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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturWie ein Empire entsteht und zerbricht06.01.2014

GrossbritannienWie ein Empire entsteht und zerbricht

Große Reiche wurden in der Weltgeschichte errichtet und verfielen. Fast 400 Jahre bestand das britische Weltreich - seine Geschichte vom Aufstieg bis zum Fall hat der englische Historiker John Darwin beschrieben.

Von Paul Stänner

Zu sehen ist ein altes Bild mit einer Parade von Elefanten, auf deren Rücken die königlichen Würdenträger sitzen. (picture-alliance/ dpa)
Ein Besuch von Edward (später Edward VII), dem Prince of Wales, in Indien im Jahr 1875 (picture-alliance/ dpa)
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"Ich, Docemo, gebe, übertrage, gewähre der Königin von Großbritannien sowie all ihren Erben und Nachfolgern den Hafen und die Insel Lagos als direkte, volle und absolute Herrschaft und Souveränität aus freien Stücken, vollständig vollkommen und absolut."

Es war am 6. August 1861, als die Insel Lagos, die heute ein Teil der Hauptstadt Nigerias ist, der britischen Regierung übereignet wurde. Was der Abtretungsvertrag, aus dem wir eben vorgetragen haben, nicht enthielt, waren die Worte des Königs Docemo, der sich am folgenden Tag beklagte, der Kapitän des Kriegsschiffes Prometheus habe ihn bedrängt, den Vertrag zu unterzeichnen.

"Und wenn ich mich weigerte, sei er bereit, die Insel Lagos zu beschießen und sie in einem Augenblick zu zerstören."

Das britische Weltreich, wie es entstanden ist - John Darwin, Lecturer am Nuffeild College in Oxford, hat über "Das unvollendete Weltreich" geschrieben. Weltreiche sind sein Spezialthema. Vor drei Jahren erschien auf deutsch sein Werk "Der imperiale Traum", in dem er die Geschichte großer Reiche zwischen 1400 und 2000 untersuchte. Seinerzeit hatte er deren Dynamik beschrieben, wie sie entstehen und untergehen und vor allem, wie sie in Konkurrenz zueinander Chancen wahrnehmen oder sich offen bekämpfen.

Natürlich war auch in diesem Buch schon vom britischen Weltreich die Rede gewesen, jetzt widmet der Autor ihm eine eigene Monografie.

"Imperien wurden nicht von gesichtslosen Komitees geschaffen, die großartige Berechnungen anstellten und Pläne schmiedeten. Das galt ganz gewiss für das britische Weltreich, das Empire. Es war alles andere als das bloße Werk von Königen und Eroberern, sondern weitgehend ein privatwirtschaftliches Imperium, die Schöpfung von Händlern, Investoren, Siedlern und Missionaren (nebst vielen anderen)."

So gesehen ist es für Darwin müßig, nach einer staatlichen oder nationalen Konzeption zu suchen, die die Expansion seiner Insel über einen Großteil des Globus erklären könnte. Nein, das britische Weltreich entstand durch Privatunternehmer, die glaubten, Chancen zu sehen und ihr Glück, respektive Profit, zu machen. John Darwin arbeitet Stück für Stück die einzelnen Kapitel der Landnahme auf fremden Kontinenten ab. Im Regelfall begann es mit einem Brückenkopf, der nach und nach ausgeweitet wurde.

"Mit Zwang konnte man sich Land aneignen und Arbeitskräfte rekrutieren, oft sogar beides zugleich. Die Kolonialherrschaft war also für die weiße Herrenschicht das Mittel, die örtliche Wirtschaft in ihrem Sinne zu gestalten und zu kontrollieren. Wenn Schwarzafrikaner von Weißen totgetreten oder -geschlagen wurden, was gar nicht einmal selten vorkam, stellten die weißen Geschworenen gern als Todesursache eine "chronische Vergrößerung der Milz" fest - was bei Schwarzen offensichtlich eigentlich häufig vorkam - und sprachen den Angeklagten frei."

Die Zustände im Imperium, die Technik, Herrschaft auszuüben, indem man eine kleine, lokale Schicht von Kollaborateuren durch Privilegien an sich bindet: All das kennt man schon aus anderen Veröffentlichungen. Betrachten wir das Mutterland - warum lohnte es sich, ein Imperium zu unterhalten?

"Der Aufstieg Glasgows zu einer großen Handelsmetropole, der aktive Anteil, den schottische Geschäftsleute am Indien- und Afrikahandel hatten, die imperialen Feldzüge, in denen schottische Regimenter dienten, hatten allesamt eine doppelten Effekt. Sie waren eine Erinnerung daran, dass das viktorianische Schottland ohne das Empire ein armer Partner Englands gewesen wäre. Und sie bewirkten eine gewaltige Stärkung des schottischen Selbstvertrauens: die Überzeugung, dass Schottland als eigene nationale Gemeinschaft mit seinem eigenen Weg in die moderne Zeit überleben konnte."

Es scheint zweifelhaft, ob man eine ähnliche Argumentation - sagen wir an einem brandenburgischen Regiment, das sich in Hitlers Eroberungskriegen ausgezeichnet und so den Brandenburgern Selbstbewusstsein für die Jahre nach '45 verliehen hätte, - ob man eine solche Argumentation ebenso naiv lesen würde, wie Darwin sie geschrieben hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg, eigentlich schon nach dem Ersten, begann die Auflösung des Empire. Ein Grund war die geostrategische Zersplitterung, die einen hohen Aufwand erforderte, wollte man wirklich alle Positionen unter Kontrolle behalten. Großbritannien hatte nach '45 nicht mehr die Stärke dafür.

Sehr kleinteilig erläutert Darwin, wie ab den 1960er-Jahren die Illusion von einem Weltreich Großbritannien, das gleichberechtigt mit den beiden damaligen Großmächten USA und UdSSR agieren konnte, von der Realität zerstäubt wurde. Dies sind die wahrscheinlich spannendsten Kapitel des Buches, in denen Darwin wieder mit sarkastischen Kommentaren die Agonie der britischen Politik beschreibt, die oftmals von einem tiefen, arroganten Unverständnis gegenüber den Kolonien geprägt war. Darwin betont sehr die englischen empire-kritischen Stimmen, die es während all der Jahrhunderte gegeben hat, erklärt aber nicht, warum diese Stimmen nie so viel Gewicht bekommen haben, als dass die Krone das Weltreich abgestoßen oder verkleinert hätte. Er erklärt, dass die asiatischen Länder sich aufgrund ihrer Kultur gegen Londons Imperium erhoben haben, erklärt aber nicht, warum dann die afrikanischen Staaten mit anderer wenig später nachzogen. Ausführlich widmet er sich den Fehleinschätzungen britischen Nachkriegspolitikerei der Auflösung des Empire. Aus ihrem Verhalten lässt sich sogar ein Erkenntnisgewinn ziehen.

"Sie zeigen nämlich, dass die Vorhersage des historischen Wandels ein ausgesprochen riskantes Unterfangen ist. Außerdem erinnern sie uns daran, dass der Niedergang von Imperien nur selten in einer vorhersehbaren Geschwindigkeit und noch seltener in vorhersehbarer Weise erfolgt. Es war also kaum überraschend, dass die britischen Staatslenker die Zukunft ihres Landes nicht korrekt vorhersagen konnten. Tatsächlich tat das auch kein anderer."

John Darwin: "Das unvollendete Weltreich. Aufstieg und Niedergang des Britischen Empire 1600-1997", Campus, 482 Seiten, Preis: Euro 39,90, ISBN: 978-3-593-39808-2

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