Dienstag, 05. Juli 2022

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Grüne Olympia-Woche in Berlin

Eigentlich war das Thema diese Woche im Bundestag nicht unbedingt zu erwarten. Dennoch war die Münchner Olympiabewerbung für 2018 wiederkehrend präsent. In der Haushaltsdebatte machte sich die Koalition ein Vergnügen daraus, die Grünen abzuwatschen, nachdem der Parteitag am letzten Wochenende der Bewerbung eine Absage erteilt hatte. Die Argumente lieferte ein Grüner: der sportpolitische Sprecher der Partei, Winfried Hermann.

Ein Kommentar von Grit Hartmann | 28.11.2010

Versteht man den Berliner Politbetrieb richtig, so haben sich die Grünen vor einer Woche selbst aus der großen Gemeinde der Sportfreunde exkommuniziert. In der Haushaltsdebatte ließ jedenfalls kaum ein Redner die Gelegenheit aus, das Parteitagsvotum der grünen Basis gegen die Münchner Olympiabewerbung so zu interpretieren. Da schwirrten so ziemlich alle Reizworte durchs Hohe Haus, die sich in letzter Zeit angesichts der guten Umfragewerte der Grünen angesammelt haben: Peinlichkeit, Populismus, Protestpartei. Die Dagegen-Partei sei jetzt "auch noch gegen Olympia", empörten sich die Liberalen und ließen das wie einen Angriff auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung klingen. Ein Schaden für "den Sport in Deutschland" sei entstanden, assistierte die Union. Und die SPD nannte die Grünen per Pressemitteilung kurz und bündig "die Anti-Sport-Partei".

Nur Minister Thomas de Maizière hatte ein Einsehen mit den schweigenden Bundestags-Grünen und gab den Bewährungshelfer. Parteitagsbeschlüsse seien für Abgeordnete nicht bindend, belehrte er die Fraktion. Die solle sich deshalb "gut überlegen", ob sie nicht doch noch Beifall spende für die Bewerbung.

Winfried Hermann, sportpolitischer Sprecher der Grünen, brauchte diesen Hinweis nicht. Schon vor dem Parteitag plädierte er dafür, den Olympia-Antrag am besten gar nicht erst zu diskutieren. Seine Begründung, für eine differenzierte Debatte sei keine Zeit, dürfte die Basis aber eher aufgebracht als besänftigt haben. Schließlich legten Hermann und Parteichefin Claudia Roth, die sich gern "sportnarrisch" nennt, monatelang keinen Wert auf Diskussion. In dieser Woche nun ließ Hermann kein Mikrofon aus, um das Votum der Basis zu kritisieren und das Bewerbungskonzept mit ökologischen Superlativen einzudecken. Er übernahm, was sich für Roth, die aus dem Bewerber-Kuratorium ausscheiden musste, verbot: die Olympia-Gegner als Ökofundis darzustellen. DOSB-Präsident Thomas Bach griff das dankbar auf: Er berief sich auf Hermann, um die Grünen als bloße Nein-Sager-Truppe abzustempeln.

In der Perspektive der Olympiagegner verhält es sich freilich anders: Habe nicht viel eher, so wurde diese Woche unter der Hand auch in Berlin gefragt, Ja-Sagerin Roth auf dem Parteitag die dampfende Gefühlsmaschine gegeben? Wer hat denn, fragten die Bayern-Grünen laut, für Garmisch umweltfreundliche Änderungen durchgepaukt? Das seien die Protestler gewesen, nicht das schwäbische Spätzle-Duo Roth/Hermann. Das begnüge sich damit, identitätsstiftende Botschaften nachzubeten, wie sie das IOC liebt, und jene "Alles-wird-gut"-Stimmung zu verbreiten, die kritische Fragen am liebsten ignoriert.

Tatsächlich kontrastierten Hermanns krachende Reden gegen Stuttgart 21, wo er Bürgerbeteiligung und Kostentransparenz forderte, auffällig mit seinem Schweigen zur Bewerbung: Auch deren Kritiker thematisierten fehlende Partizipation und frisierte Zahlen.

Vielen ist es ein Rätsel, warum Hermann sich derart vehement als Olympia-Anwalt neu erfindet. Treue zur Parteichefin wäre die eine Erklärung. Es gibt keinen bei den Grünen in Berlin, der sich Widerspruch gegen Roth trauen würde. Die Olympiagegner murren, neuerdings auch, dass die Olympiamilliarden im Breitensport besser angelegt wären – aber sie sagen nichts. Andererseits passt Hermanns Vorgehen zum schläfrigen Agieren der Grünen im Sportausschuss. Die Olympia-Pressemitteilung, die er letzten Montag trotzig in die Welt schleuderte, war eine der wenigen sportpolitischen dieser Legislatur. Darüber stand: "Ich werde das Projekt weiter kritisch begleiten!"

Darf der das? Aber ja, meinte ein grüner Fraktionskollege. Und schob hinterher: "Nur sollte er bald damit anfangen."