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Griechenland
Auf Lesbos bleiben die Touristen aus

Wegen der geografischen Nähe zur Türkei wurde die Insel Lesbos in den vergangenen Monaten Ziel für Tausende Flüchtlinge. Noch immer sitzen viele dort fest. Immer mehr Einheimische schauen besorgt in die Zukunft, denn die Touristen bleiben auf der Urlaubsinsel aus.

Von Alkyone Karamanolis | 15.08.2016
    Rettungswesten am Strand von Lesbos
    Die Bilder der ankommenden Flüchtlinge auf Lesbos gehören der Vergangenheit an. (Socrates Baltagiannis, dpa / picture alliance)
    Der großartige Ausblick über die einsame Bucht von Eftalou gehört ihm in diesem Sommer ganz allein. Hotelmanager Theofilos Chavoutsiotis führt durch das weitläufige Café mit den großen Panoramafenstern: Außer der Rezeptionistin und einer Reinigungshilfe ist niemand zugegen. Dann durchquert er das leere Restaurant, zupft ein paar welke Blätter von einer Pflanze und murmelt in sich hinein, dass hier selbst die Natur aufgegeben hat. Es ist August, und sein Hotel ist nur zu 15 Prozent belegt.
    "Wir decken nicht einmal unsere Unkosten, und das Defizit wird mit jedem Tag größer. Wir machen eigentlich nur weiter, weil wir hoffen, dass sich das Blatt irgendwann wendet. Wer nur auf die Zahlen schaut, würde das Unternehmen schließen.
    Lesbos kämpft dieses Jahr mit einem Buchungsrückgang von über 60 Prozent. Die Gäste aus Griechenland bleiben wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage schon seit Langem aus, nun fehlen auch die Touristen aus dem Ausland. Hoteliers, Gastronomen, Fremdenführer, Zulieferer – alle sind betroffen. Die diesjährige Tourismussaison, sagt Periklis Antoniou, Vorsitzender des örtlichen Hotelier-Verbands, ist verloren:
    "Wir hatten erstmals weniger Flüge als in der Saison zuvor, was absolut ungewöhnlich ist. Letztes Jahr kamen pro Woche 35 Charterflüge an, dieses Jahr haben wir mit nur acht Flügen pro Woche begonnen. Inzwischen haben einige Reiseveranstalter etwas aufgestockt, und wir sind nun wenigstens bei zwölf Flügen wöchentlich. Aber es ist dennoch eine Katastrophe, der Tourismussektor der Insel ist wie ausgelöscht."
    Hoffen auf die Nachsaison
    Dabei gehören die Bilder der ankommenden Flüchtlinge der Vergangenheit an. Nach den chaotischen ersten Wochen und Monaten haben Behörden und Helfer einen Weg gefunden, von dem alle profitierten: Die Ankommenden wurden noch im Meer gerettet und dann zu Erste-Hilfe-Stationen im Hinterland gebracht. Für die Touristen waren die Flüchtlinge dann nicht mehr sichtbar. Allerdings hatte die Insel zu diesem Zeitpunkt schon ihren Ruf, und auch die Tatsache, dass seit dem Deal mit der Türkei kaum noch Flüchtlinge in Griechenland ankommen, konnte die Situation nicht mehr ändern. Nun hofft man auf der Insel, dass Erdogan die Abmachung mit der EU nicht aufkündigt und dass wenigstens in der Nachsaison etwas mehr Gäste kommen. Für den Hotelmanager Theofilos Chavoutsiotis lässt sich der erlittene Verlust aber nicht mehr ausgleichen, zumal auf dem Hotel ein mehrere hunderttausend Euro schwerer Kredit lastet, aufgenommen noch vor der Krise, um das Haus zu renovieren und zu erweitern. Ein Teil der Ausgaben hätte über ein staatliches Förder-Programm wieder zurückkommen sollen. Doch wegen der griechischen Finanzkrise wurde das Geld nie überwiesen. Wenigstens wenn er im Dienst ist, versucht der Hotelmanager, über diese Sorgen hinwegzusehen.
    "Ich gehe schweren Herzens zur Arbeit, so wie viele andere auch, aber wir lassen uns nichts anmerken, unsere Gäste sollen ja hier entspannen und einen angenehmen Aufenthalt haben. Schließlich ist es auch in unserem Interesse, dass sie zufrieden abreisen."
    Wenn er alleine ist, macht Theofilos Chavoutsiotis aber die Rechnung auf. Zu den verschwindend geringen Einnahmen dieses Jahr kommen gestiegene Ausgaben: Letzten Herbst wurde der Mehrwertsteuersatz für Übernachtungen und Bewirtung auf Betreiben der Geldgeber Griechenlands in einem ersten Schritt erhöht, im Winter steht eine weitere Erhöhung an. Für ihn – so wie für viele andere auf der Insel - geht es um alles oder nichts.
    "Wenn sich nichts ändert, werden wir kommendes Jahr nicht mehr öffnen. Eine zweite Saison wie diese halten wir nicht aus. Es tut mir leid, das zu sagen. Denn schließlich ist da auch die soziale Dimension: Wir haben derzeit 19 Angestellte, 14 mussten wir schon entlassen. All diese Menschen und ihre Familien leben vom Tourismus, eine andere Einnahmequelle haben sie nicht."