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StartseiteInterview"Eine Kriegserklärung gegenüber Deutschland"04.03.2017

Gökay Sofuoglu über Erdogan"Eine Kriegserklärung gegenüber Deutschland"

Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, zeigt sich besorgt über das deutsch-türkische Verhältnis. Die Rede von Präsident Erdogan habe die Stimmung in Deutschland und unter den Türken noch weiter angeheizt. So würden Angst und eine unheilvolle Entwicklung weiter geschürt.

Gökay Sofuoglu im Gespräch mit Martin Zagatta

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Sofuoglu. (imago / Metodi Popow)
Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Sofuoglu. (imago / Metodi Popow)
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Martin Zagatta: Die Türkei läuft Sturm gegen Auftrittsverbote ihrer Minister in Deutschland und in die Diskussion hat sich gestern Abend auch Präsident Erdogan selbst eingeschaltet, mit ganz massiven Vorwürfen.

Und am Telefon ist jetzt Gökay Sofuoglu, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, die die in Deutschland lebenden Türken und türkischstämmigen Deutschen vertritt. Guten Morgen, Herr Sofuoglu!

Gökay Sofuoglu: Guten Morgen!

Zagatta: Herr Sofuoglu, solch heftige Vorwürfe von Präsident Erdogan jetzt, heizt das Stimmung hier in Deutschland unter Türken und den Deutschtürken jetzt noch weiter an oder wie schätzen Sie das ein?

Sofuoglu: Das heizt die Stimmung natürlich an. Ich habe auch seine Rede ansatzweise gehört und das ist eigentlich mehr oder weniger eine Kriegserklärung gegenüber Deutschland. Und ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Nächste Woche soll ja der Außenminister Gabriel mit seinem türkischen Amtskollegen reden und ich hoffe, dass sie jetzt vernünftig miteinander reden und die Situation ein bisschen besänftigen.

Zagatta: Glauben Sie, das ist in dieser Situation überhaupt noch möglich? Das ist ja derart eskaliert, wenn man da gestern Abend zugehört hat!

Sofuoglu: Es muss möglich sein, was anderes kann ich mir da nicht vorstellen. Wenn diese Stimmung weiter angeheizt wird, dann werden es sehr, sehr schwere Folgen auch für die Verhältnisse in Deutschland sein, auch für die Verhältnisse unter den Türken sein. Deswegen wäre es gut, wenn man jetzt einen Gang zurücklegt und etwas besonnener auf die ganze Entwicklung achtet.

Keine konstruktive Begegnung momentan möglich

Zagatta: Was heißt "sehr, sehr schwerwiegende Folgen"? Wir hören ja von ziemlichem Unfrieden in türkischen Gemeinden. Wie gehen die Gegner und Befürworter von Erdogan hier in Deutschland miteinander um, was erleben Sie da?

Sofuoglu: Es ist bisher wenig Begegnung zwischen Gegnern und Befürwortern, obwohl wir schon ein paarmal versucht haben, wenn man überhaupt so eine Veranstaltung über Verfassungsänderungen macht, dass Befürworter und Gegner zusammenkommen, dass man miteinander diskutiert, dass die Leute informiert werden, worum es da geht. Aber es ist so, dass jedes Lager eigentlich seine Leute irgendwie jetzt um sich herum hat und die emotionalisiert, zu den Wahlen bewegt. Aber es gibt wie gesagt keine Begegnung, keine konstruktive Begegnung, wo man miteinander diskutiert. Und diese Spannung wird in den nächsten Tagen, wenn solche Reden aus der Türkei kommen und wenn solche Praxisen in Deutschland sind, wird die Situation natürlich noch schwerer.

Zagatta: Sie, also die Türkische Gemeinde in Deutschland, Sie werben ja für ein Nein beim Referendum. Sie haben 400 Veranstaltungen organisiert, habe ich gelesen, oder wollen die organisieren.

Sofuoglu: Es sind zahlreiche.

Zagatta: Ja, sagen wir: zahlreiche. Müssen Sie als Verband da nicht eigentlich neutral sein?

Sofuoglu: Wir sind in der Regel neutral, wenn es um innenpolitische Angelegenheiten der Türkei geht, aber diesmal geht es ja gar nicht um innenpolitische Angelegenheiten in erster Linie, sondern es geht um eine Richtungsentscheidung für die Türkei, es geht um die Verfassung. Und eigentlich interessiert es mich nicht so ganz, wer in der Türkei regiert, aber wie die Türkei in den nächsten Jahrzehnten regiert wird, interessiert uns natürlich. Das war auch Beweggrund von unserem Gremium, dass wir gesagt haben, dass wir hier auf jeden Fall eine Position beziehen sollten. Aber uns geht es auch nicht unbedingt darum, irgendein Lager gegen das andere zu schießen, sondern eher die Menschen aufzuklären, worum es jetzt in dieser Verfassungsänderung geht. So versuchen wir auch, gerade Veranstaltungen mit den Menschen durchzuführen, die jetzt keine Möglichkeit haben, an Information heranzukommen, oder die jetzt unentschlossen sind und nicht ganz genau wissen, welche Entscheidung für die Zukunft der Türkei wichtig ist.

"Es ist wichtig, die Leute zu erreichen"

Zagatta: Gelingt das denn bei diesen Veranstaltungen, die Sie da angesetzt haben, oder kommen da eigentlich nur – Sie haben es ja vorhin angedeutet – die Erdogan-Gegner?

Sofuoglu: Nein, wir machen weniger Veranstaltungen, wo wir auf die Leute warten, sondern wir gehen eher auf die Leute zu. Das sind sehr viele Hausbesuche, das sind sehr viele Vereinsbesuche. Weil, wenn man Veranstaltungen macht und die Leute einlädt, dann kommen in der Regel immer die gleichen Leute, die man sowieso bei jeder Veranstaltung sieht. Deswegen ist es besser, wenn man auf die Leute zugeht, man die Orte besucht, wo sich die Leute befinden, die entweder Ja sagen würden oder unentschlossen sind. Es ist viel wichtiger, die Leute zu erreichen, als dass man jetzt Propaganda für sich macht.

Zagatta: Die türkische Führung stellt ja Kritiker der Verfassungsänderung als Terroristen hin oder nennt sie Vaterlandsverräter. Welche Auswirkungen hat denn das? Trauen sich da die Menschen überhaupt, offen ihre Meinung zu sagen? Ist das in Deutschland möglich oder hat man da auch irgendwie Vorbehalte, Ängste?

Sofuoglu: Auch in Deutschland sehe ich bei so vielen Leuten, dass sie Angst haben, weil sie selber noch in die Türkei gehen, weil sie Verwandte haben. Die Angst wird auch geschürt. Also, ich habe gestern einen Tweed verbreitet und daraufhin wurde ich gleich von zwei Personen gemahnt, dass mein Tweed jetzt an die Türkei weitergegeben worden ist, und das haben sie dann auch den Menschen, an die sie den geschickt haben, haben sie mitveröffentlicht. Ich kann damit umgehen, weil ich es inzwischen gewohnt bin, aber ein einfacher Mensch, der jetzt diese Drohungen spürt, diese Angst spürt, ist natürlich nicht in der Lage, sich frei zu äußern. Das ist natürlich auch für uns in Deutschland lebende Menschen schwierig, weil wir in Deutschland ganz andere Sachen gewohnt sind.

Zagatta: Können Sie selbst denn noch in die Türkei reisen?

Sofuoglu: Ich würde auf jeden Fall in die Türkei reisen, weil ich denke: Wenn man von Demokratie spricht, sollte man auch andere Meinungen akzeptieren können.

Zagatta: Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Türken oder Menschen mit türkischem Pass, so heißt es immer wieder, sind Anhänger von Erdogan. Wie ist das eigentlich zu erklären? Die haben doch hier Möglichkeiten, sich zu informieren?

"Viele Türken haben sich bisher ruhig verhalten"

Sofuoglu: Na, sie sind natürlich immer präsent in der Öffentlichkeit, sie machen viele Veranstaltungen, viele große Veranstaltungen. Aber ich gehe davon aus, dass jetzt die AKP ihre Anhänger schon ausgeschöpft hat. Sie haben mehrere Veranstaltungen gemacht, aber es gibt auch eine große Mehrheit, die Türken bestehen nicht aus 20.000 oder jetzt 30.000 Menschen, es sind sehr viele, die sich bisher auch ruhig gehalten haben, weil sie sich in die innerpolitische Entwicklung nicht einmischen wollten. Aber es sind sehr viele, die jetzt erst recht sagen: Wir müssen uns bei dieser Verfassungsänderung auf jeden Fall bewegen, wir müssen unsere Stimme abgeben, wir müssen Farbe bekennen. Das sind die Leute, die natürlich bisher nicht in die Öffentlichkeit, in Erscheinung gekommen sind. Wahrscheinlich in Zukunft auch nicht, aber für sie ist es sehr wichtig, dass die Türkei in Zukunft auch demokratische Grundbasis hat, um sich überhaupt zu entwickeln.

Zagatta: Was erleben Sie da in Ihrem Umfeld jetzt, was die Diskussion angeht um die Auftrittsverbote für türkische Minister derzeit hier im Wahlkampf, oder im türkischen Wahlkampf, Auftritte, die in Deutschland geplant waren? Wie ist da die Reaktion, die Sie erleben?

Sofuoglu: Das ist unterschiedlich. Es gibt welche natürlich, die sich darüber freuen, dass Deutschland endlich Kante zeigt, und es gibt welche, die sagen, so was geht nicht. Die werden wahrscheinlich erst recht zur Abstimmung gehen und für Ja stimmen. Und es gibt welche, die natürlich auch diese Frage stellen und versuchen zu vergleichen zwischen Menschenrechtsverletzungen oder Meinungsfreiheit in Deutschland und auch in der Türkei, versuchen sie da, eine etwas differenzierte Analyse zu machen, und sagen: Ja, Meinungsfreiheit gilt für alle und überall.

Zagatta: Bei der Parlamentswahl 2015 sollen knapp 60 Prozent der Deutschtürken und der Türken in Deutschland für Erdogans AKP gestimmt haben. Erwarten Sie das beim Referendum, habe ich Sie da recht verstanden, jetzt nicht mehr so klar?

Sofuoglu: Das glaube ich diesmal nicht, weil die Leute, viele Menschen jetzt unterscheiden können zwischen Parlamentswahlen und Verfassungsänderung. Ich kenne in meinem Umfeld viele, die wahrscheinlich in der Zukunft auch AKP wählen würden, aber wenn es um ein Präsidialsystem geht, wollen sie das nicht, weil sie lieber eine starke AKP in der Regierung haben wollen als einen starken Mann, bei dem man nicht weiß, wie er sich entwickelt.

Zagatta: Also, das ist noch offen für Sie oder glauben Sie, dass das Referendum scheitert?

Sofuoglu: Ich habe große Hoffnung, dass das Referendum, diese Volksabstimmung abgelehnt wird.

Zagatta: Heute Morgen im Deutschlandfunk Gökay Sofuoglu, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Herr Sofuoglu, danke schön für dieses Gespräch!

Sofuoglu: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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