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StartseiteForschung aktuell"Von den Inhalten der Klimagipfel bleibt nicht viel hängen"23.09.2019

Gipfeltreffen und ihre Wirkung"Von den Inhalten der Klimagipfel bleibt nicht viel hängen"

Mit UN-Klimagipfeln könne Aufmerksamkeit erregt werden, weil zu Beginn solcher Treffen intensiv berichtet werde, sagte der Kommunikationswissenschaftler Michael Brüggemann im Dlf. Doch Befragungen hätten auch ergeben, dass grundlegende Hintergrundinformationen die Menschen nicht erreichten.

Michael Brüggemann im Gespräch mit Arndt Reuning

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UN-Klimagipfel in New York  (imago/Vanessa Carvalho)
In diesem Jahr fand der UNO-Klimagipfel in New York statt (imago/Vanessa Carvalho)
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Arndt Reuning: Volker Mrasek zu der Momentaufnahme des Weltklimas der Weltorganisation für Meteorologie – und laut WMO enthält dieser Statusbericht alle Fakten, welche die Delegierten wissen müssen, die heute in New York zusammenkommen zum UNO-Klimagipfel. Dort sollen konkrete Pläne und Initiativen vorgestellt werden, wie die Mitgliedsstaaten des Pariser Klimaabkommens ihren Verpflichtungen nachkommen wollen. Und morgen beginnt dann in Karlsruhe eine etwas kleinere Konferenz, die einen Blick von außen auf solche Großveranstaltungen wie die in New York wirft: Der K3-Kongress untersucht, wie Erkenntnisse zum Klimawandel in der Gesellschaft kommuniziert werden. Mit einem der Teilnehmer habe ich vor der Sendung telefoniert, mit Michael Brüggemann, Professor für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg. Ich wollte von ihm wissen: Wie gut gelingt es denn solchen Mammutveranstaltungen wie dem UNO-Klimagipfel, die dort verhandelten Inhalte nach draußen zu kommunizieren, zu den Bürgerinnen und Bürgern?

Michael Brüggemann: Die Gipfel selber können ja gar nicht kommunizieren, das müssen ja Sie machen, also die Journalisten. Aber es gelingt schon, Aufmerksamkeit zu erregen, weil massiv berichtet wird, wenn diese Gipfel anfangen. Aber von den Inhalten bleibt nicht besonders viel hängen.

  (Sean Gallup / Getty Images) (Sean Gallup / Getty Images)

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Reuning: Können Sie das einfach mal an einem Beispiel erläutern?

Brüggemann: Ja. Also wir haben Befragungen in der deutschen Bevölkerung gemacht, jeweils während des Klimagipfels in Paris, und letztes Jahr dann noch mal wiederholt, und wir haben immer gesehen: Die Leute bekommen etwas mit, da gibt es einen Gipfel, haben ungefähr verstanden, worum es geht – aber Hintergrundinformation, worum es in Klimapolitik überhaupt geht und auch nur den Fakt, dass die Menschheit ihre CO2-Emissionen bisher überhaupt nicht effektiv reduziert hat oder dass wir in Deutschland viel mehr CO2 ausstoßen als in Ländern der Dritten Welt, diese ganz grundlegenden Hintergrundinformationen kommen bei den Bürgern leider nicht an.

Brüggemann: Pariser Klimagipfel hatte irrtümlicher Weise einen beruhigende Wirkung

Reuning: Aber es bleibt doch bestimmt ein gewisser Eindruck hängen von den Inhalten, die dort vorgetragen werden. Wie fühlen sich denn die Menschen dadurch, durch diese Kommunikation – eher verunsichert, beruhigt oder sogar vielleicht mobilisiert?

Brüggemann: Also bei dem Gipfel in Paris haben wir das ganz genau untersucht, und da waren während des Gipfels die Leute sogar enttäuscht und dachten, ja, wir wissen ja jetzt gar nicht, was da passiert, weil da nämlich tatsächlich die Medien alle am Anfang des Gipfels berichtet haben und dann die Berichterstattung nicht weitergezogen haben. Und nach dem Gipfel war es so, nach Paris vor allem, da haben die Leute gedacht, oh, schön, die internationale Klimapolitik tut etwas, es hat aber nicht mobilisierend auf sie selber gewirkt, sie haben nicht gesagt, ich selber muss jetzt auch was tun, und sie haben auch nicht gesagt, Deutschland muss jetzt in Vorleistung treten, sondern es war eher so ein beruhigender Effekt, ja, das läuft jetzt schon, in Paris haben sich die Leute ja auch alle auf die Schulter geklopft, das waren die Bilder, die durch die Medien gegangen sind, wir haben also das Klima jetzt in den Griff bekommen – was ein großer Irrtum war.

Reuning: Ja, ich denke, die Art und Weise, wie Ergebnisse zum Klimawandel kommuniziert werden, die hat sich auch verändert in den vergangenen zehn Jahren. Welche Rolle spielen denn in diesem Zusammenhang soziale Medien und Netzwerke mit ihren Filterblasen und mit ihren Echokammern?

Brüggemann: Die haben zunächst mal keine gute Rolle gespielt, weil sich in den sozialen Medien und in der Blogosphäre die Abstreiter des Klimawandels versammeln und vernetzen können und weiterhin den Stand der Forschung leugnen können, und seriös recherchierende Medien da dann in den Hintergrund treten. Also was was zum Guten verändert hat, war dann eben Fridays for Future, wo die Leute auf die Straße gegangen sind. Also das hat dann gar nicht mehr so viel mit den sozialen Medien zu tun, sondern ganz alte, klassische Demonstrationen, wo man auf die Straße geht und zeigt: Wir sind viele Menschen, die unzufrieden sind mit der bisherigen Klimapolitik.

Demonstranten nehmen am Klima-Protesttag von Fridays For Future vor dem Brandenburger Tor teil und stehen vor der Bühne.  (picture alliance/Jörg Carstensen/dpa) (picture alliance/Jörg Carstensen/dpa) Kommunikationsforscher: Fridays for Future adressiert "ganz, ganz klar die Politik" Der Klimawandel habe das Problem, dass es ein "abstraktes Thema" sei, sagte der Kommunikationsforscher Mike Schäfer im Dlf. Fridays for Future habe es aber geschafft, das Thema zu emotionalisieren.

"Fakten allein bringen Politiker nicht in Bewegung"

Reuning: Ja, also auf der einen Seite Desinformation, auf der anderen Seite eher eine emotionale Ansprache. Inwieweit sind denn dann Fakten und wissenschaftliche Ergebnisse zum Klimawandel noch relevant für politische Entscheidungen und auch gesellschaftliche Prozesse?

Brüggemann: Also emotionale Ansprache ist natürlich auch wichtig, um Menschen für etwas zu begeistern, oder auch Wut auszudrücken ist ja auch wichtig. Ja, und Fakten allein bringen Politiker nicht in Bewegung. Politik reagiert als System auf politischen Druck und nicht auf Forschungsergebnisse von Wissenschaft.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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