Glosse zum neuen und alten SportjahrVon "megamagischen" Eröffnungsfeiern und abkippenden Doves

Das Sportjahr 2021 inklusive Fußball-EM und Olympischer Spiele liegt hinter uns. Autor Jürgen Roth blickt in seiner Glosse zurück und voraus auf 2022. Er erklärt, warum der DFB eigentlich CCC heißen müsste und warum Sprachkünstler Karl Valentin von Nürnbergs Trainer Robert Klauß entzückt gewesen wäre.

Von Jürgen Roth | 01.01.2022

Das Team aus Deutschland, GER, marschiert ein, die Beachvolleyballerin Laura Ludwig und der Turmspringer Patrick Hausding tragen die deutsche Flagge
Deutsches Team bei Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele Tokio 2020 (picture alliance / SVEN SIMON | Anke Waelischmiller/Sven Simon)
Irgendwas in der Bundesrepublik China und noch was in der Räterepublik Katar soll heuer steigen, und wir sind uns sicher, dass der dort jeweils präsentierte Sport die Menschheit ein weiteres Mal Richtung Frieden und Demokratie voranbringen wird.
Auch das allgemeine Reflexions- und Sprachvermögen wird im Limbus der professionellen Leibesertüchtigung einen neuerlichen großen Sprung nach vorne machen und sich dabei ein leuchtendes Beispiel an der deutschen Fackel- oder immerhin Fahnenträgerin Laura Ludwig nehmen, die im verflossenen Sommer auf die Frage, wie sie die Eröffnungsfeier in Tokio gefunden habe, nicht etwa mit „dufte“, „spitze“ oder „knorke“, sondern mit dem zementstarken Statement geantwortet hatte: "Keine Ahnung. Ich bin reingelaufen, fand’s geil und bin wieder rausgelaufen."
Es war also – mit Hansi Flick zu reden: "all-in" gesehen – "megamagisch" gewesen; wie, blies wenig später die dpa, die Deppenpresseagentur, ins Horn, die Ankunft Lionel Messis in der Welthauptstadt der Finsternis, in Paris.

Warum der DFB eigentlich CCC heißen müsste

Das von der Süddeutschen Zeitung gefeierte Sport-"Schauerjahr" 2021 liegt hinter uns, wir breiten hier des weiteren den Pelzmantel der frostigen Ignoranz darüber – und freuen uns um so mehr auf den Bundestag des DFB, eines Verbandes, der füglich CCC heißen müßte: Chaos Corruption Club.
"Leider ändern in diesem Verband Argumente nichts, sondern nur die Steuerfahndung oder Richter", sagt der in die Rente abgeschobene Schiedsrichter Manuel Gräfe. Und leider wird dieser topgeile CCC-Bundestag nicht an den lieblichen Iden des März, am 15. des Monats, sondern bereits am 11. März in die Welt gestemmt – um sodann für sämtliche Gremien im Sinne der gesellschaftlichen Erneuerungsverantwortung eine Impulsgeberquote, eine Kompetenz- und eine Visionhaberquote, eine Beraterquote, eine Sponsorenquote und eine Bimbesverteilerquote unter meerestosendem Applaus abzusegnen – zuzüglich einer fürderhin näher zu bemessenden Hinterfrauen- und Hintermännerquote.

Warum Karl Valentin Fan von Robert Klauß wäre

Noch was?
Aber freilich. In Karl Valentins Dialogstück "Am Fußballplatz" heißt es: "Ich wollt’ ’nausgeh’n, aber ich hab’ g’hört, dass da fünfunddreißigtausend Menschen draußen sind. Und da […] hab’ ich keine Lust. Sowie’s bei mir mal mehr is’ als wie, sag’ mer, mehr als wie dreißigtausend Zuschauer sin’, dann fühl’ ich mich so, äh, so beengt." Daher meide er, Valentin, den "Fußangstballplatz".
Man darf dem objektiven Geist zugute halten, dass in Zeiten von Geisterspielen und erneuten Geisterspielen ein zarter Mensch wie Karl Valentin es vermutlich wagte, zu einem Fußballkampf zu gehen. Und anschließend säße er in der PK und lauschte einem sogenannten Coach, vielleicht diesem Herrn Klauß aus Nürnberg, und er, der Valentin Karl, einer der bedeutendsten Sprachkünstler in der Geschichte des Homo sapiens, wäre entzückt und gäbe sich geschlagen, weil der Herr Klauß seinen "Matchplan" wie folgt erklärte:
"Wir sind in einem 4-2-2-2 auf Pressinglinie eins angelaufen, wir wollten nach Ballgewinn über den ballfernen Zehner umschalten. Wir sind im Ballbesitz in eine Dreierkette abgekippt mit dem asymmetrischen Linksverteidiger und dem breitziehenden linken Zehner, so dass wir in ein 3-4-3 respektive 3-1-5-1, je nachdem, wo sich Dove aufgehalten hat, abgekippt sind."

Freude auf die Kopfnuss-WM in Nevada

In diesem paradigmatisch sinnzerdeppernden Sinne begrüßen wir außerdem nicht bloß die vier Ellbogenballweltmeisterschaften, die im Sportjahr 2022 stattfinden werden. Wir begrüßen ebensosehr die Kopfnuss-WM in Nevada, die Weltmeisterschaften im Ausschlafen in Nowosibirsk, die Europameisterschaften im Spaziergehen in Dakar und die European Championships im Schnapsrunterkippen im August in München.
Dankbar wären wir dem Sportjahr 2022 darüber hinaus, führte es verbindliche Schulungen für TV-Kommentatoren ein, in denen diese gelehrt würde, fortan unentwegt so zu reden wie das komische Genie Heino Jaeger in seinem Monolog "Sport aktuell" aus den siebziger Jahren:
"Man kann eigentlich sagen, dass alles in allem besonders dadurch, dass ja, äh,  Mönchengladbach letztes Jahr bei der Hallenwahl und auch dadurch, dass der Traber Walter Bobowski in der entscheidenden Runde seinen Wagen einfach aus den Augen verlor, die Platzverhältnisse bei Schlammbahnrennen in Bielefeld in letzter Sekunde buchstäblich vertan wurden."
Wäre es nicht schön?
Es will uns scheinen: ja. Definitiv: jawohl. Prost Sportneujahr! Auf geht’s!