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StartseiteInterview"Glaube und Fundamentalismus sind nicht Schwestern"10.10.2006

"Glaube und Fundamentalismus sind nicht Schwestern"

Moraltheologe: Religiöser Fundamentalismus dient oft machtpolitischen Interessen

Der Moraltheologe Eberhard Schockenhoff hat sich gegen eine Vermischung von Glaube und Fundamentalismus gewehrt. Der Glaube sei nicht "eine Art Vorstufe des Fundamentalismus und dieser nicht eine Art übertriebener, verstärkter religiöser Glaube". Glaube und Fundamentalismus seien vielmehr Gegensätze.

Moderation: Christine Heuer

Die Spitzen des Minaretts der Sultan-Selim-Moschee, rechts, und des Turms der katholischen Liebfrauenkirche in Mannheim. (AP)
Die Spitzen des Minaretts der Sultan-Selim-Moschee, rechts, und des Turms der katholischen Liebfrauenkirche in Mannheim. (AP)
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Christine Heuer: In den USA sorgt ein Dokumentarfilm für heftige Diskussionen. "Jesus Camp" heißt er. Es geht um ein Ferienlager, in dem Kinder aus christlich-fundamentalistischen Familien für den Kampf gegen den säkularen Rechtsstaat geschult werden. Die Parallele zur Ausbildung junger islamistischer Krieger drängt sich auf und sie ist von den Veranstaltern des "Jesus Camp" auch gewollt. Deutschland ist nicht der mittlere Westen, aber auch hier gibt es immer mehr Freikirchler. Auch hier gibt es eine Renaissance des Religiösen. Woran liegt das? Hat es etwas mit dem Islam zu tun? - Am Telefon ist der Moraltheologe Eberhard Schockenhoff. Recht herzlichen guten Morgen!

Eberhard Schockenhoff: Guten Morgen Frau Heuer!

Heuer: Wir sind Papst und jubeln ihm dann beim Weltjugendtag auch zu Zigtausenden zu. Vielleicht das deutlichste Zeichen für eine Renaissance christlicher Gläubigkeit hierzulande. Gibt es diese Renaissance, Herr Schockenhoff?

Schockenhoff: Es gibt zumindest eine stärkere Bereitschaft, sich religiösen Themen in der Öffentlichkeit zu widmen, sie unbefangen zu diskutieren. Insofern gibt es eine Renaissance des öffentlichen Erscheinungsbildes der Religion und des christlichen Glaubens. Das hat allerdings nichts mit den Phänomenen aus Amerika zu tun, die Sie gerade beschrieben haben, mit einem Erstarken des Fundamentalismus, denn Glaube und Fundamentalismus sind nicht Schwestern. Der Glaube ist nicht eine Art Vorstufe des Fundamentalismus und dieser nicht eine Art übertriebener, verstärkter religiöser Glaube, sondern das sind Gegensätze. Der Glaube beruht auf dem Vertrauen, das sich die Wahrheit von sich aus durchsetzt, und glauben kann man nur aus freier Entscheidung. Das ist seit Augustinus ein Grundsatz der christlichen Theologie und genau das wird ja in Frage gestellt in fundamentalistischen Einstellungen.

Heuer: Sie haben natürlich völlig Recht. Da müssen verschiedene Dinge getrennt werden. Die kirchlichen Events, von denen immer die Rede ist, das ist das eine. Die Freikirchen, die in Deutschland auch immer mehr zulaufen, Privat- und Patchwork-Religionen könnte man sagen, auch Esoterik, all das ist im Aufwind. Ist das mehr Glaubenstümelei, oder wie würden Sie dieses Phänomen beschreiben?

Schockenhoff: Der christliche Glaube versteht sich als eine Bindung an den Glauben der Kirche, an die biblische Offenbarung, während die von Ihnen beschriebenen religiösen Phänomene eher etwas damit zu tun haben, dass man sich so Versatzstücke der religiösen Tradition aneignet für eine kurze Zeit der eigenen Biografie. Das ist weder eine lebenstragende, lebenslange Überzeugung, sondern das ist ein Experimentieren mit religiösen Vorstellungswelten. Das passt natürlich in eine postmoderne Grundhaltung, dass man sich nicht bindet, die Existenz auf eine Karte setzt, wie das nach biblischem Verständnis dem Glauben entspricht, sondern sich vorläufig einmal mit etwas einlässt, von dem man noch nicht weiß, wohin es einen führt. Das ist die eine Seite der Religion.
Das andere ist, wie Religion heute wahrgenommen wird, eben Fundamentalismus und das ist das Gegenteil davon. Da gibt man die Freiheit, die Unabhängigkeit ab, und zwar indem man sich einer Organisation auf Gedeih und Verderb verschreibt, die zwar unter dem Deckmantel der Religion auftritt, aber dabei häufig andere finanzielle, machtpolitische Interessen verfolgt und die einzelnen entmündigt und ihrer Freiheit beraubt.

Heuer: Nachdem wir diese beiden Dinge getrennt haben, Herr Schockenhoff, nachdem Sie so etwas gehalten haben wie ein Plädoyer - sage ich jetzt mal - für den Glauben innerhalb der christlichen Kirchen, also für einen institutionalisierten Glauben, die Frage an Sie: Wie kommt es, dass einerseits es eine Renaissance des öffentlichen Erscheinungsbildes des Glaubens gibt, von dem Sie gesprochen haben, und andererseits den Kirchen nach wie vor die Mitglieder wegrennen?

Schockenhoff: Ja. Ich glaube das liegt an dieser Schwierigkeit, dass viele Menschen zwar an den Grundproblemen des Lebens natürlich sich abreiben, dass sie die Frage stellen, wovon kann man leben, was sind Werte, die auch das was sie versprechen tatsächlich einlösen und halten, dass sie also nach einem belastbaren Sinn in ihrem Leben suchen, der auch den Kontrasterfahrungen von Leid und Tot, Schuld und Not nicht ausweicht. Da ist das Christentum, ist das Evangelium ein Angebot, das es mit allen anderen aufnehmen kann und in entscheidenden Fragen eben einen Schritt weiter weiß. Auf der anderen Seite scheuen sie sich aber davor, zu etwas ganz Ja und Amen zu sagen, sich auf etwas einzulassen, das sie auch fordert. Da kann man natürlich einerseits die Vorzüge der Religion ein Stück weit für sich in Anspruch nehmen und man kann damit experimentieren, vorläufig einmal ein religiöses Weltbild probeweise übernehmen. Andererseits hat man nicht den letzten Schritt getan, dass man tatsächlich auch in einer bewussten Bindung zum Glauben als einer lebenstragenden Überzeugung vorstößt.

Heuer: Es ist die Rede vom Jahrhundert oder vom Zeitalter der Religionen. Wir erleben den Islam in Form eines gefährlichen Islamismus. Ist der christliche Glaube in der Form wie Sie ihn beschreiben als wahrer christlicher institutionalisierter Glaube ein Gegenstandpunkt zum Islam, zum Islamismus damit auch?

Schockenhoff: Zunächst, der Begriff institutionalisierter Glaube gefällt mir nicht, weil Glaube ist immer eine persönliche Grundhaltung, etwas sehr Persönliches. Man kann nur jeweils als ganz persönlichen Akt glauben. Insofern ist jeder Glaubensweg anders. Es gibt so viele Glaubenswege wie es Menschen gibt. Auf der anderen Seite glaubt man aber in einer Gemeinschaft. Wer glaubt ist nie allein, hat Papst Benedikt einmal gesagt. Das könnte in der Tat der kirchlich geprägte Glaube des Christentums sein, der auch ein positives Verhältnis zur Vernunft hat, geschichtlich gesehen auch zur Aufklärung errungen hat nach vielen Krisen. Das ist eine Alternative zu einem fundamentalistisch verstandenen Islam, in dem Religion die Bewegung der Aufklärung noch nicht vollzogen hat, wo es zum Beispiel auch keine Trennung von öffentlichem Recht und privater Moral gibt, wo es auch keine Religionsfreiheit für alle gibt, also für Angehörige anderer Religionen, und wo im Grunde, auch wenn das in der Türkei etwa nicht die offizielle Staatsreligion ist, nur der Islam als öffentlich tätig werdende Religion geduldet wird.

Heuer: Unterm Strich also, wenn ich Sie richtig verstehe, der christliche Glaube, so man das Glück hat, ihn zu besitzen, ist ein guter Standpunkt, ist ein Schutz vielleicht auch für Menschen in einer verwirrenden und auch gefährlichen Zeit geworden?

Schockenhoff: Der christliche Glaube gibt ein Orientierungsvermögen. Er gibt eine Antwort auf die Frage nach dem, was dem Leben Sinn gibt. Und wenn Sie sagen, wenn man das Glück hat: Jeder ist eingeladen und hat auch in Deutschland die Möglichkeit, sich mit dem christlichen Glauben und seiner Sinndeutung des Lebens auseinanderzusetzen und dieses Angebot selbst zur Grundlage der eigenen Lebensführung zu machen.

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