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StartseiteCampus & KarriereKeine Notenvergabe per KI 18.08.2020

GroßbritannienKeine Notenvergabe per KI

In Großbritannien sollte ein Algorithmus die Noten der wegen Corona ausgefallenen Abschlussprüfungen ermitteln. Wegen großer Proteste zog der Bildungsminister den Plan zurück. Doch nun bekommen die Schüler überdurchschnittlich gute Noten, was die Universitäten vor Probleme stellt.

Von Burkhard Birke

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Schülerinnen und Schüler demonstrieren vor dem Bildungsministerium in London gegen die Algorithmus-Benotung. (imago images/VXPictures.com)
Schülerinnen und Schüler demonstrieren vor dem Bildungsministerium in London gegen die Algorithmus-Benotung (imago images/VXPictures.com)
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Man kann nicht bei einer Prüfung durchfallen, die man nie abgelegt hat – oder Euer Algorithmus kennt mich gar nicht! Mit solchen Sprüchen hatten wütende englische Abiturienten die letzten Tage gegen die Notenvergabe per Computerprogramm demonstriert. Jetzt hatte die Regierung endlich ein Einsehen:

"Wo es offensichtliche Ungerechtigkeiten gibt – wie bei diesem System der Notenvergabe – dann müssen wir handeln."

Sagte Bildungsminister Gavin Williamson gestern und vollzog damit eine 180-Grad-Wende. 40 Prozent der Schulabgänger waren durch ein Computerprogramm um eine, gelegentlich gar zwei Noten schlechter bewertet worden als es dem Vorschlag der Lehrer entsprach. Das Desaster war absehbar: Hatte doch vor wenigen Tagen schon die schottische Regierung die Kehrtwende vollzogen und den Schulabgängern die von den Lehrern vorgeschlagenen Abschlussnoten gegeben. Auch Nordirland und Wales, die wie Schottland in Bildungsfragen autonom sind, erteilten dem Algorithmus eine Absage. Nun also auch England.

Unterschriften gegen den Noten-Algorithmus

Corona-bedingt waren die Abschlussprüfungen nach der 10. Und 12. Klasse dieses Jahr entfallen. Um den Standard der vergangenen Jahre zu wahren und keine zu guten Noten durch die Lehrer zuzulassen, erfand Ofqual ein Computerprogramm. Ofqual, Office for Qualifications and Examinations Regulations, eine Art Oberaufsicht für Benotung, hatte auf Anweisung der Regierung einen Algorithmus entwickelt. Danach wurden Schüler auch aufgrund der Durchschnittsnoten der letzten drei Jahre an ihrer Schule bewertet. Benachteiligt wurden vor allem Schulabgänger an staatlichen Schulen, während an Privatschulen teilweise sogar bessere Noten herauskamen. Der Aufschrei ließ nicht lange auf sich warten. Eine viertel Million Unterschriften wurden gegen die Benotung gesammelt, es drohten Klagen. Bildungsminister Gavin Williamson lenkte ein:

"Wir müssen das Richtige für die überwiegende Mehrheit der Schüler tun. Nachdem mir übers Wochenende die Zweifel an der Effizienz des Systems aufgezeigt wurden, hatte ich die Wahl entweder 'Augen zu und durch' oder zu handeln. Im Interesse der Kinder, der Jugendlichen, die sich so sehr in der Schule und fürs College angestrengt haben, habe ich sichergestellt, dass sie die richtigen Noten bekommen."

Das bedeutet auch: Wer durch den Algorithmus freilich eine bessere Note als die vom Lehrer vorgeschlagene bekommen hat, darf diese behalten.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Alle Beiträge zum Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Die Universitäten sind alles andere als glücklich über das Vorgehen der Regierung. Denn die Notenvorschläge der Lehrer sind im Durchschnitt in der Tat besser als die Ergebnisse der letzten Jahre. Gavin Williamson hat deshalb kurzerhand die Studienplatzbegrenzung an den Unis aufgehoben. Die bereiten sich gerade auf eine Rückkehr zu Vorlesungen mit physischer Präsenz vor und müssen jetzt möglicherweise zusätzliche Studenten aufnehmen. Mehr als 193.000 Plätze sind bereits vergeben. 70 Prozent der Abiturienten sind sogar an der Universität ihrer ersten Wahl angekommen. Nachrücker mit jetzt besseren Noten haben also keine Garantie an ihrer Wunschuni im Wunschstudienfach anzukommen. Die Kehrtwende der Regierung kommt womöglich zu spät und Rücktrittsforderungen gegen den Bildungsminister werden laut.

Für den Politologen Tim Bale ist es nur eine Frage der Zeit, wann der Bildungsminister als Sündenbock seinen Hut nehmen muss. Selbst auf hartnäckiges Fragen der BBC Moderatorin wich Gavin Williamson der Frage natürlich aus:

"Wir konzentrieren uns darauf, den Schüler ihre Noten zu geben, die Schulen zur Normalität zurückzuführen und ich bin absolut entschlossen, im nächsten Jahr das beste Bildungssystem der Welt zu etablieren, wir müssen auf den Reformen und Verbesserungen der letzten zehn Jahre aufbauen. Darauf konzentrieren wir uns, darauf konzentriere ich mich und auch der Premierminister."

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