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Günther Rühle
Theater als Familiengeschichte

Im zweiten Teil seiner Biografie des deutschen Theaters widmet sich Günther Rühle den Jahren 1945 bis 1966. Eine aufwendigere Arbeit als der erste Band, denn nach dem Zweiten Weltkrieg sortierte sich die deutsche Theaterlandschaft völlig neu.

Von Eva Pfister | 03.06.2015

    Günther Rühle steht im Dunklen an einem Rednerpult und spricht, nur auf ihm liegt Scheinweiferlicht.
    Günther Rühle 2014 in Berlin. (dpa/picture alliance/Britta Pedersen)
    Das deutsche Theater nach 1945 war geprägt von der Besatzung. Englische, amerikanische und französische Kulturoffiziere auf der einen, sowjetische auf der anderen Seite bestimmten das Kulturleben. Der Neuanfang war dennoch keine Stunde Null, sondern wurde getragen von Theatermachern mit ihrer jeweils eigenen Vergangenheit. Günther Rühle, ehemaliger Theaterkritiker, Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Intendant des Schauspiels Frankfurt, erzählt Theater als Familiengeschichte. Dieses wohl einzigartig dastehende Werk ist überfließend im Detail und dennoch kurzweilig zu lesen. Wer übernahm wo eine Direktion, woher kam er, wen engagierte er und welche seiner Aufführungen waren herausragend? Und das in einem Land, das nach dem Krieg keine kulturtragende Hauptstadt mehr aufwies, sondern dezentral funktionierte. Dass der zweite Band seiner Biografie des deutschen Theaters darum viel mehr Arbeit machen würde als der erste, wusste Günther Rühle schon vor sieben Jahren:
    "Sie konnten die Situation bis 1945 zum großen Teil an den Berliner Ereignissen entlang schreiben. Obwohl es überall andere Theater gab, aber die Akzente wurden in Berlin gesetzt. Nach 1945 ändert sich das völlig. Berlin verliert den führenden Rang, nicht nur politisch, sondern auch in der Kunst, und es tauchen überall wechselnde Herde auf. Es vervielfältigt sich alles, dann kommt das Theater der DDR dazu, also es ist ein ganz anderes Tableau, das man zu beobachten hat."
    Der Neuanfang der deutschen Kultur wurde in der Emigration vorbereitet. Und so widmet Rühle denn auch eines der ersten Kapitel dem Vorspiel in Moskau. Dort trafen sich schon im September 1944, als im Deutschen Reich gerade alle Theater geschlossen wurden, jene Männer, die das künftige Kulturleben Deutschlands planten. Unter ihnen Maxim Vallentin, der über die mögliche Zukunft des Theaters sprach. An diesem Beispiel lässt sich gut zeigen, wie Rühle seine Theater-Familien-Geschichte ausbreitet. Er schreibt über Maxim Vallentin:
    "Er war der Sohn von Richard Vallentin, geboren im Oktober 1904, kurz nachdem sein Vater in Berlin mit der Erstaufführung von Maxim Gorkis "Nachtasyl" den Aufstieg Max Reinhardts eingeleitet hatte. Das war ein Triumph sondergleichen gewesen, und deswegen trug der Sohn den Vornamen Gorkis als bleibende Erinnerung. Als Stipendiat am Staatstheater in Berlin hatte er Jeßners Theater erlebt und bald selbst auf verschiedenen Berliner Bühnen gespielt, seit 1926 war er Mitglied der KPD, am Ende der Republik hatte er "Das rote Sprachrohr" geleitet. Damit war er eingetreten in die politische Agitation, den "Agitprop", der auch Friedrich Wolf und Gustav von Wangenheim zu Theaterkämpfern machte. Ihre antifaschistische Gesinnung hatte sie im sowjetischen Exil zusammengehalten."
    Seitenblicke nach Österreich und in die Schweiz
    Das Theaterleben in Deutschland begann als Tätigkeit von Rückkehrern aus der Emigration und von Dagebliebenen, das ging nicht ohne Konflikte ab. Wolfgang Langhoff etwa kam vom Zürcher Schauspielhaus, der wichtigsten Exilbühne während des Dritten Reichs. Er wurde als Intendant nach Düsseldorf berufen, wo er vor 1933 im Ensemble gespielt hatte, bevor die Nationalsozialisten ihn ins Konzentrationslager brachten. Nicht alle im Haus freuten sich über diesen Kommunisten in der Leitung. Langhoff brachte bald das Stück auf die Bühne, mit dem er schon 1934 die Zürcher geschockt hatte: Friedrich Wolfs Studie über Antisemitismus "Professor Mamlock". Der Autor Wolf kam nach Düsseldorf, um sich sein Stück anzusehen, aber auch, um Langhoff zu fragen, ob er denn für eine Neubesetzung des Deutschen Theaters in Ostberlin zur Verfügung stehen würde.
    Auf diese Weise rüttelte sich die Theatersituation nach dem Krieg ideologisch zurecht bis hin zur endgültigen Teilung des Landes. Fast alle Theater brachten zuerst auf ihre oft nur behelfsmäßig wiederhergerichteten Bühnen Lessings Versöhnungsdrama "Nathan der Weise" und orientierten sich danach dramaturgisch an ihren Besatzern. Im Osten wurden sowjetische Stücke gespielt, im Westen französische, amerikanische und britische. Das Publikum hungerte nach den neuen, befreienden Sichtweisen von außen, vor allem, wenn sie so unterhaltsam und versöhnlich daherkamen wie Thornton Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen", dem Hit jener Zeit.
    Mit Seitenblicken auf Österreich und die Schweiz, wo mit Frisch und Dürrenmatt die wichtigsten Nachkriegsdramatiker herkamen, bildet Günther Rühle umfassend die Situation des deutschen Theaters ab. Bertolt Brechts Gründung eines eigenen Theaters in Ostberlin und seine Schwierigkeiten mit der offiziellen ästhetischen Doktrin der DDR spielen natürlich eine zentrale Rolle; wobei insgesamt auffällt, dass die Theatermacher mehr im Fokus stehen als die gespielten Stücke und die zeitgenössischen Dramatiker. Das erstaunt etwas, denn in Rühles Theaterverständnis sind die Autoren das wichtigste:
    "Das Theater hat ja eine große, gesellschaftliche Aufgabe, nämlich, Stücke, die von Autoren geschrieben werden aufgrund ihrer Wahrnehmung in der Gesellschaft oder aufgrund ihrer eigenen schmerzlichen Erfahrungen, auf die Bühne zu heben und sozusagen als Bild ins Bewusstsein zu setzen."
    Großer Einfluss von Bertolt Brecht
    In den 50er-Jahren waren diese Bilder allerdings etwas verschwommen. Aus Frankreich kamen Stücke von Sartre und Camus sowie das absurde Theater eines Ionescos auf die westdeutschen Spielpläne, dazu Becketts Endspiele und die Familientragödien aus den USA aus der Feder von Tennessee Williams und O'Neill, während im Osten unverdrossen der Sozialismus gefeiert wurde und man Heiner Müllers kritische Texte nicht auf die Bühne ließ. Günther Rühle fasst diese Zeitstimmung auf seine oft lakonisch-prägnante Art zusammen:
    "Im Osten die sputnikbefeuerte Euphorie der Revolutionsfeier, sozialistisch-optimistische Zukunft, Behauptung des Realismus. Im sputnikgeschockten Westen das Erlebnis der Ionesco-Beckett-Zeit, Preisgabe des Realismus, Vision der schlimmen Zukunft. Die Ionescose, die nach Brechts Tod zögernd begann, dauerte im pathetischen und von Kriegsangst durchzogenen Hin und Her der Ost-West-Politik bis über die Mitte der 60er-Jahre."
    Obwohl die Stücke von Bertolt Brecht nach dem Bau der Mauer 1961 im Westen boykottiert wurden, war sein Einfluss groß, besonders auf eine neue Generation von Theatermachern. Claus Peymann gehörte zu ihnen, Peter Zadek und die Begründer der Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin. Die neuen Stücke zur Zeit, die weit über das Theater hinaus Beachtung fanden, entstanden dann parallel zur Aufarbeitung der Vergangenheit. Max Frischs "Andorra" um das Schicksal eines vermeintlichen Juden feierte im November 1961 seine Uraufführung, Rolf Hochhuths Kritik am Verhalten der Kirche in der Nazizeit, sein Papst-Stück "Der Stellvertreter", im Februar 1963. Da wurden schon die Auschwitz-Prozesse vorbereitet. Peter Weiss saß bei den Zeugenvernehmungen dabei und baute daraus sein Drama "Die Ermittlung". Es kam im Oktober 1965 auf 16 Bühnen zugleich zur Uraufführung.
    Damit trat auch im Theater die neue Generation an, die ihre Eltern kritisch nach der Vergangenheit befragte. Die Aufbau-Arbeit der Nachkriegszeit war vollendet. An dieser Stelle setzt Günther Rühle den Punkt hinter den zweiten Band seiner Biografie des Theaters in Deutschland. Und sitzt jetzt bereits an der Arbeit zum dritten Band.
    Günther Rühle: "Theater in Deutschland 1945-1966. Seine Ereignisse - seine Menschen", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014, 1520 Seiten, gebunden, 46 Euro.