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Grell gegen klassisch

In den letzten 20 Jahren hat Michael Winterbottom mehr als 20 Filme gedreht: vom Western über den Science Fiction bis hin zum politischen Drama. Jetzt kommt sein neuer Film über einen britischen Erotik-Unternehmer ins Kino, während gleichzeitig ein weiterer Film auf DVD erschienen ist.

Von Hartwig Tegeler | 28.08.2013

    "Du wirst dich nie ändern, Paul."

    Wohl wahr, ob in den 50ern oder später in den 90ern, als er schon längst König des Rotlichtviertels von Soho geworden war: Paul Raymond wusste immer genau, wie er Geld zu machen hatte. Spätestens, seit er den Job als Gedankenleser an den Nagel hängte und seinen ersten Nachclub aufmachte. Denn ...

    "... schon bald habe ich erkannt, dass das Publikum attraktive Frauen ansieht. Aber noch lieber, wenn diese Frauen unbekleidet sind."

    Es folgen der erste Strip-Club, diverse Erotik-Magazine sowie eine Immobilie nach der nächsten, weil, so erzählt er Paul seiner Tochter bei der Rundfahrt durchs Imperium:

    "Nichts verschafft einem mehr Respekt als der Besitz von Eigentum."

    Michael Winterbottoms filmische Biographie über diesen Erotik-Unternehmer, den "reichsten Mann Großbritanniens", wie ihn 1992 die "Sunday Times" nannte, ist opulentes Ausstattungskino. Eine präzise Rekonstruktion der ein wenig schmuddeligen wie verruchten Seite der Popkultur. Eine Reise zurück in die 50er-, 60er- bis 90er-Jahre - inklusive der Songs der Zeit sowie all dieser grässlichen Frisuren und schauerlichen Möbel mit teilweise zum Amoklauf provozierenden Stoffmustern. Winterbottom erzählt in "The Look of Love" von Gier, Geilheit, Reichtum und der Melancholie und dem Verlorensein in all dem. Aber außer für das Grelle bleibt auf dieser exotischen Zeitreise wenig Raum. So wirkt Steve Coogan als Rotlicht-König immer ein wenig aufgesetzt. Drauf gesetzt aufs Dekor! Die Geschichte wird quasi übertüncht von den heute vor allem exotisch wirkenden Accessoires der Zeit. "The Look of Love" wird damit zur inszeniertem Kühle. Und wofür das Ganze?

    "Warum halten wir hier an?"

    Doch Winterbottom kann - und das ist das Interessante, das Spannende an diesem Filmemacher - auch vollkommen anders.

    ""Geht´s dir gut? - Ja."

    Wie anders wirkt "Trishna" von 2011.

    "Du bist wunderschön!"

    Die dritte Thomas-Hardy-Verfilmung des britischen Filmemachers - auf DVD erschienen - ist eine im zeitgenössischen Indien angesiedelte Adaption des 1891 erschienenen Romans "Tess von den d´Urbervilles", der auch schon Grundlage für Polanskis Film "Tess" war. Die Hauptrollen in Winterbottoms "Trishna" spielen "Slumdog Millionär"-Star Freida Pinto und der britisch-pakistanische Schauspieler und Musiker Riz Ahmed. Und: Sie spielen brillant. Trishna ist eine junge Frau aus der indischen Provinz, in die sich Jay, Sohn eines reichen Hoteliers, verliebt. In Großbritannien aufgewachsen soll der nun in Indien in die Fußstapfen seines Vaters treten.

    "Darf man fragen, was du stattdessen machen willst?
    - Ich will nach Bombay gehen und mich in ein interessantes Projekt einbringen.
    - Manchmal kann man dich einfach nicht ernst nehmen."

    "Trishna" ist die klassische Geschichte einer Liebe, die "zwischen den Zeiten" und Kulturen zerrieben wird. Bei Dreharbeiten vor gut zehn Jahren in einer ländlichen Region in Indien sah Michael Winterbottom dort, wie er im Bonusmaterial der DVD erzählt, die rasanten sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Veränderungen.

    Sie ähnelten den Veränderungen, die Thomas Hardy in "Tess" für das England des 19. Jahrhunderts beschrieben hat. Kaum zu glauben, aber England war damals einer der dynamischsten wie industrialisiertesten Orte der Welt. Sagt Michael Wintertbottom. Nirgendwo veränderte sich alles so schnell.

    Das Gefangen-Sein zwischen einer starren, gefestigten ländlichen Gemeinde und - auf der anderen Seite - einer modernen, urbanen Community: Dieses Grundthema von Thomas Hardy ist, wie Winterbottom sagt, in der "Kulisse Indiens" heute allgegenwärtig. Dabei ist die Auflösung von alten Werten und Normen in einem gigantischem kulturellen Schmelztiegel auch das Thema von "The Look of Love". Doch vielleicht ist es durchaus der opulente und leider unsägliche Parforceritt durch vier Jahrzehnte, der uns bei dieser grellen filmischen Biographie über den Erotik-Großunternehmer so langweilt. Trishnas unglückliche Liebe zum wohlhabenden britischen Geschäftsmann Jay in einem zeitgenössischen Indien hingegen wirkt klassisch. Wir können vorher ahnen, welche Folgen die Beichte der jungen Frau vom Land haben wird, als Jay ihr gerade die Kette der Großmutter mitbringen wollte.

    "Ich muss dir auch etwas sagen, Jay. Als ich nach Hause gefahren bin, habe ich gemerkt, dass ich schwanger bin."

    Schwanger von Jay.

    "Mein Vater brachte mich zum Arzt. Und er hat mich gezwungen abzutreiben.
    - Wieso hast du mir nichts gesagt?
    - Weil ich schreckliche Angst hatte.
    - Wieso hast du es mir nicht gesagt."

    "Trishna" hat kein Happyend. Das ist vielleicht keine Überraschung. Doch "Trishna", eine DVD-Premiere wie gesagt, "Trishna" ist ein großartig erzählter, mitreißender Film.


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