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StartseiteKalenderblattGrößte Katastrophe des europäischen Fußballs15.04.2009

Größte Katastrophe des europäischen Fußballs

Vor 20 Jahren starben im Fußballstadion von Sheffield 96 Menschen

Für die sogenannte Hillsborough-Katastrophe während des englischen Pokal-Halbfinales zwischen Nottingham und Liverpool waren keine Hooligans verantwortlich. Polizei und Organisatoren hatten versagt. Dennoch wurde keiner der Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen - bis heute.

Von Eduard Hoffmann

Ein Blumenmeer liegt drei Tage nach dem Unglück auf dem Fußballrasen im Sheffielder Stadion Hillsborough.  (AP)
Ein Blumenmeer liegt drei Tage nach dem Unglück auf dem Fußballrasen im Sheffielder Stadion Hillsborough. (AP)

"Es ist alles sehr chaotisch hier. Vielleicht zwei- bis dreihundert Leute sind auf dem Rasen, ich kann von hier aus im Moment nicht erkennen was vor sich geht, außer dass ständig weitere Zuschauer über die Zäune klettern. Die Polizei versucht verzweifelt, sie zurück zu halten. Ich kann zwei Männer erkennen, die im Tor liegen und vom Roten Kreuz behandelt werden. Jetzt kommen weitere 50 Polizisten auf den Rasen. Neun Minuten sind vergangen, die Minuten zählen nicht mehr, das Spiel hier in Hillsborough ist unterbrochen."

Gerade mal sechs Minuten sind im Halbfinalspiel um den englischen Pokal zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest gespielt, da bricht im Hillsborough-Stadion in Sheffield Panik aus. Der Stehplatz-Block der Liverpooler Fans an der Lepping Lane ist bereits überfüllt. Dennoch lässt die Polizei immer mehr Menschen rein. Die Zuschauer im Block werden nach vorne geschoben. Wer ins Straucheln gerät, wird von den nachrückenden Massen erbarmungslos zertrampelt. Die Sicherheitskräfte weigern sich zunächst, die rettenden Tore zum Spielfeld zu öffnen. Ein ARD-Reporter fasst die schreckliche Situation zusammen:

"Zunächst ein entsetzter Aufschrei, panikartige Unruhe, Tausende wurden von hinten nach vorn an die Eisengitter gedrückt, die Fluchttore blieben zunächst geschlossen, für die vorderen gab es dabei natürlich kein Entrinnen. Viele verletzten sich natürlich dabei, und dann endlich öffnete die Polizei die Tore und schnell wurde das Ausmaß dieses schrecklichen Unglücks deutlich."

96 Liverpooler Fans kommen ums Leben, darunter viele Kinder und Jugendliche. Hunderte werden verletzt. Die bis heute größte Katastrophe im europäischen Fußball.

Vier Jahre zuvor, im Mai 1985, waren im Brüsseler Heysel-Stadion 39 Menschen getötet worden. Beim UEFA-Cup Finale zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool hatten Liverpooler Hooligans randaliert und die Turiner Fans in einem Nachbarblock brutal angriffen und regelrecht massakriert.

In Sheffield, im Hillsborough-Stadion, ist die Tragödie ungleich größer. Britische Boulevardzeitungen haben die Schuldigen schon bald ausgemacht: die Liverpooler Fans, "die betrunkenen, aufgepeitschten Idioten". Unter dem Titel "The Truth" - die Wahrheit - behauptet die "Sun" sogar, die Hooligans hätten Rettungsversuche der Polizei behindert und Opfer beraubt.

Auch der damalige UEFA-Präsident Jacques Georges beschuldigt die Fans, sich in Sheffield "wie Tiere aufgeführt" zu haben. Der oberste europäische Fußballfunktionär musste sich aber bald für die Entgleisung entschuldigen. Und in Liverpool sank die Auflage der Sun von 400.000 auf nur noch 12.000. Denn für die Hillsborough-Katastrophe waren keine Hooligans verantwortlich. Polizei und Organisatoren hatten versagt. Zu diesem eindeutigen Ergebnis kam die von der britischen Regierung eingesetzte Untersuchungskommission unter Vorsitz des höchsten englischen Richters Lord Taylor. Bis zum heutigen Tag jedoch ist noch kein Verantwortlicher zur Rechenschaft gezogen worden.

"Die FIFA, die kann nichts anderes tun, als dass nur noch Sitzplätze in die Stadien kommen, damit endlich wieder Ruhe und Ordnung in die Stadien kommen…"

…, kommentierte der damalige Generalsekretär und heutige Präsident des Weltfußballverbandes, Joseph Blatter, die unfassbare Tragödie von Hillsborough. Die langjährige Strategie "Kontrolle der Massen vor Sicherheit der Massen" hatte sich als höchst untauglich und gefährlich erwiesen. Auch Londons Polizeidirektor Bryan Drew räumte ein:

"Bis 1989 haben wir nur auf die Verfolgung der Hooligans geachtet. Seitdem konzentrieren wir uns auf die öffentliche Sicherheit."

Der Forderung des Taylor-Reports, in den oberen Spielklassen nur noch reine Sitzplatz-Arenen zuzulassen, kam der englische Verband umgehend nach. Sämtliche alten und maroden Stadien wurden renoviert oder erneuert, alle Spielfeld begrenzenden Zäune entfernt, die Fluchtwege ausgebaut. UEFA und FIFA zogen wenig später nach. 96 Liverpooler Fußball-Fans jedoch mussten dafür erst ihr Leben lassen. In England wird man die Tragödie nicht so schnell vergessen. Jedes Jahr am 15. April finden insbesondere in Liverpool zahlreiche Gedenkveranstaltungen statt.

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