Gretha und Ernst Jünger: Briefwechsel 1922-1960"Sei herzlich gegrüßt und vielmals geküsst von Deinem Schneckchen"

Ernst Jünger gilt als literarischer Kältetechniker. Aber auch er brauchte seine Wärmezonen – die Familie im heimischen Kirchhorst, die Geliebte im besetzten Paris. Der nun veröffentlichte Briefwechsel mit seiner Frau Gretha dokumentiert eine spannungsvolle Ehe in Tönen der Zärtlichkeit und des Zorns.

Von Wolfgang Schneider | 08.11.2021

Gretha und Ernst Jünger: "Einer der Spiegel des Anderen"
Bei der Auswahl der 358 Briefe liegt das Schwergewicht auf den Jahren des Zweiten Weltkriegs (Klett-Cotta Verlag)
In seinen frühen Werken hat Ernst Jünger mit dem Gestus ästhetizistischer Ungerührtheit die Schrecken des Krieges protokolliert. Er hat den kühlen Heroismus gefeiert, liberale Werte verhöhnt und den "Arbeiter" als antiindividuell-antibürgerliche Gestalt entworfen. In seinen Briefen an seine Ehefrau Gretha frönt er jedoch einer durchaus bürgerlichen Empfindsamkeit. Verhaltenslehre der Kälte, gepanzerter Mann – nicht, wenn er im Oktober 1923 seinem "Zesschen", Kurzform für Prinzesschen, schreibt:
"Nun, mein kleines Schätzchen, mach Dir also keine Sorgen …. Sei herzlich gegrüßt und vielmals geküsst von Deinem Schneckchen."
Fast zweitausend Briefe sind überliefert. Die vorliegende Auswahl-Edition umfasst 358. Das Schwergewicht liegt auf den Jahren des Zweiten Weltkriegs. Das hat mit der zeithistorischen Bedeutsamkeit zu tun und auch damit, dass die Jüngers hier wirklich eine Brief-Partnerschaft geführt haben. Ernst Jünger war als Wehrmachtsoffizier in Paris und nur gelegentlich auf Heimaturlaub im niedersächsischen Kirchhorst, wo sich Gretha um die beiden Söhne kümmerte. Er genoss ein mondänes Leben in der Kulturhauptstadt, die dies auch unter deutscher Besatzung blieb, hatte Kontakt mit namhaften Schriftstellern und Künstlern wie Picasso. Dennoch ist Gretha Jünger eine Briefpartnerin auf Augenhöhe.

Weibliche Lust am Krieg

Einmal schreibt sie, dass sie einen Remarque, also einen Pazifisten, nicht geheiratet hätte. Den Krieg verfolgt sie mit mehr Zustimmung als er. Sie begeistert sich über den "Blitzkrieg" in Frankreich und verfolgt die ersten britischen Bombenangriffe mit Spannung:
"Von allen Schrecknissen für die Bevölkerung abgesehen, verspürte ich doch ein gewisses Lustgefühl, und wäre am liebsten in einem unserer raschen Jäger aufgestiegen, um denen da droben eins drauf zu geben. Welch ein Jammer, dass ich nicht als Mann geboren bin!"
Ernst Jünger dagegen ist die soldatische Begeisterung aus der Zeit des Ersten Weltkriegs abhanden gekommen. Im März 1943 schreibt er:
"Der Kursus war recht anstrengend und bestand (…) im Rennen, Schießen, Eskaladieren und anderen Dingen, die ich seit 1914 kaum noch praktiziert hatte … Ich glaube, ich habe meine heroische Existenz von damals bald abgebüßt."

Deportationen und Alpträume

Lieber als an die Front gingen die Wehrmachtssoldaten im Westen auf Einkaufstour. Auch Gretha bedankt sich bei ihrem "Schneckerich" für die regelmäßigen Warensendungen und vor allem die "Labung" – den Kaffee. Aber Jünger hat in Paris auch Augen für die Verfolgungen. Im Juli 1942 schreibt er darüber Zeilen an Gretha, die ihn bei Entdeckung selbst in Gefahr gebracht hätten:
"Hier wurden in diesen Tagen viele Juden verhaftet, um nach dem Osten deportiert zu werden. Zuvor trennte man sie von ihren Kindern, die Bevölkerung hörte das Jammern ganze Straßenzüge weit. Ich bemühe mich, zu keiner Minute des Tages die unermesslichen Leiden zu vergessen, von denen ich umgeben bin."
Jünger rettete Juden das Leben. Durch seine Kontakte wusste er Bescheid über anstehende Deportationen und verriet die Daten an die Resistance. Gretha berichtet ihrerseits im Februar 1942 von einem verstörenden Traum des achtjährigen Sohnes Alexander:
"Deutschland war von Juden besetzt, die auch unser Haus in Kirchhorst verwüsteten und schreckliche Rache an Allen ausübten. So floh er denn mit mir, ich wurde von einer Jüdin verfolgt, die mich mit schweren Stöcken schlug, bis ich sie mit einem einzigen Streich zu Boden streckte. (…) Du siehst, wie sehr die Zeit, in der wir leben, selbst die kindlichen Träume bewegt; das erschreckt mich."
Auch wenn sich im Kindergemüt die Verhältnisse in einer Schuldumkehr verdreht haben: Solche Albträume zeigen die Präsenz der Judenverfolgung im Dritten Reich.
Mehrfach schildert Gretha auch die schweren Bombenangriffe auf Hannover, über die ein Schweigegebot verhängt war.

"Madame R." und die Ehekrise

Paris firmiert in ihren Briefen nur als "Babel". Dass ihr Mann dort auch erotische Erfahrungen macht, ist ihr klar. Er hat ein intensives Verhältnis mit der Kinderärztin Sophie Ravoux und notiert dazu einiges in seinen Tagebuchblättern, die er nach Kirchhorst schickt, damit Gretha sie sicher verwahre. Allerdings liest sie die Aufzeichnungen und versteht die Chiffren. Es kommt zum Streit. Als Ernst Jünger, entgegen seinem Versprechen, den Kontakt mit "Madame R." weiterführt, wird Grethas Ton bitter und höhnisch:
"Liebe Dein Pferdchen, wenn Du nicht anders kannst … Gehab Dich wohl, mein Lieber. Ich weiß Dich dort so gut behütet und umsorgt, dass ich nicht mehr in Ängsten um Dich schweben muss."
Die langwährende Ehekrise rückt in den Hintergrund, als der siebzehnjährige Sohn Ernstel 1944 wegen kritischer Äußerungen über Hitler verhaftet wird. Dank der Reputation seines Vaters entgeht er der Todesstrafe, wird jedoch "zur Bewährung" an die Front geschickt und fällt bald darauf in Italien.
Manchmal kommt man sich fast wie ein Spion vor, während man diese bewegenden und sehr persönlichen Aufzeichnungen liest. Sie bieten einen ungewohnten Blick in die Wärmezonen eines Schriftstellers, der als Musterbeispiel für die "Verhaltenslehren der Kälte" gilt. Spannend ist dieser Briefwechsel vor allem als Dokument einer stark von der Zeitgeschichte geprägten Beziehung zwischen dem besetzten Paris und der deutschen Provinz. Geschrieben ist er in einem sorgfältigen, insbesondere bei der Darstellung der Gefühle nuancierten Briefdeutsch aus der Urzeit vor den sozialen Medien. Auch das beeindruckt.
Gretha und Ernst Jünger: "Einer der Spiegel des anderen.
Briefwechsel 1922-1960"
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anja Keith und Detlev Schöttker
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart. 720 Seiten, 42 Euro.