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StartseiteHintergrundEine lange, tiefe Feindschaft23.11.2020

Griechenland und die TürkeiEine lange, tiefe Feindschaft

Mit dem Erdgasstreit im Mittelmeer keimte der Konflikt zwischen Griechenland und der Türkei im Sommer wieder auf. Beide Länder hatten bereits von 1919 bis 1922 Krieg gegeneinander geführt. Am Ende des Konflikts kam es zu einem großen Bevölkerungsaustausch – die Wunden wirken bis heute nach.

Von Karin Senz und Thomas Bormann

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Flüchtlingskinder aus Anatolien vor Gebäuden nahe Athen / Foto, 1923 (picture alliance / akg-images)
Nach dem türkisch-griechischen Krieg mussten alle 1,2 Millionen Griechen das Gebiet der heutigen Türkei verlassen. Im Gegenzug wurden etwa 400.000 Muslime in die Türkei zwangsumgesiedelt. – Im Bild: Griechische Flüchtlingskinder in Athen, 1923 (picture alliance / akg-images)
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Drei Jahre lang hatten sie Krieg gegeneinander geführt: Griechenland und die Türkei, von 1919 bis 1922. Die griechische Armee hatte Smyrna besetzt, das heutige Izmir, und war in Richtung Ankara vormarschiert. Dann aber schlugen die türkischen Truppen zurück, die zu jener Zeit gegen mehrere Mächte um die Unabhängigkeit der Türkei kämpften. Sie vertrieben die griechischen Soldaten für immer aus Anatolien und schlugen Zehntausende griechische Zivilisten aus Smyrna und Umgebung in die Flucht: 

"Die türkischen Soldaten haben sich nicht schlecht benommen. Aber die Partisanen, die danach kamen, die waren schlimm. Die haben gemordet, die haben vergewaltigt, das war die Hölle", sagt Thémis Papadopoúlou in der Gedenkstätte bei Athen, die an die griechische Kultur in Kleinasien erinnert – eine Kultur, die damals mit der Vertreibung der Griechen unterging. Vor dem Krieg war Smyrna griechisch geprägt – 40 Prozent der Einwohner waren Griechen. Fortan aber gehörte die Stadt allein den Türken, auf Landkarten steht seither nur noch der türkische Ortsname Izmir.

Der große Bevölkerungsaustausch

Gleich nach dem Krieg hatten Griechenland und die Türkei einen sogenannten "Bevölkerungsaustausch" vereinbart – über die Köpfe der Betroffenen hinweg: Alle 1,2 Millionen Griechen mussten das Gebiet der heutigen Türkei verlassen. Im Gegenzug wurden alle 400.000 Muslime aus Griechenland zwangsumgesiedelt in die Türkei – mit wenigen Ausnahmen. 

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Vor 100 Jahren sollte das Osmanische Reich im Friedensvertrag von Sèvres ein Ende finden. Die Alliierten wollten den Türken als Kriegsverlierer im Ersten Weltkrieg nur noch ein anatolisches Kernland lassen. Der Plan löste Widerstand aus.

Auch die Großmutter von Thémis Papadopoúlou musste ihre angestammte Heimat in Alikarnassós, auf Türkisch: Bodrum, verlassen: "Meine Großmutter hatte den Schlüssel für ihr Haus immer bei sich – in ihrer Schürze, bis sie starb. Sie hat ihn nie rausgeholt."

Mit der Zwangsumsiedlung im Jahr 1923 wollten die Regierungen Griechenlands und der Türkei damals den Frieden zwischen ihren Ländern stabilisieren. Die Zeit der immer wiederkehrenden Kämpfe zwischen christlichen Griechen und muslimischen Türken sollte aufhören, indem man die Völker strikt voneinander trennt. 

Aber mit der Zwangsumsiedlung wurden neue Wunden aufgerissen. 1,6 Millionen Menschen verloren ihre Heimat. Die Wunden wirken bis heute nach - in beiden Ländern.

"Ich würde wieder kretisch sein wollen" 

Marvo singt ein kretisches Liebeslied. Es handelt von einem griechischen Mädchen, das sich in einen türkischen Soldaten verliebt, erzählt der 88-Jährige. Seine Großmutter hat es geschrieben. Sie stammt von Kreta. Er selbst hat nie dort gelebt. Mavro, das ist sein griechischer Spitzname, sitzt in einem Cafe in Davutlar bei Kusadasi an der türkischen Ägäis. Hier ist er geboren, als Hüseyin, hier hat er die meiste Zeit seines Lebens verbracht. Trotzdem sagt er: "Ich sehe mich als Kreter, und wenn ich sterbe und nochmal auf die Welt kommen sollte, würde ich wieder kretisch sein wollen. Ich bin mit meinem Leben zufrieden."

Sein Freund Yunus sitzt mit ihm beim Tee und erinnert sich: "Wir haben uns als Kinder noch nicht mit dem Thema beschäftigt, aber schon gesagt, dass wir aus Kreta stammen. Damals wussten wir nichts über Kreta, auch nicht, dass es eine Insel ist. Wir haben einfach gesagt, wir sind kretisch. So sind wir aufgewachsen."

Sehnsucht nach der alten (unbekannten) Heimat 

Der 42-Jährige ist der Vorsitzende der kretischen Vereine in der Türkei. Die Vorfahren der Mitglieder lebten als Muslime auf Kreta. Einige wurden schon Ende des 19. Jahrhunderts von der Insel vertrieben. Die letzten mußten 1923 gehen: 

"Wenn man anfängt die Geschichte zu studieren, dann begegnet man natürlich nicht nur schönen Dingen, sondern auch den ethnischen Unruhen, die es auf Kreta gegeben hat. Wir dürfen nicht in der Vergangenheit leben. Aber wir dürfen die Vergangenheit auch nicht vergessen. Unsere Vorfahren auf beiden Seiten haben Fehler gemacht, haben sich gegenseitig ermordet. Wir dürfen die Fehler von damals nicht wiederholen. Wir müssen daraus lernen und uns heute mehr denn je für Frieden und Freundschaft einsetzen."

(Karin Senz / Deutschlandradio)"Wir dürfen nicht in der Vergangenheit leben. Aber wir dürfen die Vergangenheit auch nicht vergessen." - Yunus, Vorsitzender der kretischen Vereine in der Türkei (Karin Senz / Deutschlandradio)

Vor acht Jahren reist Yunus nach Kreta, um mehr über die Vergangenheit seiner Großmutter zu erfahren: 

"Als ich den Hafen aus der Ferne gesehen hab‘, da hab‘ ich an die Erzählungen meiner Familie denken müssen. Ich hab‘ mir vorgestellt, wie mein Urgroßvater mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in den Armen eben von genau diesem Hafen aus mit einem Schiff in die Ungewissheit gefahren ist, und drumrum all die Menschenmengen mit Gesichtern voller Traurigkeit. Mir sind die Tränen gekommen. Ich bin dann an Land gegangen, hab‘ meine Hand auf den Boden gelegt und hab‘ eine Wärme gespürt, wie im Mutterschoß." 

Er findet das Haus seiner Großmutter und auch die Ruine des Hauses ihres Großvaters. Als er abreist, nimmt der 42-Jährige etwas Erde mit. 

Zurück aufs türkische Festland. Hisir wohnt ganz in der Nähe von Yunus in Selcuk. Er ist Mitglied im kretischen Verein. Sein Vater ist noch auf Kreta geboren, verlässt die Insel als Kind. Kurz vor dem Tod seines Vaters mit über 90 reisen die beiden in sein Heimatdorf: "Das hat ihn so glücklich gemacht." 

Dem alten Mann versagt die Stimme, ihm kommen die Tränen. Seine jüngere Schwester legt die Hand auf seinen Schoß und erzählt weiter: "Er hat gebetet und war so dankbar, dass wir ihm das ermöglicht haben. Er selbst hat früher kein Geld gehabt und es war auch einfach schwierig zu reisen." 

Eine lebensrettende Warnung

Dilek erinnert sich an einen alten Freund der Familie auf Kreta, Stefanos. Sie erzählt, eines Tages warnt der die Familie, türkenfeindliche Banden würden ihr Dorf überfallen. Die Familie flüchtet nach Heraklion, wo sie zwei Jahre in einem Lager darauf wartet, schließlich mit einem Schiff in die Türkei fahren zu können: 

"Das alles hat mein Vater im Dorf-Café erzählt – wie Stefanos sie drei Tage in seinem Haus versteckt hat, was damals auch für Stefanos gefährlich war. Die Griechen waren wütend auf die, die Türken geholfen haben. Als mein Vater all das erzählt hat, da ist ein Mann aus dem Café zu ihm rübergekommen und hat gesagt, der Stefanos von dem sie da erzählen, das war mein Vorfahre." 

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Diskriminierung der "Halb-Ungläubigen"

Der Mann hat geweint, erzählt Dilek weiter. Die beiden werden Freunde. Leicht ist das neue Leben für die Kreter in der Türkei nicht, erzählt Mavro aus Davutlar, während er unruhig auf seinem Stuhl wippt. Es wirkt aufgewühlt, als er über Diskriminierung von Muslimen mit griechischen Vorfahren spricht: "Früher hat man uns die Halb-Ungläubigen genannt." 

Mavro kann etwas Deutsch, er hat mal eine Weile in Duisburg gelebt. Manchmal gibt er sich da als Grieche aus, die sind beliebter als Türken, erzählt er und grinst etwas verschmitzt. Er spricht noch fließend kretisch. Viele seiner Vorfahren konnten aber nur Kretisch und kein Türkisch. Dafür wurden sie gehänselt und manchmal auch verprügelt.

(Karin Senz / Deutschlandradio)Bei der Erinnerung an die Familiengeschichte, versagt die Stimme - die Geschwister Hisir und Dilek, deren Vorfahren von Kreta fliehen mussten. (Karin Senz / Deutschlandradio)

Auch Hisirs Familie musste mit Vorurteilen kämpfen: Sein Vater versucht sich in einem kleinen türkischen Dorf bei Selcuk ein Leben als Viehzüchter aufzubauen. Aber die Türken wollen nicht beim Kreter kaufen, das Fleisch sei angeblich nicht halal, also zulässig geschlachtet, erzählt Hisir. Aber sein Vater sei klug gewesen: 

"Er ist dann zum Imam in die Moschee gegangen und hat sich beklagt, dass man ihn Halb-Gläubigen nennt und man bei ihm kein Fleisch kaufen soll. Er hat dem Imam gesagt, lass mich einige Koran-Verse zitieren und Gebete aufsagen. Danach hat er ihn dann gefragt: Na, bin ich etwa kein Muslim? Nach dem nächsten Freitagsgebet hat der Imam die Dorfbewohner zurechtgewiesen. Also mit Hilfe des Imam hat dann jeder Fleisch bei meinem Vater gekauft, und damit war die Sache erledigt."

Ein neues Smyrna vor den Toren Athens

Die Glocken der griechisch-orthodoxen Kirche Agia Fotini in Nea Smyrni läuten zum Gottesdienst. "Nea Smyrni" heißt übersetzt: Neu-Smyrna – die Siedlung haben Vertriebene aus Smyrna, dem heutigen Izmir in der Türkei, seit 1926 direkt vor den Toren der griechischen Hauptstadt Athen aufgebaut. Der Glockenturm der Agia Fotini ist ein original-getreuer Nachbau des Turms im alten Smyrna, der während des Krieges 1922 in Schutt und Asche versank. Die Vertriebenen aus Smyrna haben sich hier ein Stück Heimat wiederaufgebaut:   

"Die Regierung hatte den Flüchtlingen diesen Ort hier gegeben, der heute Nea Smyrni heißt. Früher war das die Müllhalde von Athen", sagt Thémis Papadopoúlou. Sie lebt in Nea Smyrni; und sie hat die Geschichte des Ortes erforscht. Sie ist die Enkeltochter einer christlichen Vertriebenen aus Kleinasien. 

Vorbehalte gegenüber den Vertriebenen

Griechenland war damals, 1923, völlig überfordert mit den vielen Flüchtlingen. Griechenland gerade mal fünf Millionen Einwohner. Es war ein armes, wenig entwickeltes Land. Die Staatskasse war leer nach der Niederlage im Krieg gegen die Türken. 

Zu den fünf Millionen Einwohnern Griechenlands stießen in kurzer Zeit 1,2 Millionen Vertriebene aus Kleinasien hinzu. Die waren nicht gerade willkommen, sagt Thémis Papadopoulou: "Es gab eine Zeitung damals in Griechenland, die forderte, dass Flüchtlinge eine Armbinde tragen sollen, damit man sie gleich erkennt. In der Zeitung stand auch: Die Flüchtlinge sollen nicht auf dem Bürgersteig gehen, sondern gefälligst auf der Straße bleiben." 

Impulse für Kultur und Wirtschaft 

Ja, sie hatten es schwer, die Vertriebenen aus Kleinasien. Und viele fühlten sich überhaupt nicht wohl in ihrer neuen Heimat. Thémis Papadopoúlou sagt: Athen war damals ein Provinznest – kein Vergleich zu Smyrna, denn Smyrna war "viel größer. Und viel kultivierter. In Smyrna gab es Hunderte griechische Schulen, und hier waren (kommt ins Lachen) ... vergessen Sie's."

Im antiken Smyrna in der heutigen Türkei legten Griechen bereits Ende des 9. Jahrhunderts v. Chr. Siedlungen an. Nach ihrer Vertreibung nach Griechenland wurde seit Nea Smyrni errichtet - vor den Toren Athens.

Letztlich, so meint Thémis Papadopoúlou, waren die Vertriebenen aus Kleinasien ein Gewinn für Griechenland: "Die Menschen, die gekommen sind, haben ihre Kultur mitgebracht. Sie achteten sehr auf Sauberkeit. Sie haben ihre wohlriechenden Speisen hier zubereitet. Viele waren Handwerker; sie hatten hier Manufakturen aufgebaut, eine Klein-Industrie, die es hier gar nicht gab." 

Überall in Griechenland bauten die Vertriebenen damals ihre Siedlungen. Direkt am Meer, ganz in der Nähe von Athen, liegt Nea Makri, gegründet von Flüchtlingen aus Makri, auf Türkisch heißt der Ort Fethiye. 

In Nea Makri ist Michális Baláskas aufgewachsen. Seine Großmutter gehörte zu den ersten Siedlern hier und hat die Erinnerung an die alte Heimat gepflegt. So fühlt sich auch der 35-jährige Michális Baláskas der griechischen Kultur Kleinasiens verbunden – allein schon wegen der leckeren Küche: "Meine Mutter hält das Erbe dieser Küche wach", sagt er: "Mit dem Essen bin ich groß geworden." Mit viel Zimt, mit viel Pfeffer; Gewürze sind das A und O der griechischen Küche Kleinasiens. 

"Türken und die Griechen sind sich sehr ähnlich"

Michális Baláskas hat die Heimat seiner Vorfahren in der heutigen Türkei besucht, würde das gern auch bald wieder tun, aber derzeit sind Reisen wegen Corona nicht möglich. In Griechenland herrscht bis Ende November sogar Ausgangssperre, deshalb kann er nur am Telefon erzählen: 

"Ich war mit einem Programm der griechisch-türkischen Freundschaft dort: In Fethiye, wie Makri jetzt heißt, und auch in Kayaköy – dem früheren Livíssi, wo meine Großmutter gelebt hatte. Ich hab dort viele verlassene Häuser gesehen, aber ich hab vor allem gelernt: Die Türken und die Griechen sind sich sehr ähnlich. Sie haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede."

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Das kann auch seine Tante Déspina Damianoú bestätigen: Sie hat in Nea Makri das Kulturzentrum mit aufgebaut, in dem die Geschichte der Flucht aus Kleinasien erzählt wird. Griechen und Türken haben früher in Kleinasien friedlich zusammengelebt. Sie waren Nachbarn. Sie waren Freunde. Als die Griechen 1923 ihre Heimat mit ungewissem Ziel verlassen mussten, war der Abschied für alle schmerzhaft – für Griechen und für Türken. Die Griechen durften nur mitnehmen, was sie tragen konnten. Alles andere mussten sie zurücklassen. 

Nachbarn, Freunde, Vertraute 

Déspina Damianoú: "Einige der türkischen Nachbarn damals in Makri hatten den Griechen geraten, ihren Schmuck erst einmal dort zu lassen. Sie würden darauf aufpassen und ihn später nach Rhodos bringen, wo die Griechen ihren Schmuck dann abholen könnten. Genau so ist es dann auch geschehen, auch meine Familie hat so ihren Schmuck aus der alten Heimat wiederbekommen."   

Ja, sie haben sich aufeinander verlassen können, Griechen und Türken damals in Makri und Livissi. Aber sie durften nicht zusammenbleiben, mussten sich dem "Bevölkerungsaustausch" fügen: "Das war wie immer in Kriegen: Da haben die Mächtigen etwas entschieden und die einfachen Leute mussten den Preis zahlen. Dabei waren die Türken und die Griechen dort Nachbarn gewesen, lange Zeit ihrer Geschichte waren sie Nachbarn." 

Eine europäische Annäherung 

Seit fast 100 Jahren aber leben sie getrennt. Die Türken am östlichen Ufer des Ägäischen Meeres, die Griechen am westlichen Ufer, 500 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt.

(Karin Senz / Deutschlandradio)ls die Griechen 1923 ihre Heimat mit ungewissem Ziel verlassen mussten, war der Abschied für alle schmerzhaft – für Griechen und für Türken. – Im Bild: Ruinen in der Stadt Kayaköy, dem früheren Livíssi (Karin Senz / Deutschlandradio)

Dimitris Triantaphyllou sitzt in einem Park in Istanbul. Der Grieche lebt seit Jahren in der Türkei, lehrt an der Universität internationale Beziehungen. Und natürlich schaut er dabei auch auf die beiden Länder: 

"Seit 1999 haben sich die Beziehungen etwas verbessert. Ich bin ein Produkt dieser Annäherung. Ich wäre als griechischer Akademiker, der in der Türkei lehrt, sonst nicht hier. Das heißt, ja es gab Spannungen, aber man hat sie durch einen europäischen Rahmen begrenzt. Denn die Annäherung war an den EU-Beitrittsprozess der Türkei gekoppelt. Darum hat auch Griechenland seine Opposition aufgegeben, sondern nur noch gefordert, dass man die Entwicklung beobachtet." 

Eskalation der Spannungen

Die Annäherung scheint Geschichte. Dieses Jahr eskaliert der Streit im Mittelmeer um Seegebiete. Kriegsschiffe beider Seiten kommen sich im Sommer gefährlich nah. 

Dass es wegen der Pandemie kaum ausländische Touristen in den beiden Urlaubsländern gibt, verschärft die Lage. 

"Es gibt eine stillschweigende Vereinbarung, dass während der Sommermonate keine Spannungen gibt. In diesem Sommer war wegen Covid alles anders. Beide Länder haben zum Beispiel um deutsche Touristen gekämpft. All das bedeutet, dass die Periode, in der Spannungen normalerweise entschärft werden, ausgefallen ist."

"Ich will keinen Krieg"

Außerdem sind die Grenzen in beide Richtungen nahezu dicht. Griechen und Türken können sich nicht mehr gegenseitig besuchen, nichtmehr miteinander reden. 

Mavro, dem 88-jährigen Kreter aus dem türkischen Kusadasi fehlt das. Er nippt an seinem Glas Tee und schüttelt den Kopf. Natürlich verfolgt er auch den Erdgasstreit im Mittelmeer: "Der griechische Staat schlüpft bei der EU unter. Er will mehr als ihm zusteht. Gott bewahre, ich will keinen Krieg, nicht einmal eine Ameise soll zu Schaden kommen. Niemand! Den Griechen soll nichts passieren, aber auch unseren Leuten nicht. Wir sind doch alle Menschen."

Ein Kreis der Liebe und Freundschaft schließt sich

Dileks Familie aus Selcuk hat ihren Teil zur Völkerverständigung schon beigetragen. Nachdem sich ihr Vater und der Nachkomme seines Freundes Stefanos im Cafe auf Kreta finden, bleiben sie in Kontakt. Die Familien besuchen sich jeden Sommer. Dabei lernen sich auch Dileks Neffe Mehmet und die junge Kreterin Clio aus Stefanos Familie kennen: 

"Eines Sommers haben sich Mehmet und Clio ineinander verliebt. Mein Neffe hat dann irgendwann die Initiative ergriffen. Allah Allah... Und dann haben die beiden irgendwann geheiratet. Die Nachkommen der beiden Freunde. Das ist einfach so schön für uns!"

(Karin Senz / Deutschlandradio)Auferstanden aus Ruinen - in einem neuen Land: Die griechisch-orthodoxe Kirche Agia Fotini wurde in der Türkei während des Krieges zerstört und in Griechenland wieder aufgebaut. (Karin Senz / Deutschlandradio)

Sie holt ihr Handy raus und zeigt ganz stolz ein Foto: die kleine Tochter der beiden – eine kretische Türkin oder andersrum, egal! Die junge Familie hat sich allerdings ein Leben weder in der Türkei noch in Griechenland aufgebaut, sondern in Dänemark.

Thémis Papadopoúlou, die pensionierte Englisch-Lehrerin aus Nea Smyrni, will die Hoffnung nicht aufgeben, dass irgendwann einmal die Griechen zurückkehren können nach Kleinasien. Ja, die Hoffnung ist da, sagt sie. Die Hoffnung, dass wir eines Tages, an einem sehr schönen Tag, zurück sein werden. Dass das ziemlich utopisch ist, weiß sie. Aber sie möchte das Erbe ihrer Großmutter weitertragen, die einst aus ihrem Haus in Alikarnassós, dem heutigen Bodrum vertrieben wurde und die Zeit ihres Lebens den Schlüssel zu diesem Haus, das sie verlassen musste, in ihrer Schürze bei sich trug.

Diesen Schlüssel von ihrer Großmutter hütet Thémis Papadopoulou als kostbares Erbstück. Sie weiß, dass das Haus noch steht, aber mal hinfahren? Thémis Papadopoúlou atmet tief durch, lässt die Hände auf den Tisch fallen. Nein, sie möchte nicht dorthin. Es ist, so sagt sie, ein verlorenes Paradies.

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