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StartseiteCampus & Karriere"Die können nicht so früh lernen"11.04.2016

Gleitzeit für Schüler"Die können nicht so früh lernen"

Dass gerade Oberstufenschüler Schwierigkeiten mit dem frühen Aufstehen haben, sei inzwischen auch wissenschaftlich belegt und begründet, sagt der Aachener Schulleiter Wilfried Bock im DLF. Deshalb habe er an seiner Schule in der Oberstufe eine Gleitzeit eingeführt. Möglich sei das aber auch durch das besondere pädagogische Konzept der Schule.

Wilfried Bock im Gespräch mit Regina Brinkmann

Matheunterricht in einem Oberstufen-Kurs am Gymnasium. (picture alliance / dpa / Marijan Murat)
Matheunterricht in einem Oberstufen-Kurs. In der ersten Stunde kann dem kaum ein Schüler folgen. (picture alliance / dpa / Marijan Murat)

Regina Brinkmann: Montagmorgen, erste Stunde, da hätten sich wahrscheinlich viele Schüler gerne noch einmal im Bett umgedreht und wären wohl lieber zur zweiten Stunde gekommen. Die Oberstufenschüler des Gymnasiums in Alsdorf in der Nähe von Aachen dürfen das sogar, und zwar an jedem Morgen, ganz ohne blau zu machen, denn sie besuchen die erste Schule Deutschlands, die eine Gleitzeit für ihre Schülerinnen und Schüler eingeführt hat. Am Telefon begrüße ich jetzt Wilfried Bock, Leiter des Gymnasiums. Herr Bock, hatten Sie einfach keine Lust mehr, vor unausgeschlafenen Schülerinnen und Schülern zu unterrichten, oder warum haben Sie die Gleitzeit Anfang Februar eingeführt?

Wilfried Bock: Ja, Frau Brinkmann, sicherlich ist es eine Erfahrung, die wir alle im Beruf machen, dass morgens in der ersten Stunde die Oberstufenschüler durchaus nicht gerade belastbar sind. Ausschlaggebend war aber eine Information, die wir aus einem Vortrag von Professor Struck aus Hamburg hatten, der in seinem Vortrag sagte, na ja, Schüler können allein aus biologischen Gründen nicht so früh lernen, die schlafen da eigentlich noch. Das hat mich doch so …

Brinkmann: Das hat Sie alarmiert.

Schlafhormon Melatonin wird verspätet ausgeschüttet

Bock: … so berührt, dass ich gesagt habe, also erstens, wir wissen das, aber zweitens muss es schon erforscht sein. Dann ist die Frage, was macht man denn dann. Da kann man nur eine Konsequenz – man fängt später an. Mal erfragt, woran liegt das denn eigentlich, dass das so ist. Na ja, und dann habe ich mich im Internet und bei Neurobiologen und Schlafforschern mal durchgefragt, woran es liegen könnte. Letztendlich kam dann die Erklärung, dass in der Pubertät, also ausschließlich in der Pubertät, dieses Schlafhormon Melatonin verspätet ausgeschüttet wird, etwa zwei Stunden, sodass also ein Schüler, der 17 Jahre alt, ist, wenn er seinen Regelschlaf bekommt, in Wirklichkeit erst ohne Wecker um viertel nach Acht aufsteht, und – ist normal – so läuft die Schule.

Brinkmann: Ja, und wie muss man sich das jetzt ganz praktisch vorstellen, wie läuft das im Schulalltag? Gibt es da einen Stundenplan für Früh- und einen für Spätaufsteher?

Bock: Nein, wir haben bei uns ein pädagogisches Grundkonzept, das ist die Dalton-Pädagogik, schon vor zehn Jahren eingeführt. Und zwar wird das dadurch charakterisiert, dass ein Drittel der Unterrichtsinhalte die Schüler selbstständig erarbeiten innerhalb der Schule, und dann stellen wir natürlich auch den Schülern ein Drittel ihrer Unterrichtszeit zur Verfügung, und dazu gehört zum Beispiel die erste Stunde. Da können die Schüler alle selbstständig arbeiten und müssen alle selbstständig arbeiten. Jetzt mit der gymnasialen Oberstufe hat man die Möglichkeit, auch Freistunden während des ganzen Vormittags zu haben, dass man dann diese Stunden nutzt, um dann morgens einfach nicht kommen zu müssen.

Brinkmann: Also dadurch kompensieren Sie das. Das wäre doch eigentlich für alle Schulen leicht machbar, aber viele sagen, wir können das gar nicht.

Die Verantwortung der Schüler nach vorne bringen

Bock: Ja, nun, okay. Ich sage mal, es hängt sicherlich an diesem Dalton-Konzept dran, was diese Selbsttätigkeit und vor allen Dingen die Verantwortung der Schüler nach vorne bringt. Wir haben immer die Schüler beobachtet, was machen die eigentlich in den Freistunden. Dann geht man durch das Gebäude als Schulleiter und schaut sich das an. Da sieht man, die arbeiten zum großen Teil. Dann kann man auch sagen, wenn sie doch jetzt arbeiten, dann kann ich ihnen das auch anrechnen.

Brinkmann: Welche Rückmeldungen bekommen Sie dann von den Schülern selbst?

Bock: Wir haben uns dann mit den Schülern unterhalten, haben gefragt, wie seht ihr das, wollt ihr eigentlich diese Zeit auch nutzen für diese Arbeit. Da haben die gesagt, natürlich, wenn ich doch hier bin, kann ich doch arbeiten, dann brauch ich es heute Nachmittag nicht zu machen, oder vielleicht morgen nicht, und wenn ich mir dann so eine erste Stunde ersparen kann … Ich sprach heute mit einem Schüler, der sagt, ach, nein, heute mache ich mal eine Stunde mehr, denn ich will nächste Woche Freitag auf jeden Fall die erste Stunde ausschlafen.

Brinkmann: Nun wird das Ganze auch wissenschaftlich begleitet. Wie muss man sich das vorstellen, also dieser erste Abschnitt ist jetzt gerade abgeschlossen. Wurden die Schüler und Schülerinnen von den Forschern der LMU München verkabelt oder mussten die ins Schlaflabor?

Versuch wird wissenschaftlich begleitet

Bock: Nein, die mussten das nicht. Die bekamen einen sogenannten Aktimeter an die Hand, und der registrierte dann alle Bewegungen der Schüler. Das heißt, ob sie aktiv oder passiv sind. Weiterhin registrierte der auch noch, welche Form von Licht da gerade konsumiert wird. Da dieses Synchronisierungsinstrument in unserem Hirn durch die Außenbeleuchtung schlichtweg durch die Sonne gesteuert wird, ist hier die Frage, wie viel Kunstlicht bekommen wir dann. Dadurch verschiebt sich der Schlafschwerpunkt noch mehr, eher noch weiter nach hinten, weil durch die hohen Blauanteile bei PCs, oder bei Handys, oder Tablets man dem Hirn vorgaukelt, es ist noch Tag. Dann schüttet das Hirn einfach das Melatonin nicht aus. Die Schüler schlafen dann noch später ein.

Brinkmann: Wie ist das denn jetzt so für Sie? Im Sommer sollen dann die ersten Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Untersuchung auch vorliegen. Wie ziehen Sie jetzt persönlich Zwischenbilanz? Sagen Sie, es ist gut bisher gelaufen, wir machen es in jedem Fall weiter?

Bock: Also ich würde Ihnen da jetzt zustimmen. Das läuft so gut momentan, dass ich sagen kann, ich sehe überhaupt keinen Grund, das einzustampfen. Solange man natürlich keine negativen Dinge erlebt, ist das gut, und man muss das dann auch letztendlich immer noch abwägen mit dem Gesamteffekt, den das Projekt hat.

Brinkmann: Die Nachteulen wird es freuen. Wilfried Bock hat an seinem Gymnasium in Alsdorf Gleitzeit für Schülerinnen und Schüler eingeführt. Vielen Dank, Herr Bock, für das Gespräch!

Bock: Bitte, Frau Brinkmann!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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