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StartseiteHintergrundWie viel Einfluss hat die wachsende Weltbevölkerung?10.07.2021

Globale KrisenWie viel Einfluss hat die wachsende Weltbevölkerung?

Die Weltbevölkerung ist auch im vergangenen Jahr gewachsen: Das haben die UN und diverse Organisationen bekannt gegeben. Doch welche Berechtigung hat die Beschäftigung mit der Bevölkerungsdebatte tatsächlich? Deutlich mehr Einfluss auf Klimawandel und Verteilungsgerechtigkeit haben andere Faktoren.

Von Marc Engelhardt

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Ein Menschenmenge, die in einem fotografischen Zoom-Effekt festgehalten wurde. (picture alliance / PIXSELL | Srdjan Zivulovic/FA Bobo)
UN-Annahmen prognostizieren, dass die Weltbevölkerung bis zum Ende des Jahrhunderts weiter wachsen wird und bei knapp elf Milliarden zum Stillstand kommt, um in den folgenden Jahrzehnten langsam wieder abzunehmen. (picture alliance / PIXSELL | Srdjan Zivulovic/FA Bobo)
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An diesem Sonntag wird Jan Kreutzberg wieder eine zehnstellige Zahl bekanntgeben: Die der aktuellen Weltbevölkerung. Der Geschäftsführer der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung macht das jedes Jahr am 11. Juli, dem von den Vereinten Nationen ausgerufenen Weltbevölkerungstag.

"Auf dieser Welt leben gerade knapp 7,9 Milliarden Menschen. Die Aussage ist schlicht, wenn man das im Vergleich mit den letzten Jahren und Jahrzehnten betrachtet, dass die Weltbevölkerung weiter wächst."

Den Berechnungen der Stiftung zufolge werden pro Sekunde 2,6 Babys geboren, mehr als 225.000 sind es am Tag. Jedes Jahr wächst die Weltbevölkerung in etwa um so viele Neugeborene, wie Deutschland Einwohner hat. Der Geograph Frank Swiaczny war bis letztes Jahr Vizedirektor der Bevölkerungsabteilung bei den Vereinten Nationen, die auf Grundlage verschiedener Rechenmodelle die Entwicklung der Weltbevölkerung prognostiziert.

"Die UN-Annahmen gehen davon aus, dass die Bevölkerung bis zum Ende des Jahrhunderts weiter wachsen wird und dann bei knapp elf Milliarden zum Stillstand kommt und dann in den folgenden Jahrzehnten langsam wieder zurückgeht."

Die Aussagekraft von Geburten- und Sterberaten

Elf Milliarden auf einem Planeten, der 1950 gerade einmal von zweieinhalb Milliarden Menschen bewohnt wurde. Sind das zu viele? Gerade im Zusammenhang mit Klimakrise und Ressourcenverbrauch wird diese Frage neuerdings wieder häufiger gestellt, weiß Dana Schmalz, die am Max-Planck-Institut für Völkerrecht zum Thema Bevölkerung forscht.

"Das ist zum einen richtig, auch Weltbevölkerungszahlen unter diesem Aspekt zu betrachten. Zum anderen ruft es bei mir auch ein bisschen Sorge hervor, dass man das Weltbevölkerungsthema wieder zu schnell in einem unreflektierten "Andere haben zu viele Kinder"-Ansatz behandelt."

Die Entwicklung der Weltbevölkerung von 1950 bis 2020 (statista.de/UN DESA (Population Division))Die Entwicklung der Weltbevölkerung von 1950 bis 2020 (statista.de/UN DESA (Population Division))

Welche Berechtigung hat die Beschäftigung mit der Weltbevölkerung also? Welche Schlüsse lassen sich aus Geburten- und Sterberaten ziehen? Und gibt es eine Bevölkerungspolitik, die vor allem jenen gerecht wird, die Kinder zur Welt bringen oder bringen werden?

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Im katholischen Lyzeum von Bukavu herrscht eine festliche Stimmung. Der Chor der Mädchenschule hat extra für Natalia Kanem einen Kanon einstudiert. Ein Fernsehteam der Vereinten Nationen zeichnet auf. Mädchen und junge Frauen stehen im Mittelpunkt der Reise, die die Direktorin des UN-Bevölkerungsfonds Mitte Mai durch den Osten Kongos unternimmt. In ihrer Rede gibt sie sich kämpferisch.

"Der UN-Weltbevölkerungsfonds verteidigt mit seiner Arbeit die Würde von Frauen und Mädchen. Im Kongo setzen wir uns dafür ein, dass die Zahl der jungen Mütter, die bei der Geburt ihrer Kinder sterben, zurückgeht. Auf dem Weg in die Zukunft muss die Würde der Frauen immer im Mittelpunkt stehen. Sie dürfen niemals das Gefühl haben, dass sie egal sind, denn uns ist keine von ihnen gleichgültig."

Die UN-Organisation, die die aus Panama stammende Kanem leitet, ist der weltweit größte Fonds zur Finanzierung von Bevölkerungsprogrammen. Im vergangenen Jahr betrug sein Budget 1,2 Milliarden US-Dollar. Mit Beiträgen von fast 90 Millionen Dollar gehört Deutschland zu den wichtigsten Gebern. Die Organisation blickt auf eine mehr als 50 Jahre lange und wechselhafte Geschichte zurück, die den Wandel in der Beschäftigung mit Bevölkerungsfragen widerspiegelt. Noch 1974 wollte der Fonds bei der ersten Weltbevölkerungskonferenz in Bukarest einen Plan verabschieden, der das Wachstum der Bevölkerung in Entwicklungsländern bremsen sollte, samt konkreter Vorgaben. Damals habe man noch in der Vogelperspektive auf die Weltbevölkerung geblickt, sagt Jan Kreutzberg, der Geschäftsführer der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung.

"Der Wendepunkt von dieser Makroebene zu einer individuellen, zu einer Mikroebene, war eigentlich die Weltbevölkerungskonferenz 1994 in Kairo. Dort wurde zum ersten Mal das Selbstbestimmungsrecht der Frauen und insbesondere von Mädchen in den Mittelpunkt gestellt."

Der Einfluss der Selbstbestimmung von Frauen auf die Weltbevölkerung

Seither fördert die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung ebenso wie der UN-Bevölkerungsfonds in Entwicklungsländern weltweit Programme, bei denen Aufklärung und die Selbstbestimmung von Frauen im Mittelpunkt stehen. Dazu gehören auch die in vielen Ländern umstrittenen Themen Verhütung sowie legale und damit sichere Abtreibungen.

"Wir unterstützen also Mädchen dabei und junge Frauen, ein Leben zu führen, indem sie selbst entscheiden, ob, wann, mit wem sie Sex haben wollen und wie viele Kinder sie haben möchten."

Dahinter steckt die Überzeugung, dass selbstbestimmte Frauen nur so viele Kinder zur Welt bringen, wie die Familie ernähren, in die Schule schicken und medizinisch versorgen kann. Das Bevölkerungswachstum ginge so ganz ohne Zwang zurück und würde den Menschen in vielen Ländern ein besseres Leben ermöglichen – so die Hoffnung.

"Überbevölkerung" – eine fragwürdige Größe

Vom Begriff der Überbevölkerung, der die Debatte früher prägte, hält Kreutzberg hingegen nichts.

"Ich gebe hier mal ein Beispiel: Die Niederlande z.B. hat eine deutlich höhere Bevölkerungsdichte als Indien. Oder Deutschland liegt über Nigeria. Die Bevölkerungsdichte allein sagt also nichts darüber aus, wie gut eine Stadt oder ein Land funktioniert, im Grunde genommen."

Und trotzdem werden, wenn von Überbevölkerung die Rede ist, meist ganz bestimmte Länder in den Blick genommen. Vor allem die des globalen Südens, etwa in Afrika, wo die Geburtenrate im globalen Maßstab hoch ist. Die Diskurse bekämen dann schnell einen rassistischen Zungenschlag, warnt die Völkerrechtlerin Dana Schmalz.

"Erstmal ist die Weltbevölkerungszahl insofern neutral, und trotzdem waren Bevölkerungspolitiken meistens gerichtet auf spezifische Gruppen und haben dann häufig, je mehr sie in konkrete Maßnahmen übersetzt wurden, einen diskriminierenden Charakter angenommen."

  (dpa/ Mario Behnke) (dpa/ Mario Behnke)Klimakatastrophe und Überbevölkerung - Stop making babies!?
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Gerade in Deutschland hat die Bevölkerungspolitik eine düstere Vergangenheit, die in der Legende vom "Volk ohne Raum" mündete, der den Vernichtungsfeldzug der Nationalsozialisten rechtfertigen sollte. Die Wurzeln des Begriffs der Überbevölkerung reichen allerdings noch weiter, volle zwei Jahrhunderte, zurück. Das dokumentiert der deutsche Philosoph und Schriftsteller Leander Scholz in seinem Buch "Die Menge der Menschen", einer Art Ideengeschichte der Weltbevölkerung.

"Im Lauf des 19. Jahrhunderts hat sich die Bevölkerung in den deutschen Territorien verdreifacht. Das ist historisch der größte Schub, seit es überhaupt diese Diskussion und auch statistisches Material dazu gibt. Und die Sorge war schlichtweg, dass die Natur, die ja nun als größte, wichtigste Quelle für Nahrung gilt und galt, das eben nicht bewerkstelligen kann, dass sozusagen Hungersnöte unausweichlich werden und dass eine Katastrophe auf die Menschheit zukommt."

Diese Katastrophe formulierte als erster Thomas Malthus, ein englischer Pfarrer und Ökonom. In seinem Buch "Das Bevölkerungsgesetz" warnte er 1798 vor "Überbevölkerung" in seiner Heimat und glaubte, eine Gesetzmäßigkeit entdeckt zu haben, nach der Menschen sich zwangsläufig schneller vermehrten als ihre Nahrungsgrundlage. Zwar haben die Fortschritte in der Landwirtschaft Malthus längst widerlegt, Hunger ist heute Verteilungsproblemen geschuldet. Doch die Angst vor der Überbevölkerung und der bedrohlich wachsenden Menge der Menschen sei geblieben, sagt Scholz.

"Dieses Auftreten der Menge läuft eigentlich durch bis in die großen ökologischen Debatten der 70er-Jahre im 20. Jahrhundert. Und das berühmteste Dokument dazu ist sicherlich der erste Bericht des Club of Rome, wo eben gesagt wird, dass sowohl die industriellen Wachstumsraten als auch die demografischen Wachstumsraten beide gleichzeitig und gleich ursprünglich Grund für die ökologische Katastrophe sind."

Konsumrate vs. Geburtenrate

Die große Mehrheit der Umweltschützer und Klimaaktivistinnen weist die Vermischung von Ökologie und Bevölkerungspolitik allerdings weit von sich. Sicher auch, weil das Thema vor allem von extremen Rechten besetzt wird. Dass der Klimaaktivist und frühere US-Vizepräsident Al Gore in seinen "Wegen zum Gleichgewicht" eine "Stabilisierung des Bevölkerungswachstums" fordert, ist eine Ausnahme. Der Geograf Frank Swiaczny, der nach seiner Rückkehr von den UN wieder im Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung arbeitet, sieht unter den tatsächlichen Gegebenheiten allenfalls geringe Auswirkungen einer wachsenden Bevölkerung auf das globale Klima.

"Eine kleinere Bevölkerung hilft natürlich in gewisser Weise den Ressourcenverbrauch zu reduzieren. Aber man muss eben auch sagen: Die Bevölkerung wächst ja in vielen Ländern noch stark. Und dort, wo sie wächst, ist oft der Konsum sehr gering. Die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung trägt nur sehr wenig zu den Umwelteinflüssen und Klimawandel bei. Die reichen Länder mit ihrem hohen Konsum sind es, die die Entwicklung im Wesentlichen treiben."

Die Reduzierung des Konsums und der Produktion, nicht die der Geburten, würde also der Klimakrise entgegenwirken. Investitionen etwa in Bildung und Gesundheit würden dagegen tatsächlich leichter, wenn die Bevölkerung langsamer wüchse. Im globalen Maßstab ist das bereits der Fall. Die Weltbevölkerung wächst zwar, aber viel langsamer als früher. Demografen begründen das mit dem Modell des demografischen Übergangs, das auch Eingang in die Politik gefunden hat. Es modelliert die Bevölkerungsentwicklung analog zur Entwicklung in Europa. Mit zunehmender Industrialisierung der Gesellschaft sinkt demnach zunächst die Sterberate, dann folgt - mit Verzögerung - die Geburtenrate.

"In dem Moment, in dem die Geburtenzahlen zurückgehen, indem die nachwachsenden Jahrgänge kleiner werden, wird es einfacher, in Bildung zu investieren und gleichzeitig wird eben der Anteil der Bevölkerung im sogenannten Erwerbsalter größer zunächst, bevor dann irgendwann die Alterung einsetzt und diese demografisch günstige Entwicklung zum Ende kommt."

An diesem Ende befinden sich aktuell viele industrialisierte Nationen. Selbst China, das die Geburtenzahl zum Beginn seiner Industrialisierung gesetzlich auf ein Kind beschränkte, ist auf dem besten Weg dahin, eine alternde und schrumpfende Gesellschaft zu werden. Bevölkerungsexperte Swiaczny spricht von einem anstehenden Paradigmenwechsel auf globaler Ebene.

"Generell wird man in den nächsten Jahrzehnten sehen, dass es eben Länder gibt, in denen das Bevölkerungswachstum trotz rückläufiger Fertilität zumindest noch einige Jahrzehnte anhält, während es in anderen bereits jetzt Bevölkerungsrückgang gibt oder der Saldo aus Geburten und Sterbefällen negativ ist und eben ohne den Effekt von Zuwanderung die Bevölkerung schrumpft. Und das ist eben in vielen Ländern der Fall. Deutschland gehört da natürlich auch dazu."

Demografische Modelle und ihre Schwächen

Was die demografische Entwicklung für Folgen haben wird, ist schwer vorherzusagen. So steht fest, dass Deutschland im Jahr 2060 eine ältere Bevölkerung haben wird als heute. Aber was das etwa für die Arbeitswelt bedeuten wird, weiß niemand genau. Selbst die absolute Zahl der Bevölkerung ist nicht leicht zu prognostizieren. Der Sozialgeograf Andreas Pott, Professor und stellvertretender Leiter des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück, sieht als Grund dafür auch die Schwächen der traditionellen Erklärmodelle.

"Migration wird zum Beispiel kaum berücksichtigt im Modell des demografischen Übergangs. Wenn also gerade der gebärfähige Teil der Bevölkerung, sprich: junge Menschen, 20- bis 30-jährige Menschen, zum Beispiel eben auswandern, dann verändert sich das generative Verhalten dieser Bevölkerung, die übrig bleibt, ganz, ganz deutlich. Das sehen Sie zum Beispiel nicht nur in manchen afrikanischen Ländern, sondern auch in Ostdeutschland, wo eben durch die Abwanderung junger Frauen sich die Schrumpfungsraten sehr stark ausgeprägt haben."

  (picture-alliance/dpa/Jörg Carstensen) (picture-alliance/dpa/Jörg Carstensen)Lässt sich Überbevölkerung verhüten?
Im Jahr 2050 könnte die Weltbevölkerung auf zehn Milliarden Menschen steigen. In Nairobi berieten die Vereinten Nationen, wie man das Problem knapper Ressourcen lösen kann. Manche sehen einen Generationenkonflikt um Geburten.

Das statistische Bundesamt geht davon aus, dass die Bevölkerung in Deutschland bis 2060 von derzeit 83 auf 78 Millionen Menschen schrumpfen wird – falls, wie im Durchschnitt der letzten sechs Jahrzehnte, um die 220.000 Menschen pro Jahr zuwandern. Würde sich diese Zahl auf jährlich 300.000 erhöhen, wie zwischen 1990 und 2018 geschehen, bliebe die Bevölkerungszahl konstant. Allerdings nicht überall in Deutschland, wie Pott betont.

"Da gibt es eine zunehmende Polarisierung, auch eine räumliche Polarisierung, es gibt Wachstumsregionen, die viele Migrantinnen und Migranten anziehen. Es gibt aber auch schrumpfende Regionen, die abgeben. Wir kennen das aus dem Land-Stadt-Gegensatz. Aber das lässt sich sozusagen auch in größeren Regionen ausmachen."

Den Einfluss, den die Politik auf Migration und Bevölkerungsfragen generell nehmen kann, bewertet Pott als eher gering. Weder Elternzeit noch Kindergartenausbau hätten die Geburtenrate deutlich in die Höhe getrieben.

"Man sieht eben daran, an dem Nichtfunktionieren, zumindest nicht dem gradlinigen Funktionieren dieser Anreize, wie komplex der Gegenstandsbereich und auch das generative Verhalten ist."

Technologischer Wettbewerb löst demografischen Wettbewerb ab

Das merkt gerade auch China, wo die Staatsführung die Frauen aufruft, mehr Kinder zu bekommen, was vor allem an den schlechten sozialen Rahmenbedingungen zu scheitern droht. Auch der türkische Staatspräsident Erdogan hat Türkinnen gerade erst aufgefordert, mehr Babys zur Welt zu bringen - unmittelbar nachdem er aus der Istanbul-Konvention austrat, die Frauen vor Gewalt schützen soll. Solche staatlichen Aufrufe erinnern an eine Zeit, in der die Größe der Bevölkerung noch eine zentrale Bedeutung für die Macht eines Staates und seines Regenten hatte, wie Leander Scholz beschreibt.

"Es ist nicht so, dass die Menschen einfach geboren wurden, sondern die Vorstellung im 19. Jahrhundert war ganz stark, dass eben eine starke und große Bevölkerung auch politische Macht bringt. Das hatte vor allem militärische Gründe, aber auch andere Gründe, dass eben die Idee war, eine große, starke Bevölkerung wird das Land voranbringen und wird eben die politische Macht steigern."

Diese Idee hat sich laut Scholz durch alle Regime des 20. Jahrhunderts gezogen. Die sogenannte "Produktion von Nachwuchs" habe im Faschismus wie auch im Kommunismus als patriotische Pflicht gegolten. Und die Idee hat noch nicht ausgedient, glaubt Scholz.

"Die Angst davor, dass die Bevölkerung schrumpft und dass das auch mit dem Schrumpfen der politischen Macht einhergeht, die, würde ich sagen, hat sich nach wie vor erhalten. Sie ändert sich aber gerade, weil eben heute würde man nicht mehr sagen, wie Anfang des 20. Jahrhunderts, wo das ein Riesenthema war, als man erst einmal die großen Mächte neu vermessen hat und sagte: Was ist eigentlich mit China? Jetzt kommt diese riesige Macht sozusagen mit ihrer Menschenmenge auf uns zu. Heute würde man sagen, ist es viel stärker, ist wichtiger geworden: Wer hat die technologische Führung?"

So sei der technologische Wettbewerb heute wichtiger als der demografische. Doch ganz verschwunden ist er – und damit verbunden die Instrumentalisierung vor allem von Frauen - nicht.

Und so wird die Chefin des UN-Bevölkerungsfonds wohl noch viele Reisen unternehmen müssen, um Frauen mehr Räume zur Selbstbestimmung in Fragen von Sexualität und Kinderwunsch zu verschaffen. Im Sudan besuchte Natalia Kanem im März eine Fraueninitiative, die genau das erreichen will.

"Der Höhepunkt meines Tages war, als ich ihnen einen eigenen Krankenwagen, ein Tuktuk, übergeben durfte. Es war wirklich aufregend, die Schlüssel einer der starken Frauen in diesem Dorf in die Hand zu drücken."

Stärkt die Diskussion über "Bevölkerung" rassistische Diskurse?

Mit der Ambulanz soll nicht zuletzt das Risiko eines Todes im Kindbett reduziert werden, das im Sudan wie in vielen anderen Ländern immer noch hoch ist.

"Was mich wirklich beeindruckt hat, das ist, wie die Frauen im Dorf Geld zusammenlegen, damit sie Schwangere ins Krankenhaus bringen können. Jede Frau, deren Leben bei der Geburt bedroht ist, wird so ins Hospital gebracht, wo trotz schwieriger Umstände ein Kaiserschnitt durchgeführt werden kann."

Auch das ist Teil globaler Bevölkerungspolitik im 21. Jahrhundert. Die Juristin Dana Schmalz, die sich mit der Verankerung von Bevölkerungsfragen im Völkerrecht beschäftigt, hat vor dem Hintergrund dieses breiten, menschenrechtsbasierten Ansatzes auch die Frage verfolgt, ob Diskussionen über "die Bevölkerung" noch zeitgemäß sind, auch weil sie zu oft in rassistische Diskurse abglitten. Letztlich überwögen aber die Chancen, glaubt sie.

"Man kann das Thema transparent machen, ohne es zu einem Problem aufzublasen, sondern diese Wahrnehmung, dass wir eben heute eine globale Bevölkerung bilden, ist erstmal etwas Positives. Und auch der Klimawandel kann eigentlich ein Ausgangspunkt sein, uns viel stärker als Weltgemeinschaft zu verstehen, weil wir eben diese wirklich globale gemeinsame Herausforderung haben."

Wenn Diskussionen über die "Weltbevölkerung" zur Basis einer kosmopolitischen Politik würden, dann könne das die schwierigen Bevölkerungsdebatten der Vergangenheit ersetzen und globale Antworten auf globale Fragen ermöglichen.

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