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StartseiteKalenderblattGletscher rücken ganz nah an die Bahn01.08.2012

Gletscher rücken ganz nah an die Bahn

Vor 100 Jahren wurde der höchstgelegene Bahnhof Europas eröffnet

Das vormals Aussichtslose wollten Zeitgenossen wagen mit dem Bau einer Bahn auf einen Viertausender der Schweiz, die Jungfrau. Am 01. August 1912 fuhr der erste Zug in den höchstgelegene Bahnhof Europas ein.

Von Mathias Schulenburg

Blick auf das 4505 Meter hohe Weisshorn im Wallis in der Schweiz. (Andreas Burman)
Blick auf das 4505 Meter hohe Weisshorn im Wallis in der Schweiz. (Andreas Burman)

Als am 1. August 1912 die ersten offiziellen Touristen an der neuen Bahnstation Jungfernjoch in den Schweizer Alpen eintrafen, hatte ein Unternehmen seinen Abschluss gefunden, das zu den Höhepunkten der Technikgeschichte gezählt werden darf. Bis heute ist die Station auf 3.454 Metern Höhe der höchstgelegene Bahnhof Europas. Auf das energische Betreiben des Schweizer Industriellen Adolf Guyer-Zeller hin war zwischen 1896 und 1912 eine elektrisch betriebene Zahnradbahn von der Kleinen Scheidegg zum Jungfraujoch gebaut worden - eine Strecke von neun Kilometern, von denen sieben in einem Tunnel liegen, der die Berge Eiger und Mönch durchquert. In der Zwischenstation Eigerwand können Reisende aus der Eiger-Nordwand heraus die Bergwelt bestaunen.

Die Bauarbeiten waren außerordentlich mühsam. Die Beschaffung des notwendigen Kapitals glich einem Vabanque-Spiel; am Ende betrugen die Kosten fast 16 Millionen Franken. Die italienischen Arbeiter – im Sommer bis zu 300 Personen – mussten Knochenarbeit leisten. Am Ende hatten die Bauarbeiten 30 Menschen das Leben gekostet. Dem Ruhm der Jungfraubahn tat das keinen Abbruch, das Unternehmen weckte mit grausigen Schilderungen sogar die Neugier des Publikums.

Zu Beginn des Unternehmens hatten die Verantwortlichen mehr Feingefühl zeigen müssen: Um vor der Konzessionsvergabe zu beweisen, dass das Reisen in großer Höhe unbedenklich ist, wurden unter der Leitung eines deutschen Professors sieben Versuchspersonen im Alter von zehn bis 70 Jahren von Trägern auf den hohen Berg Breithorn geschleppt, wobei Pulszahl, Pulskurve, Atemtiefe und Hämoglobingehalt des Blutes notiert wurden. Mit – offenbar – beruhigendem Ergebnis.

Adolf Guyer-Zeller erlebte die Vollendung seines Werkes nicht mehr, er starb im April 1899, wohl an einem Herzschlag. Die Erben führten die Arbeit fort. Heute zählt eine Fahrt mit der Jungfraubahn zu den touristischen Highlights der Schweiz; das Hamburger Abendblatt berichtete:

"Der Zug fährt am Thunersee entlang nach Interlaken. Von dort geht es mit einer Zahnradbahn durch die Felslandschaft von Lauterbrunnen mit Wasserfällen und tief eingeschnittenen Tälern, die Goethe in seinem Gedicht 'Gesang der Geister über den Wassern' besungen hat."

Schließlich, nach einer Stunde Fahrt ...

"... rücken die Gletscher ganz nahe. Die Passagiere stürzen ans Fenster, völlig aus dem Häuschen über den Anblick von Eiger, Mönch und Jungfrau. In der Station Kleine Scheidegg auf 2061 Meter Höhe geht es mit der Jungfraubahn weiter."

Am Ende des Wegs bieten Aussichtsplattformen eine fantastische Sicht auf die Bergwelt, wenn es nicht nebelt. Und über einen Lift gibt es auch den Zugang auf die Jungfrauspitze, mit noch besseren Ausblicken, allein: Exklusiv ist das Erlebnis nicht. Zur Illustration: Unweit der Jungfraubergstation wartet ein Eisskulpturengarten, der trotz eisiger Außentemperaturen gekühlt werden muss, sonst brächte ihn die Wärmestrahlung der vielen Besucher zum Schmelzen. 2011 fanden 765.000 Gäste mit der Bahn auf das Jungfraujoch. An Jungfräulichkeit mag man da nicht mehr denken.

Das hatte der Schweizer Schriftsteller Karl Frey - wie viele seiner Zeitgenossen - 1909 noch ganz anders sehen können:

"Das weite Ausgreifen der vom Vorgipfel nach beiden Seiten verlaufenden Felsgräte wirkt wie ein Öffnen von Armen. Darin liegt bei allem Abgeschiedenen, Herbaufstrebenden, Jungfräulichen das große, allumfassende und allgewährende Mütterliche an diesem Berg."

Damit hat es sich nun. Auch merken Schweizer Technikhistoriker an, dass Adolf Guyer-Zeller nur bedingt zur Heldenverehrung tauge, sei der Bahnbauer doch mit Spekulationsgeschäften nordamerikanischer Spielart aufgefallen und habe überdies eine Rolle als despotischer Politiker und Wahlfälscher gespielt.

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