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StartseiteTag für Tag"Ich habe die DDR-Kirche zu idealistisch gesehen"07.11.2019

Glaubensgeschichten von 89ern, Teil 4"Ich habe die DDR-Kirche zu idealistisch gesehen"

Ronald Jost wurde in der DDR geboren, wuchs im Rheinland auf und zog 1992 nach Jena. Dort entdeckte er sein Christsein neu, wie er sagt, weil ihn die Menschen faszinierten, die in der Diktatur einen hohen Preis für ihren Glauben bezahlt hatten.

Ronald Jost, protokolliert von Angelika Schmidt-Biesalski

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DDR-Volkspolizisten versperren am 18.09.1989 nach dem wöchentlichen Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche den Kirchenbesuchern den Weg. Seit nunmehr 25 Jahren lädt die Leipziger Nikolaigemeinde allwöchentlich zu einem Friedensgebet in ihre Kirche ein. Das erste Treffen nach der diesjährigen Sommerpause am kommenden Montag (03.09.2007) hat die Arbeitsgruppe Friedensdienst vorbereitet, die auch das erste Treffen am 20. September 1982 gestaltet hatte. Die Friedensgebete haben sich aus der kirchlichen Friedensarbeit entwickelt und sind in den 80er Jahren zu einem Treffpunkt engagierter und systemkritischer Basisgruppen in der DDR geworden. Im Herbst 1989 bildeten die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche und anderer Innenstadtkirchen den Auftakt zu den friedlichen Großdemonstrationen auf dem Altstadtring, die maßgeblich zum Sturz des SED-Systems beitrugen.  (imago/epd)
Die Courage der Christen in der DDR hat Ronald Jost sehr imponiert (imago/epd)
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Ronald Jost lebt und arbeitet seit 1992 in Jena. Er ist zwar in der DDR geboren, aber seine Eltern zogen bereits 1958 mit dem damals dreijährigen Ronald in den Westen. 35 Jahre später macht er in Jena Erfahrungen, die er nicht erwartet hatte.

"Ich bin aufgewachsen im Rheinland und stamme aus einer evangelischen Familie, die, ja, weder kirchennah noch kirchenfern ist, also eine von den vielen Familien, die an den Festtagen in die Kirche gehen, aber ansonsten keine engen Kirchenbeziehungen haben. Im Rheinland habe ich dann erfahren, wie es ist, in der Diaspora zu leben, denn ich bin quasi christlich grundausgebildet worden von Diakonissen. Ich war in einem von Diakonissen streng geführten evangelischen Kindergarten, war dann auf einer konfessionellen Grundschule, wo auch das christliche Leben und die kirchliche Bindung eine starke Rolle spielten, bin dann in meiner Jugend immer nah an der evangelischen Kirche dran gewesen, Jungschar, unsere ganzen Ferien haben wir irgendwo in Freizeitenheimen in der Evangelischen Jugend verbracht. Ja, ich bin irgendwo so ein traditioneller evangelischer Christ, der irgendwo auch gelernt hat, in der Diaspora im erzkatholischen Rheinland diese Rolle zu finden.

Ich habe dann noch mal sehr intensiven, guten Kontakt zu evangelischen Geistlichen während meiner Bundeswehrzeit bekommen, ich habe dort exzellente Militärpfarrer kennengelernt, die eine ganz wichtige Rolle spielten, wenn wir in der Armee in irgendwelche Probleme hineingeraten sind und uns mit manchem schwertaten. Da habe ich noch eine wunderbare Erinnerung dran."

"Menschen, die für ihr Christ-Sein einen Preis gezahlt haben"

Ronald Jost heiratet eine katholische Frau, gründet eine Familie und lebt in München, ohne intensive kirchliche Bindung – so, wie er es als Kind und Jugendlicher in seiner Herkunftsfamilie erlebt hatte. Er arbeitet im Firmengeschäft einer Großbank, bis eines Tages ein guter Bekannter ihn anregt, nach Jena zu gehen. Dort werde jemand mit seinen beruflichen Erfahrungen gesucht. Er lebt bis heute mit seiner Frau in Jena.

"Wirklich spannend wurde es für mich im Grunde, nachdem ich 1992 im Dezember nach Ostdeutschland, hier nach Jena kam, beruflich. Da erlebte ich relativ schnell eine andere Kirche. Ich war anfangs sehr, sehr fasziniert, dass ich hier Menschen kennenlernte, die für ihr Christsein, für ihre Bindung zur Kirche einen Preis gezahlt haben: einen Preis, was die schulische Ausbildung anging, die Möglichkeit zu studieren, berufliche Nachteile in Kauf zu nehmen - das war für mich etwas völlig Neues. Denn das kannte ich natürlich aus unserer westlichen Zivilisation überhaupt nicht.

Das hat mich am Anfang sehr beeindruckt und mir einen großen Respekt abgenötigt, dass hier Menschen bereit waren, für ihren Glauben, für ihr Christ-Sein wirklich Nachteile in Kauf zu nehmen. Und ich habe da anfangs etwas dazu geneigt, diese Kirche in der DDR zu verklären nach dem Motto: Das waren noch die richtigen Christen, die waren noch bereit, etwas für ihr Christ-Sein zu opfern und in Kauf zu nehmen. Aber das war natürlich eine sehr einseitige Betrachtung, das waren einige, das waren nicht alle. Aber das hat mich anfangs sehr, sehr fasziniert."

Bibelkreis mit Managern

In Jena trifft Ronald Jost auf viele westdeutsche Kollegen in verantwortlichen Positionen in Universität, Wirtschaft und Verwaltung, die sich als entschiedene Christen outen und auch engagieren.

"Das waren durchweg Menschen, die ich nicht so in die Kategorie ‚Glücksritter‘ einsortieren würde, sondern die hatten wirklich eine starke Motivation, hier etwas zu leisten, mit aufzubauen und haben sich auch sehr stark von der christlichen Ethik leiten lassen und versuchten, die auch in ihrem beruflichen Umfeld zu leben. Diese Kreise trafen sich, und wir haben uns dann schnell auch in Hauskreisen wiedergefunden. Ich erinnere mich, der Dekan der Betriebswirtschaftlichen Fakultät hier in Jena, Professor Haupt, hatte bei sich zu Hause einen Manager-Bibelkreis eingerichtet, wo dann Leute, die hier in Leitungsfunktionen in Wirtschaft oder Verwaltung tätig waren oder selbstständig waren, sich alle 14 Tage mal abends trafen und über die Bibel sprachen."

Ronald Jost lächelt in die Kamera (Privat)Ronald Jost kam nach der Wende nach Jena (Privat)

Anfangs waren das überwiegend Westdeutsche, im Laufe der Zeit fanden auch immer mehr Ostdeutsche Interesse an den Bibelkreisen.

"Ich habe es hier zum ersten Mal erlebt, dass wirklich Menschen, die in der Wirtschaft und in der Wissenschaft Verantwortung tragen, sich so offen und klar zum Christsein bekannten, wie ich es hier in Jena erlebt habe – Sie kennen vielleicht das Format des Bibel-Teilens, diese Gesprächsrunden. Und das war eine sehr anstrengende, intensive Zeit, so die Jahre '93, '94, '95, kurz nach der Wende, da konnte man Kraft tanken, da konnte man Menschen begegnen, da konnte man mal über diese harte wirtschaftliche Realität hinaus mit Menschen wieder ins Gespräch kommen, lernte Menschen auf eine ganz andere Art und Weise kennen.

Und es war da auch gar nicht verwunderlich, dass in dieser Zeit – das dürfte etwa '94/'95 gewesen sein – auch unter starker Beteiligung dieser Kreise hier in Jena einer der ersten Kirchbau-Vereine Thüringens gegründet worden ist. Wir sahen diese doch stark und teilweise noch mit Kriegsschäden belastete Stadtkirche, die nur notdürftig an vielen Stellen wiederaufgebaut worden ist, und da haben wir einen Kirchbau-Verein gegründet."

"Wenn Sie dieser Kirche einmal den kleinen Finger reichen..."

Lothar Späth, damals Geschäftsführer der Firma Jenoptik, engagierte sich nicht nur im Kirchbauverein, sondern auch in der christlichen Gemeinde. Manche Ostdeutsche waren zunächst misstrauisch, beteiligten sich aber nach und nach ebenso aktiv wie die Westdeutschen. Ronald Jost konzentrierte sich zunehmend auf seine Kirchengemeinde.

"Ich habe mich da zunehmend stärker in unserer Kirchgemeinde engagiert. Ich war befreundet mit dem Pfarrer unserer Gemeinde, und der verstand es sehr geschickt, mich zunehmend in die Pflicht zu nehmen. Und ich habe mich auch – ich glaube, es war 2006 – wählen lassen als Kirchenältester, und dann geht es hier in unserer evangelischen Kirche ruckzuck: Wenn Sie dieser Kirche einmal den kleinen Finger reichen, dann ist schnell die ganze Hand genommen. Ich war da im Gemeinde-Kirchenrat Vorsitzender, in der Kreissynode, bin dann in die Landessynode geschickt worden, also kurzum: Ich wurde zum Kirchenfunktionär."

"Natürlich war nicht alles golden"

Ronald Jost hätte sich eine solche Karriere, solange er noch in Westdeutschland, im Rheinland und in München lebte, wohl nicht in seinen kühnsten Träumen vorstellen können. Und schon gar nicht, dass er mal eine Ausbildung zum Prädikanten machen und in Jena auf der Kanzel stehen würde. 1989 hat es möglich gemacht. Aber er erhält nun auch noch einmal einen anderen Blick auf die von der DDR geprägte evangelische Kirche.

"Ich habe dann eine ganze Legislatur auf verschiedensten Ebenen hier als Kirchenfunktionär gewirkt und da auch die Kirche hier in Ostdeutschland wieder aus einer ganz anderen Perspektive kennengelernt. Je stärker ich dann in diese Strukturen der Kirche hineinkam, wurde mir deutlich, dass im Grunde diese Anfangs-Euphorie, wo ich diese Kirche in der DDR ein bisschen glorifiziert habe und zu idealistisch gesehen habe, merkte ich dann, dass natürlich nicht alles golden war, überhaupt nicht. Ich habe da wunderbare Personen kennengelernt, ganz entschieden überzeugte Christen, aber ich habe da auch eine ganze Menge Leute kennengelernt, wo ich mich gefragt habe, wie kamen die eigentlich in den kirchlichen Dienst. Ich merkte dann, dass im Grunde natürlich nicht jeder, der in der DDR mit dem System nicht zurechtkam, der in Opposition zum System stand, automatisch ein guter kirchlicher Mitarbeiter ist. Das war eine sehr durchwachsene Personal-Landschaft, auf die man da stieß.

Ein Freund von mir, mit dem ich mich dann mal über meine Erfahrungen austauschte, der sagte zu mir: 'Ich glaube fast, dass die Kirche jetzt die letzte DDR-Nische ist.' Und als er das so sagte, war ich zuerst überrascht und dann merkte ich, so ganz Unrecht hat er gar nicht. Wenn ich bedenke, so zehn, 15 Jahre nach der Wende, wenn ich da sehe, was sich da an Wende in den Firmen zugetragen hat, auch in manchen Verwaltungen, wo sich die Menschen wirklich um 180 Grad drehen mussten und sehr viel umlernen mussten – in der Zeit hat in der Landeskirche in manchen Bereichen relativ wenig Bewegung stattgefunden."

"Ich habe gelernt, die Wirklichkeit der Kirche zu begreifen"

Zunehmend fehlt Ronald Jost in der traditionell lutherischen Landeskirche von Thüringen die emotionale, geistliche Ansprache und Anregung. Seine Kirche erscheint ihm zu stark intellektuell, zu sehr verkopft. Dazu kommt, dass gerade Ende der 80er-Jahre sich viele Pfarrer politisiert hatten, zu den Friedensgebeten kamen leicht einmal über 3000 Menschen.

Nach der Wiedervereinigung kamen die meisten dann nicht mehr, nichts war an die Stelle des politischen Engagements getreten. Ronald Jost nimmt immer häufiger an jesuitischen Exerzitien, an Meditations-Wochenenden im Westen teil. Dennoch lautet sein Fazit:

"Ich fühle mich unverändert als treues Mitglied dieser Kirche. Ich habe nur im Lauf der Jahre gelernt, ihre Wirklichkeit zu begreifen, manche Illusionen abzulegen und diese Kirche so zu sehen, wie sie ist. Das hat meine Bindung zur Kirche nicht belastet, aber mir ist klar, dass diese Kirche im Grunde nur sehr begrenzt in der Lage ist, mein geistliches Bedürfnis zu stillen. Meinen geistlichen Hunger stille ich woanders."

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