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StartseiteSport am WochenendeEine neue evolutionäre Stufe01.01.2020

GlosseEine neue evolutionäre Stufe

In Siegfried Kracauers Buch "Die Angestellen" gilt der Sport als "Hauptmittel der Entpolitisierung". Rund 90 Jahre später ist der Sport in seiner Entwicklung kontinuierlich selbst zu einem Politikum geworden. 2019 hat der Sport noch einmal einen drauf gesetzt und seine politische Evolution auf ein neues Level gehievt.

Von Jürgen Roth

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Gianni Infantino will den Weltfußball grundlegend verändern. (Imago Sportfoto)
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Vor präzise neunzig Jahren, als die großkapitalgetriebene Organisation von Leibesübungsveranstaltungen noch in löchrigen Kinderschuhen steckte, erblickte Siegfried Kracauer in seinem berühmten Buch "Die Angestellten" im Sport ein "Hauptmittel der Entpolitisierung".

Dieser Tage, da Politik Gott sei Dank zugunsten von symbolträchtigem Gelärm, phraseologischem Geseier, Korruption und Erpressung global abgeschafft ist, ist der Hauptzweck der um sich selber rotierenden Renditewelt, daß Sport ge- und betrieben werde, in jeder Ecke der Erde und rund um die Sonnenuhr, koste es, was es wolle – und bringe es den nassauernden Funktionärsherrschaften vor allem jene Summen ein, die ihre Infantilgehirne ausgebrütet haben.

Eine neue evolutionäre Stufe erklomm der ganze milbendumme Zirkus im Sportjahr 2019 nicht nur in Gestalt sogenannter Europa-Spiele in Minsk, eines – würg – Events, das exakt so nötig gewesen ist wie diese Nations League, in der es wohl um Fußball geht. Sondern symptomatisch war insbesondere die wegweisend nihilistische Leichtathletik-WM in Doha, bei der urologisch-gynäkologische Startblockkameras den jüngsten medientechnischen Sprung nach vorn und in der Schüssel dokumentierten, in einem klimatisierten Stadion, das zur Abkühlung des Planeten beiträgt, vierhundert oder vier katarische Adlige rumlungerten und draußen in der milden Nacht etliche der zombisierten Marathonläuferinnen kollabierten und zum Teil in Rollstühlen davongeschoben wurden.

Trüffelschweine zum Aufspüren neuer Profitquellen

Die Athleten seien, entrüstete sich der französische Geher Yohann Diniz, zu "Meerschweinchen" und "Versuchstieren" degradiert worden. Er hatte da etwas nicht verstanden: Hochleistungssportler sind heute an der kurzen Leine geführte Trüffelschweine zum Aufspüren neuer Profitquellen, sonst nichts. Man mag das, wie der Zehnkämpfer Kevin Mayer, ein "Desaster" nennen. Es ist indes bloß die banale totale Herrschaft des Wertgesetzes.

Begriffen hatten das im Berichtsjahr annäherungsweise ein paar bekannte Handballer, die im Frühling ein Video veröffentlichten, um gegen den irrwitzig engen Terminplan aufzubegehren – und machten danach selbstverständlich brav weiter mit. Etliche Spitzenschwimmer hingegen zeigten ihrem Weltverband FINA die lange Nase, weil der, so der hehre Empörungsgrund, ihnen zuwenig Kohle rüberreiche, und gründeten flugs zusammen mit einem ukrainischen Milliardär und nach dem Muster des herrlichen Radsports eine nochmals blödere, martialisch inszenierte International Swimming League, in der man um das goldene Sponsorenseepferdchen mit Diamanthalfter paddelt.

Mittun durfte dort – heuchlerischerweise – der Krauler Sun Yang nicht, weil er vor der WM im Sommer "eine Dopingprobe mit dem Hammer" hatte "zertrümmern" (Süddeutsche Zeitung) lassen. Mit Nietzsches Hammer? Hatte nicht die FAZ zum Auftakt des Sportjahres 2019 geschrieben: "So dreht sich wie alles im Leben auch das Sportgeschehen immerfort im Kreis"? Im Sinne nämlich von Nietzsches Lehre der ewigen Wiederkehr des Gleichen? So daß einige ausnehmend dreiste und simultan dusselige nordische Skisportler und, unterrichtete uns die Zeit, angeschlossene "Schwindler und Schummler" und Verschleierungsspezialisten gar nicht anders konnten, als im Zuge einer "Rundumbehandlung" systematisch interessante Spritzen zu benutzen und sich darob im Februar von der österreichischen Anti-Terror-Einheit Cobra in Seefeld in flagranti – holladihi, holladiho – hopsnehmen zu lassen?

Der Donald Trump des Fußballs

Und wie schaute es währenddessen im – ungeachtet Hunderter aus Versehen zusammengeschlagener Schiedsrichter im Amateurbereich – menschheitsbeglückenden Fußballbetrieb aus?

Der nietzscheanische Übermensch mit dem geringfügig irreführenden Namen, der Schweizer Schotterschorsch Infantino, hatte in seinem Denkkastl den Plan ausgeheckt, eine komplett hanebüchene Klub-WM und eine sagenhaft sinnlose Weltnationenliga aus der Jauchetaufe zu zerren und dafür von einem sinistren, vermutlich arabischen Konsortium 25 Milliarden einzufahren und die FIFA – und wahrscheinlich auch gleich noch die FINA, die FIBA und die FISA – in die Luft zu sprengen.

FIFA-Chef Gianni Infantino kündigt auf einer Pressekonferenz in Shanghai die neue Klub-WM mit 24 Vereinen an. (imago images / Xinhua)FIFA-Chef Gianni Infantino kündigt auf einer Pressekonferenz in Shanghai die neue Klub-WM mit 24 Vereinen an. (imago images / Xinhua)Neue Klub-WM - Investor soll großes Mitspracherecht erhalten - Die Fifa verfolgt heimlich Pläne, die Strukturen des Weltfußballs durch einen neuen Wettbewerb für die weltbesten Klubs auszuhebeln und einem dafür benötigten Milliarden-Investor attraktive Rechtepakete abzutreten. Schon länger geht der Verdacht in der Branche um, jetzt ist das Ansinnen erstmals dokumentiert.

Obwohl er sich mit Donald Trump verglich (und an die eigene gigantische Größe freilich jederzeit granitfest glaubt), signalisierten die zunächst düpierten europäischen Topvereine und die UEFA dem ewig grinsenden Kleingeldhänschen alsbald, er, der peinsame Bumsfallera-Präsi, könne sie mal kreuzweise und möge sich dito die Aufblähung des Championats in Katar sonstwohin schieben. Gott sei Dank sprang im Oktober der unfassbare Herr Klinsmann dem infernalischen Narzissten Infantino bei und faselte herum, die Apotheose des Schwachsinns im Jahre 2022 in Katar werde "eine WM der Extraklasse". Konsequent, dass so einer kurz darauf Trainer von Hertha BSC wurde.

Derweil ward ruchbar, dass Infantino, der laut Süddeutscher Zeitung "skrupelloseste Seelenverkäufer des Fußballs", den Berner Strafermittler in Sachen FIFA-Sauereien mit Nobelpräsenten eingedeckt hatte – was weder der vor sich hin schnarchenden Schweizer Justiz, die obendrein unseren Franzl Beckenbauer geschwind exkulpierte, noch unserem Dr. Faustus zum Schaden gereichte. Denn längst bildet der im Zeichen des allwaltenden Homo oeconomicus entfesselte Fußball lediglich ab, was in den postdemokratischen Saftläden von West bis Ost Tagesgeschäft ist – mochte Thomas Kistner auch ächzen, absurder gehe es nimmer.     

Nicht alle kommen davon und ein großer Abschied

Immerhin: Der Lump Michel Platini, ehemals UEFA, stolzierte wegen Bestechung in der Causa Katar in einen französischen Knast. Und der geltungsgierige Grindel Reinhard aus der Otto-Fleck-Schneise musste auf Grund einer aus abermals sauberer ukrainischer Hand entgegengenommen Luxusuhr und einiger schöner DFB-Nebeneinkünfte das Zepter in den Restmüll pfeffern. Zum Glück blieb uns im hiesigen Unfugskosmos Uli Hoeneß erhalten und bölkte wie eh und je durch die Gegend; meckerte etwa nach der geheimen, würdelosen Löwschen Kommandoaktion "Rausschmiß Müller, Hummels, Boateng", das sei ein "Theater" und eine "unmögliche Ausbootung", und brüllte schließlich in der Angelegenheit ter Stegen contra Neuer in sämtliche Mikrophone, der FC Bayern werde "keine Nationalspieler mehr abstellen", sollte der Manuel zur Nummer zwei heruntergestuft werden, und der Löw Jockl, der werde "schon hören, was wir alles gesagt haben, dem werden schon die Ohren klingeln", sakradi.

Und dann? Trat der zauberhafte zappelige Zausel im November zurück. Weil, unkte der kicker, ausgerechnet er es nicht länger ertrage, dass der Fußball zum "Spielball der Reichen" geworden und ein "Totalcrash" zu befürchten sei, eine Art Asteroiden-Armageddon.

Ach je, hätte der Uli doch ewig so weitergeschmarrt. Womöglich bewegt ihn ja ein sachter Schlag mit Nietzsches Hämmerchen auf den Hinterkopf zur Rückkehr. Schon für 2020 sei sie zu erhoffen, sehr und stark zu erhoffen, uns neuerlich unermeßlich zu erquicken.

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