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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur„Die unregierbare Gesellschaft“23.12.2019

Grégoire Chamayou „Die unregierbare Gesellschaft“

Die 70er Jahre gelten als Epoche der anti-autoritären Revolte. Führende Köpfe aus Wirtschaft und Politik befürchteten, die Gesellschaft könnte unregierbar werden. Der französische Philosoph Grégoire Chamayou zeigt, wie sie ihre Antwort im autoritären Liberalismus fanden.

Von Martin Hubert

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Buchcover " Die unregierbare Gesellschaft" (Buchcover Suhrkamp/ Hintergrund canva)
Grégoire Chamayou untersucht die Entstehung des autoritären Liberalismus (Buchcover Suhrkamp/ Hintergrund canva)
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Zerbrecht euch nicht den Kopf über eindeutige Definitionen des Neoliberalismus. Mit dieser Empfehlung ruft der französische Philosoph Grégoire Chamayou den Leser zum Umdenken auf. Sein Gegenkonzept liest sich so:

"Unser Zeitalter ist zwar ein neoliberales, aber dieser Neoliberalismus ist ein hybrides Produkt, ein eklektisches, in vielen Aspekten widersprüchliches Ganzes, dessen eigentümliche Synthesen nur aus der Geschichte der Konflikte erklärbar sind, die ihre Entstehung prägen".

Dieses neue liberale Denken begann seinen Siegeszug für Grégoire Chamayou Anfang der 70er Jahre, ist aber dadurch charakterisiert, dass es aus einer defensiven Situation heraus entstand. In den USA und Europa hatten sich antiautoritäre Bewegungen gebildet, wilde Streiks und gewerkschaftliche Arbeitskämpfe nahmen zu, die Arbeitsdisziplin ging zurück und es kam zu teilweise militanten Projekten betrieblicher Selbstverwaltung. Die Gesellschaft schien nicht mehr so ohne weiteres im Sinne unternehmerischer Interessen regierbar und steuerbar zu sein. Ein Schock für das liberale Establishment, dessen Aufarbeitung Grégoire Chamayou ins Zentrum stellt:

"In diesem Buch untersuche ich diese Krise in der Form, wie sie in den 1970er Jahren von denen wahrgenommen und theoretisch konzipiert wurde, die sich bemühten, die Interessen der ‚Wirtschaft‘ zu verteidigen. Im Gegensatz zu einer ‚Geschichte von unten‘ handelt es sich hier also um eine ‘Geschichte von oben‘, geschrieben aus der Sicht der herrschenden Klassen, und zwar vorrangig der Vereinigten Staaten, die zu dieser Zeit das Epizentrum einer umfassenden geistig-politischen Mobilmachung waren."

Ziel: Die Macht über die Gesellschaft zurückerobern

Grégoire Chamayou hat sich dafür durch Texte neoliberaler Vordenker wie Friedrich August von Hayek oder Milton Friedman gearbeitet. Aber auch durch zahlreiche Pamphlete und Diskussionsbeiträge weniger bekannter Ökonomen, von Unternehmern und Unternehmensberatern oder politischen Think Tanks, aus denen er ausgiebig zitiert. Tatsächlich liest sich das wie eine Art ideologischer Mobilmachung, denn nicht selten sprechen die Protagonisten von einem Krieg oder einer Schlacht, in die man ziehen müsse, um die Regierungsmacht über die Gesellschaft zurückzuerobern.

Neben dem Kampf gegen linke Systemkritiker und aufbegehrende Arbeiter identifizierten sie noch eine zweite Herausforderung. Wie kann man die Regierbarkeit von Aktiengesellschaften und Multis sicherstellen, in denen nicht mehr der klassische Unternehmereigentümer herrscht, sondern Manager? Die Lösung: Der Druck von Investoren, Aktionären und Börsenkursen sei es, der auch die Manager auf die Gesetze des Marktes verpflichtet. Dieses Modell wurde verallgemeinert und führte dazu, dass traditionelle liberale Ideen an Boden verloren, so Chamayou.

"Eine der wichtigsten Innovationen des Neoliberalismus war die Auffassung des Marktes als politische Technologie: Der Markt wurde von dem, woraus sich die Politik gefälligst heraushalten sollte, zu etwas, dem die Politik sich fortan zu unterwerfen hatte. Die Finanzmärkte also als Organe, um die Regierungsfähigkeit der Regierungen herzustellen."

Dialogbereit für Machterhalt

Die neuliberalen Denker deuteten den Aufschwung der Finanzmärkte also nicht nur als ökonomisches Phänomen, sie instrumentalisierten ihn auch direkt politisch. Als Machtmittel, um Investitionen zu lenken, über Arbeitsplätze und Steuern zu gebieten und Politiker zu domestizieren. Flankiert wurde diese Strategie von einer neuen Form von Mikropolitik, wie Grégoire Chamayou herausarbeitet: Reicht Verbraucher- und Umweltschützern, Gewerkschaftern und kritischen Bürgern die Hand, um ihre Forderungen in die Logik des Marktes zu integrieren. Seid dialogbereit. Zahlt großartige Abfindungen, wenn Ihr einen Betrieb stilllegen, privatisieren oder verschlanken wollt. Gesteht zu, dass die Umwelt stark belastet wird und unterwerft den Schadensausstoß dem Marktprinzip: Der Emissionshandel, in den 90er Jahren durchgesetzt, wurde schon in den 60er Jahren ersonnen.

"Die neoliberale Mikropolitik denkt langfristig und lässt sich Zeit. Selbst wenn sie bisweilen schnelle Vorstöße durchführen muss, um eine Schlüsselstellung zu erobern, ist der Feldzug insgesamt dennoch kein Blitzkrieg und kann es nicht sein. Das strategische Kalkül erstreckt sich hier über mehrere Generationen, tatsächlich sind wir nach wie vor involviert."

Grégoire Chamayou ist nicht der erste, der den Neoliberalismus als Ideologie oder politisches Aktionsprogramm charakterisiert. Aber selten zuvor wurde das so ausführlich belegt und so spannend und pointiert beschrieben. Mit dem Begriff des "autoritären Liberalismus" beansprucht Chamayou, etwas völlig Neues zu kennzeichnen, das sich von allen bisherigen liberalistischen Strebungen abhebt. Es handele sich um ein breites Rahmenprogramm, das flexibel auf autoritäre und demokratische, manipulative und integrative Methoden zugreift, um den Markt regieren zu lassen.

Der Begriff erlaubt einen kritischen Blick auf die Gegenwart, wirft aber auch Fragen auf. Wie effektiv ist dieses flexible Rahmenprogramm, wenn die ökonomischen und ökologischen Krisen weiter brodeln und der Autonomieanspruch der Bürger nicht befriedigt werden kann? Wird es dann nicht doch darauf ankommen, stärker zwischen den liberalen Ökonomen, Politikern und Unternehmern zu unterscheiden, die auf Demokratie setzen und denen, die sich autoritären Regierungsformen öffnen? Grégoire Chamayou versteht sein aktuelles Buch als historische Vorarbeit für eine kritische Philosophie des Unternehmens. Man darf gespannt sein, wie er künftig mit solchen Fragen umgeht.

Grégoire Chamayou: "Die unregierbare Gesellschaft. Eine Genealogie des autoritären Liberalismus",
Suhrkamp, 496 Seiten, 32 Euro.

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