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StartseiteTag für Tag"Freiheit musste ich erst mal lernen" 08.11.2019

Glaubensgeschichten von 89ern, Teil 5"Freiheit musste ich erst mal lernen"

Ingrid Weiß wuchs in einer frommen Familie auf. "Den Pastor kannst du alles fragen", lernte sie. In der Schule waren kritische Fragen riskant. Sie trat nicht in die FDJ ein, das hieß: kein Abitur. Pastorin konnte sie werden. Am 30. Jahrestag der DDR wurde sie ordiniert. Nach 89 fragte sie sich: Stört sie?

Ingrid Weiß, protokolliert von Angelika Schmidt-Biesalski

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Mit roten Arbeiterfahnen stehen Mitglieder der FDJ in Berlin am Palast der Republik, der Tagungsstätte des X. Parteitages der SED, aufgenommen im April 1981. Tausende Jugendliche waren vor den Palast der Republik beordert worden, um den Parteifunktionären ein buntes und stimmungsvolles Bild der DDR-Jugend zu vermitteln.  (dpa / picture-alliance / Hans Wiedl)
Eine Mitgliedschaft in der FDJ war für die Schulkarriere in der DDR wichtig (dpa / picture-alliance / Hans Wiedl)
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"Ingrid Weiß – ich bin geboren neun Monate nach Gründung der DDR, im Juli 1950."

Ihre erste 17 Lebensjahre verbringt Ingrid in dem Dorf Klein Lunow, unter Verwandten, die sich nach der Flucht aus Ostpreußen alle hier getroffen hatten. Ihre Eltern bewirtschafteten einen kleinen Bauernhof als Neubauern. Das Leben war geprägt von der Arbeit auf dem Feld und im Stall, vor allem aber auch von der tiefen ostpreußischen Frömmigkeit.

"Und es hatte diese Enge und andererseits aber auch diesen Halt der Kirche und des Glaubens, die mich sehr geprägt haben in meinen ersten Jahren. 'Fromm' war für mich als Kind einfach eine Atmosphäre. Es gehörte sehr dazu, jeden Sonntag zum Gottesdienst zu gehen, und da haben meine Eltern mich immer schon als kleines Kind mitgenommen - über zwei Kilometer
Feldweg zum Gottesdienst an der Hand meiner Eltern.

Und später, als ich zur Schule kam, habe ich sehr gemerkt diese Zweispurigkeit: In der Kirche kannst du alles sagen und fragen, und den Pastor und uns kannst du alles fragen, aber in der Schule gehört das nicht hin. Ich bin dann eben vorsichtig gewesen, habe nicht alles gesagt, was zu Hause erzählt wurde, aber mich hat das zunehmend in der Schulzeit sehr angestrengt, hier das zu sagen und zu fragen und dort nicht fragen zu dürfen."

"Das ist unerträglich, diese Floskeln und Dogmen"

In den ersten Schuljahren war Ingrid bei den Jungen Pionieren, und sie sagt rückblickend, dass deren Regeln sie auch geprägt haben. Man habe gelernt, auf andere Menschen zu achten und Rücksicht zu nehmen, sich nichts darauf einzubilden, wenn einem zum Beispiel die Schule leichter fiel als anderen. Wer sich damit schwer tat, habe sicher andere Stärken, hieß es. Aber Ingrid wird kritischer.

"Mit zunehmendem Alter habe ich gemerkt, das ist unerträglich, diese Floskeln und Dogmen: vom antifaschistischen Schutzwall, der nötig ist, und von den Kapitalisten und von den Feinden und so was alles – ich habe dann immer so im Hinterkopf gehabt, 'leg dich mal nicht mit denen so an, du hast ja die Kirchgemeinde, den Pastor kannst du alles fragen'. Da bin ich auch nochmal in Konflikt gekommen, denn bei der Kirche kam das mir immer so entgegen wie: 'Heiß oder kalt, Ja oder Nein, niemals dürfen wir lauwarm sein' - und das passte für mich auch nicht so richtig."

Auf der kirchlichen Insel

Mit 14 Jahren, im 8. Schuljahr, geht Ingrid zur Konfirmation. Mit 32 anderen Konfirmanden ihrer Jahrgangsstufe. Es waren offenbar 12 fromme Dörfer, die damals dort in Mecklenburg zur Kirchgemeinde gehörten. Nur sechs Jugendliche entschieden sich für die Jugendweihe, sie wurden ein Jahr später auch konfirmiert. Das war ungewöhnlich.

"Das ist total individuell, wie das war. Wer damals Schuldirektorin war, wie die gewesen ist, wie linientreu die war, ob sie womöglich gar irgendwo heimlich noch zur Kirche gehört hat und Sympathisantin zu irgendjemand war, das ist alles gar nicht zu ergründen. Und ich würde mir auch sehr wünschen für den Umgang jetzt, dass offener mit den Unterschieden umgegangen wird und dass man die Auseinandersetzung lernt von Anfang an. Schon dass Kinder das lernen, die andern sind anders und die andern denken anders, glauben anders, handeln anders, fühlen anders, ohne dass dann gesagt wird, das sind die Guten und das sind die Schlechten.

Nach der 10. Klasse steht für Ingrid die Entscheidung an, Erweiterte Oberschule und Abitur, "Ja oder Nein". Voraussetzung ist der Eintritt in die FDJ, die Freie Deutsche Jugend. Ingrid entscheidet sich dagegen.

"Und da habe ich schon als Jugendliche gemerkt, mit 15/16, dass das schwierig ist in der sozialistischen Schule, das nicht mitzumachen und auf Unverständnis zu stoßen, weil die Lehrer und auch die andern gar nicht verstanden haben, warum kann man da was dagegen haben, in die Freie Deutsche Jugend einzutreten. Und ich habe dann aber gesagt, ich will nicht mehr in die sozialistische Schule. Und da hat mir unser damaliger Gemeindepastor gesagt, ja, die Kirche hat auch Schulen, da kann man auch was lernen. Da kann man zwar nicht Abitur machen, um in unserem DDR-System zu studieren, aber man kann ja einen kirchlichen Beruf erlernen. Und so bin ich auf die Spur zur kirchlichen Insel beruflich dann auch gekommen."

"Kirche als Schutzraum, als Freiheitsraum"

In "Seminar für kirchlichen Dienst" in Dahme in der Mark südlich von Belin, erlebt Ingrid noch einmal eine ganz andere Seite ihrer Kirche, eine Gemeinschaft, die sie bisher so nicht kannte. Motivierte, entgegenkommende Dozentinnen und Dozenten, bei denen sie Latein und Griechisch lernt, aber auch Orgelunterricht erhält und in einem Literaturkreis Max Frisch, Albert Camus und Heinrich Böll kennenlernt. Sie entschließt sich, Pastorin zu werden.

"Wie ich von Kindheit an Kirche und Glauben erlebt habe, als Hilfe, als Schutzraum, als Freiheitsraum, so habe ich das als Pastorin auch gerne weitergegeben. Und für mich ist es sehr denkwürdig, und je länger es her ist, desto mehr merke ich das: Ich bin am 30. Jahrestag der DDR ordiniert worden, 1979 am 7. Oktober, das war ein Sonntag, und ich bin sehr bewusst Pastorin in der DDR gewesen in diesem für mich beschützten Raum der Kirche – aber, wie wir jetzt alle auch im Nachhinein bemerkt haben, sehr in diesem oppositionellen Raum. Und ich merke, dass wir damals zu DDR-Zeiten auch innerhalb der Kirche und unter Kollegen einen starken Zusammenhalt hatten. Wir waren gemeinsam in unserer Kirche, die dann aber auch meine persönliche Kirche war."

"Rowdies und Randalierer"

Und dann, zehn Jahre nach ihrer Ordination, kurz nach dem 40. Jahrestag der DDR, öffnen sich die Grenzen und zunächst ist nichts mehr so wie es vorher war. Was hat das für Ingrid Weiß und ihre Familie bedeutet?

"Erst mal merkte ich, dass in diesen wenigen Monaten von 1989 im Frühjahr bis Oktober 1990 ganz, ganz viel im persönlichen Bereich los war und sich verändern musste. Wir hatten zwei Schulkinder, die waren 9 und 14, und unserer neunjährigen Tochter ist im September 1989 gesagt worden, ich weiß noch genau, am 2. Oktober 1989, alle, die zur Demo und zum Friedensgebet gehen, sind Rowdies und Randalierer. Und dann kam unsere Tochter und hat gesagt: 'Du, die Lehrerin hat gesagt, das sind alles Rowdies und Randalierer, ich hab aber mit Claudia gesprochen, und Claudia hat gesagt, mein Papa ist auf der anderen Seite, der ist nämlich bei der GST (Gesellschaft für Sport und Technik), der ist auf der anderen Seite.'

Und dann merke ich, wenn ich das jetzt so erzähle, was damals zwischen den Kindern in der Schule sich abspielen musste. Das haben wir als Eltern ja auch mitgekriegt. Und es gab solche persönlichen Dinge – so auf die Frage, was war denn da los? – dass ich jetzt rückblickend merke, ich hatte ganz viel mit den persönlichen Umständen zu tun."

"Endlich kann ich das alles öffentlich sagen"

Ingrid Weiß arbeitet in dieser Zeit als Krankenhaus-Seelsorgerin an der Leipziger Uni-Klinik Karl Marx und wird auch dort mit den persönlichen Problemen von Patienten und Personal konfrontiert. Angehörige, aber auch Ärzte und Pflegepersonal, flüchten über Nacht via Ungarn oder Prag in den Westen, die Arbeit wurde von Tag zu Tag schwieriger.

"Mich hat das sehr geprägt, kleine Schritte in diesen Jahren zu machen. Und dann ging das ja auch los mit der Öffentlichkeitsarbeit und mit der Zeitung, und was schreibt man da rein, an jedem Sonnabend hatten wir so eine Rubrik, Gedanken zum Wochenende oder wie wir das genannt haben. Und ich habe dann so gemerkt, endlich kann ich das alles auch öffentlich sagen, und das hat mir dann auch Spaß gemacht, aber ich habe gemerkt, es war dann meine Meinung, die ich auf einmal zu vertreten habe. Es war nicht mehr so die ganze Kirche, die hinter mir stand. Ich war dann auch sehr kritisch, weil Kirche dann so repräsentativ auf einmal wurde, sie sollte immer vorkommen, und ich wurde denn auch kritisch so mit Obrigkeit, habe gedacht, das ist aber nicht so meins, dass wir alles so machen müssen wie im Westen.

Und das hab ich bei der Synode sehr deutlich mitgekriegt bei Themen wie Militär-Seelsorge, Kirchensteuer – und da war das für mich oft sehr mühsam, in der Minderheit zu sein und kritisch nachzufragen 'muss das jetzt schon sein?' und dann kam ich mir manchmal wie so eine Störerin und Bremserin vor, weil ich gedacht habe, ich bin noch gar nicht so weit. Das hat mich wirklich in den 90er-Jahren in Leipzig noch sehr beschäftigt. Diese Dinge, die ich in der DDR wusste, wie es da lang geht, das war fast einfacher, weil das klar geregelt war und ich wusste, wie weit das gehen kann. Und Freiheit musste ich erst mal lernen."

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