlässt, wird reich belohnt: Eine solch kenntnisreiche Darstellung der aktuellen Krisen Nordafrikas und des Nahen Ostens sowie des islamistischen Terrors, seiner Ursachen und seiner Folgen für die Weltpolitik hat es noch nicht gegeben. Geopolitische Karten, Register und Zeittafel machen den Band überdies zu einem Nachschlagewerk: ein grandioses Buch.

Gilles Kepel: "Chaos. Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen",
Kunstmann Verlag, 494 Seiten, 28 Euro.

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