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Startseite@mediasresFragwürdige Lesetipps04.03.2020

Google DiscoverFragwürdige Lesetipps

Milliarden Handynutzer bekommen von Google Online-Beiträge vorgeschlagen. Zwischen Musikvideos und Kochrezepten stehen immer wieder auch rechtsalternative Inhalte. Deren Verfasser versuchen, Googles Algorithmus gezielt für ihre Zwecke zu nutzen.

Von Michael Borgers

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Nachrichtenmeldungen neben Rezepten - eine Hand hält ein Smartphone, auf dem Google "Discover" zu sehen ist (Deutschlandfunk)
Nachrichtenmeldungen neben Rezepten - mit "Discover" macht Google gespeist aus inhaltlichen Interessen der User ein Angebot (Deutschlandfunk)
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Für einige Menschen in Deutschland steht fest: Der "Spiegel" verbreitet Lügen, der Deutschlandfunk ist zu links und zu grün, die beiden sind – wie viele andere Redaktionen auch – sogenannte "Mainstream-Medien". Die vermeintlich echten Wahrheiten bieten ihnen andere. Medien wie "eigentümlich frei", vor mehr als 20 Jahren als monatliche Zeitschrift gestartet und längst auch im Internet präsent.

Wissenschaftler rechnen die Macher der neuen Rechten zu. Und die Welt, die sie zeichnen, ist schwarz-weiß. In ihrer Selbstdarstellung heißt es, man sei das Magazin für "Klimaskeptiker", "Raucher" oder "Medienopfer". Nicht gemocht werde man dagegen von "Ökofaschisten", "Gender-Mainstreamern" oder "Politikern". Entsprechend ordnet Herausgeber und Chefredakteur André Lichtschlag die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen so ein:

"Das war ein unglaubliches Aufatmen, eine unglaubliche Befreiung, ein Jubel geradezu in den sozialen Medien, bei denen, die noch irgendwie bürgerlich und klar denken können. Aber dann kam die Reaktion. Seitens des Mainstreams, des politischen und medialen Establishments eben."

Rezepte, Musikvideos und Nachrichten

Das "mediale Establishment" und "eigentümlich frei" – ein Ort, wo sich beide begegnen, ist Google Discover. So heißt der News-Feed des Internet-Giganten, ein Angebot für Milliarden Nutzer von Android-Geräten weltweit, von Smartphones und Tablets, teilweise schon voreingestellt von Google.

Anders als bei Google News ist das Angebot ausdrücklich kein journalistisches. Discover speist sich aus den persönlichen Interessen, bietet auch Kochrezepte oder Musikvideos an. Und eben Seiten wie "eigentümlich frei", die auf Google News keinen Platz finden.

Auch AfD-Portal taucht in Discover auf

Besonders deutlich wurde das im Zuge der Diskussion um die "Umweltsau"-Satire des WDR. Nicht nur etablierte, auch zahlreiche rechtsalternative Medien setzten sich mit dem Thema auseinander – und erscheinen damit im Android-Newsfeed. Seiten wie das Blog "Science Files", dem ein Gericht jüngst attestiert hat, aktiv "mit populistischen und rechten Milieus" vernetzt zu sein. Milieus, die auch das AfD-eigene Portal "AfD Kompakt" bedient, ebenfalls regelmäßig auf Discover vertreten.

Genau wie immer wieder selbst erklärte Meinungsmacher der Neuen Rechten, die auf Youtube, das ebenfalls zu Google gehört, Andersdenkende angreifen und Halbwahrheiten verbreiten. So wie in diesem Video über eine von Rechten organisierte Demonstration vor dem WDR in Köln, in dem der Macher zudem genau erklärt, wie er Youtube manipulieren wolle.

"Wir werden probieren, Werbung reinzuschalten. Das hat nix mit großen Verdiensten zu tun, sondern das hat damit zu tun, dass wir versuchen, den Algorithmus von dieser Plattform - ich will hier gar keinen Namen nennen von was für einer Plattform, jeder weiß es - eben zu verbessern und dass das im Ranking nach oben geht."

Google reagiert nicht auf Anfrage

Denn: Offiziell hat Youtube der Desinformation den Kampf angesagt, erklärt immer wieder, zig Millionen Videos, Kanäle und Kommentare gelöscht zu haben.

Auf eine Anfrage des Deutschlandfunks hat Google nicht reagiert. Bei einer Anfrage im November hatte das US-Unternehmen auf seine Richtlinien zu Discover verwiesen, die beispielsweise "hasserfüllte Inhalte" ausschließen.

Beschwerden auch in Spanien und den USA

Schwierigkeiten mit Discover sind grundsätzlich nicht neu. In Spanien hatte die Internetzeitung Eldiario kürzlich berichtet, dass Fälschungen den Nachrichtenmarkt des Landes überschwemmten; von Seiten, die ihr Geld mit erfundenen Schlagzeilen über den Tod von Prominenten verdienten. In den USA entschuldigte sich Google gerade auf Twitter dafür, Inhalte eines rechtsextremen Portals angezeigt zu haben:

Suchmaschinen - und hier besonders Google - sind schon lange für viele Nachrichtenseiten extrem wichtig. Neben sozialen Netzwerken bringen sie die meisten Seitenbesuche. Viele große Redaktionen haben deshalb Beauftragte, die dafür zuständig sind, dass die eigenen Inhalte gut von Suchmaschinen gefunden werden.

Wie genau sich Google Discover auswirkt – hier will sich niemand in die Karten schauen lassen. Zuständige Mitarbeiter von zwei großen Medienhäusern bestätigten dem Deutschlandfunk: Der Newsfeed spiele inzwischen eine große Rolle, doch genaue Zahlen wollen sie nicht nennen.

Discover bringt auch anderen Medien Klicks

Nur so viel könne er sagen, erklärte Valentin Pletzer von BurdaForward, das unter anderem für Focus digitale Strategien entwickelt: "Der Traffic, der über diese Quelle auf unsere Seite kommt, ist auf jeden Fall so groß, dass wir das im Blick behalten." Dass die eigenen Inhalte neben denen des extremen rechten Rands angezeigt würden, sehe er aber kritisch, so Pletzer weiter.

Das Problem mit Inhalten, die Nutzerinnen und Nutzern nur auf Grundlage von Algorithmen angeboten werden, sei nicht neu, sagt Tobias Keber, Professor für Medienrecht und Medienpolitik in Stuttgart. Er findet: Plattformen wie Google, Youtube und Facebook müssten von sich selbst heraus verantwortlicher umgehen mit bestimmten Inhalten:

"Ich meine, in einer idealen Welt würden sie eben journalistisch-redaktionell auswählen. Das tun sie natürlich nicht. Weil das würde Geld kosten, und dazu müsste man ja Menschen einstellen, die das tun."

Medienstaatsvertrag könnte helfen

Stattdessen trügen die Konzerne mit ihren Algorithmen dazu bei, dass Echokammern entstehen, sogenannte Filterbubbles, in denen eigene Perspektiven bestätigt werden und keine neuen hinzukommen: "Und wie sich das auswirkt auf eine Gesellschaft und am Ende des Tages auch auf die Demokratie, das werden wir sehen."

Medienwissenschaftler Keber hofft, dass der für Anfang März anvisierte Start des neuen Medienstaatsvertrags Besserung bringt. Medienintermediäre wie Google seien dann angehalten, ihre Algorithmen transparenter zu machen: "Wenn die das nicht ordentlich machen, dann kann man da gegebenenfalls Bußgelder aussprechen." Doch ob das dann auch so funktioniere, sei natürlich noch fraglich.

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