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StartseiteKultur heuteDie Fäden der Moderne15.12.2019

Gobelin-Ausstellung MünchenDie Fäden der Moderne

Teppiche dienen seit der Antike den Mächtigen, Reichen und Herrschern. Heutzutage werden in den Tapisserien aber auch Bildmotive moderner Künstler wie Picasso oder Miró verwoben. Die Teppichweberinnen bleiben dennoch meist unsichtbar.

Von Julian Ignatowitsch

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Bilderteppich in einer Werkstatt, Gobelin-Fabrik, Paris, Frankreich (imago stock&people)
Gobelin aus der Pariser Manufaktur (imago stock&people)
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Es kann einem schon schnell mal schwindelig werden angesichts eines solch größenwahnsinnigen Unterfangens: Als die Nazis 1940 Paris besetzten, gab Hermann Göring bei der französischen Gobelins-Manufaktur einen Wandteppich in Auftrag, der auf siebzig Quadratmetern den gesamten Erdkreis nach Willen des NS-Schergen zeigen sollte. Apollo, der Gott der schönen Künste, staunt und Justitia richtet ihr Schwert gen Großbritannien. Zum Glück wurde dieses Werk nie vollendet! Aber es zeigt natürlich, wem und wozu dieses Handwerk seit der Antike diente, nämlich den Reichen, den Mächtigen, Herrschern und Königen, erklärt der Direktor der Münchner Kunsthalle Roger Diederen:

"Die Fürsten haben sich mit den prächtigsten Tapisserien umgeben, das waren Statussymbole, wie die enormen Zyklen, die es gegeben hat, am Königshof, zum Beispiel bei den Wittelsbachern. Wer Macht hatte, hat das in Tapisserien gezeigt."

Die Besten kamen seit dem 17. Jahrhundert vom Hof des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV., der die "Manufacture des Gobelins" gegründet hatte. Und heute, mehr als dreihundert Jahre später? Die Manufaktur arbeitet immer noch im Dienst des französischen Staates, der Republik. Dass die Tapisserien kurzzeitig auch für revolutionäre Zwecke eingesetzt wurden, zeigen einige Beispiele von Jean Lurcat, der mit Sonne, gallischem Hahn und einigen lyrischen Versen die Liberté Frankreichs beschwor. Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg war mit solchen ideologischen Woll-Gefechten Schluss. Die Gobelins machten sich in die Moderne auf. So zeigt es die Münchner Ausstellung gut nachvollziehbar in neun Kapiteln und betont dabei die Eigenständigkeit dieses Kunst-Handwerks. Roger Diederen:

"Es ist auch das Ziel dieser Ausstellung zu vermitteln, wie aktuell dieses Thema als Kunstgattung ist. Es wird intensiv mit zeitgenössischen Künstlern überlegt, welche Projekte realisiert werden können. Es sind sehr aufwändige Aufträge, alles ist Handwerk, nichts wird maschinell gemacht."

Kubisten und Farbfeldmaler kommen gut zur Geltung

So sieht man nach den klassischen, historistischen Motiven zu Beginn des 20. Jahrhunderts, zum Beispiel bei Louis Anquetin, im zweiten Teil plötzlich abstrakte Expressionisten, die in der Teppichkunst übrigens nicht funktionieren,  Pop- und Op-Artists, die besser wirken und Kubisten und Farbfeldmaler, welche am Besten zur Wirkungen kommen. Allesamt verflochten in den Fäden der Moderne.

Und natürlich dürfen auch die ganz großen Namen nicht fehlen: Mirós "Frau im Spiegel", Matisse' "Lautenspielerin" oder Picassos "Femmes A Leur Toilette", alle umgesetzt nach 1945, sind die Höhepunkte der Schau. Wenn, wie im Fall Picasso mit verschiedenen Wollschichten und -dichten ein Flickenteppich entsteht, der perfekt das fragmentarische und Formen durcheinanderwürfelnde Denken der Kubisten versinnbildlicht, also die Tapisserie-Übersetzung mit dem originären Zweck verschmilzt, kann man von einem Meisterwerk sprechen. Ein Meisterwerk, das in kleinteiliger, jahrelanger Handarbeit der Weberinnen - tatsächlich arbeiten in der Gobelin-Manufaktur fast nur Frauen - entsteht, so zeigt es ein sehr aufschlussreicher, wenn auch zu kurzer Dokumentarfilm in der Ausstellung. Roger Diederen: "Also schon die Vorbereitung dauert schnell ein Jahr." Die Fertigstellung eines Gobelins kann bis zu fünf Jahren dauern.

Weberinnen bleiben unsichtbar hinter großen Namen

Das gilt es hervorzuheben: Die Weberinnen sind die eigentlichen Heldinnen hier, bleiben hinter den Geniusköpfen, Picasso, Leger, Le Corbusier aber unsichtbar und namenlos, eben auf der Rückseite vermerkt, anders als vergleichbare Virtuosen wie der Dirigent eines Orchesters oder der Übersetzer eines Buches.

Überhaupt wo sind die Frauen? Nur sieben von zweiundvierzig ausgestellten Künstlern sind weiblich. Auch das verrät viel über ein konservatives, scheinbar heimelig, kuscheliges, in Wahrheit streng elitäres Handwerk, das zuallererst der Repräsentation dient, auch heute noch. Modern ist man nur bis dahin, wo die herrschende Machtstruktur fallen könnte.

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