Donnerstag, 21.10.2021
 
Seit 22:50 Uhr Sport aktuell
StartseiteForschung aktuellSchicht im Schacht17.12.2014

GorlebenSchicht im Schacht

Die Wände im Salzstock Gorleben sind schmutziggrau, zerfurcht von den Stahlkrallen der Spezialmaschinen, die die Stollen instand halten. In den nächsten zwei Jahren werden hier, in 840 Meter Tiefe, alle Messinstrumente abgebaut. Danach wird das Bergwerk für 15 bis 20 Jahre gesperrt und - so will es das im Juli 2013 verabschiedete Standortauswahlgesetz - an anderen Orten nach einem Platz für hoch radioaktiven Müll gesucht.

Von Axel Schröder

Salzstock Gorleben, 840 Meter Tiefe, Blick auf den Fahrstuhl, bergmännisch: die Seilfahrtanlage (Deutschlandradio / Axel Schröder)
Salzstock Gorleben, 840 Meter Tiefe, Blick auf den Fahrstuhl, bergmännisch: die Seilfahrtanlage (Deutschlandradio / Axel Schröder)

Der Geologe Peter Ward von der Deutschen Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern fürchtet, dass es durch die Zwangspause zu einem unwiederbringlichen Know-how-Verlust kommt. Peter Ward steht auf dem schmutziggrauen Salzfußboden, weiße Bergmannskluft, einen Bauhelm auf dem Kopf:

"Wenn wir alle weg sind und jahrelang nichts mehr passiert, wird das Wissen, dass in den Büchern drinsteht auch für spätere Generationen nicht mehr verständlich sein. Es reicht nicht, dass nur in Bücher zu schreiben. Ich muss schon praktizieren."

Neben Peter Ward steht Wolfram König, der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, das das Bergwerk betreibt. Er weist die Bedenken des Geologen zurück, verweist auf die anderen Atommülllager, in denen das Fachwissen der Bergleute durchaus gefragt sei:

"Morsleben und die Asse! Die eine Menge an sozusagen Herausforderungen bieten, auch das Know-how einzubringen und zu erhalten. Und natürlich Konrad als Tongestein, Erzgestein, was sozusagen wieder andere Randbedingungen bedeutet. Also, wir sind nicht in der Situation, dass nur in Gorleben Experten für untertägige Erkundung gebraucht worden sind."

1986 wurde mit dem Schachtbau in Gorleben begonnen. Heute erstreckt sich das unterirdische Stollensystem über eine Länge von acht Kilometern. Zu Beginn der Erkundung war geplant, neun Areale, die sogenannten Erkundungsbereiche zu erforschen. Der erste Atommüll sollte 1996 eingelagert werden.

Heute ist erst ein einziger dieser Erkundungsbereiche fertiggestellt. Deshalb sei eine Aussage über die Eignung des Salzstocks Gorleben auch fast 30 Jahre nach Beginn der Erkundung nicht möglich, erklärt Dr. Bruno Baltes. Er hat bei der Gesellschaft für Reaktorsicherheit an der "Vorläufigen Sicherheitsanalyse Gorleben", der VSG, mitgearbeitet und fasst die Ergebnisse der Untersuchung so zusammen:

"Wir haben in der VSG auf die Erkenntnisse aufgesetzt, die aus dem Erkundungsbereich 1 des Salzstockes gründen. Und im Ergebnis festgestellt, dass die Eigenschaften des Salzstockes im Hinblick auf die Anforderungen, die aus den Sicherheitsanforderungen stammen, positiv beantwortet werden können."

Will heißen: Nach den Messdaten aus dem Erkundungsbereich 1 ist dieses Areal geeignet für die Einlagerung hoch radioaktiver Abfälle. Allerdings ist dieses Areal viel zu klein, um zum Atommülllager ausgebaut werden zu können. Ein Pluspunkt des Salzstocks Gorleben sind die mächtigen Vorkommen von homogenem Knäuelsalz, erklärt Baltes. Diese Salzart ist besonders plastisch und verschließt im Laufe der Jahrzehnte alle Hohlräume. Die Atommüllbehälter würden dann fest umschlossen werden. Die von einigen geforderte Rückholbarkeit wäre dann aber nicht gegeben.

Aber auch andere Faktoren könnte diese Pläne aber stoppen. Schon heute ist klar: Große Hauptanhydritstränge durchziehen den Salzstock. Dieses Gestein ist klüftig, über diesen Weg könnte Wasser in ein zukünftiges Endlager eindringen. Der im Erkundungsbereich 1 schon identifizierte Hauptanhydrit liege aber in von einander isolierten Brocken vor, erklärt Bruno Baltes. Über diesen Weg könne kein Wasser eindringen. Auch Einschlüsse von Kohlenwasserstoffen könnten die Sicherheit eines zukünftigen Endlagers gefährden, warnen Experten. Die bisherigen Funde sind aber kein Grund zur Sorge, so Bruno Baltes:

"Wir reden hier über einen Volumenprozentanteil von 0,006 maximal. Also verschwindend gering."

Wie groß aber die Kohlenwasserstoffvorkommen in den acht noch unbekannten Erkundungsbereichen sind, darüber wird es erst Klarheit geben, wenn neue Stollen ins Salz gesprengt werden. Das wird aber erst dann geschehen, wenn - in zehn bis fünfzehn Jahren - Alternativstandorte zu Gorleben erforscht worden sind. Und ein Vergleich ergeben sollte, dass sich im politisch so umkämpften Salzstock tatsächlich die besten Voraussetzungen für ein Endlager für Strahlenmüll finden.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk