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StartseiteBüchermarktGustave Courbet - der Ursprung der Welt01.01.1980

Gustave Courbet - der Ursprung der Welt

Ein Lust-Stück

Die weit und erwartungsfroh gespreizten Beine einer wohlgeformten, jungen Frau geben den Blick frei auf den "Ursprung der Welt": auf die ein wenig geöffnete Vagina und über sie hinaus auf den Bauch, den Nabel und die rechte Brust einer hingestreckten Schönen. Ihre linke Brust ist von einem Schleier bedeckt, die hochgestreckten Arme, der Kopf und die Unterschenkel der Schönen befinden sich schon jenseits des Bildrandes. Gustave Courbets 1866 entstandenes und eher kleinformatiges (46 mal 55 cm) Bild "Der Usprung der Welt" hat sich in frappantem Realismus auf eben das Wesentliche beschränkt, das als undarstellbar galt. Und offenbar in gewisser Weise immer noch gilt. Denn auf dem Umschlag des Buches von Günter Metken, das diesem einen Bild gewidmet ist, wird es nicht abgebildet. Noch heute bereitet es offenbar so viel Verlegenheit wie zu Goethes Zeiten. Heißt es doch über die Mütter und somit über den Ursprung des in-die-Welt-Kommens in >>Faust II<<: "Von ihnen sprechen ist Verlegenheit." Eine Verlegenheit, die dazu führt, daß ein seriöser Autor wie Metken und ein seriöser Verlag wie Prestel es vorziehen, statt des Bildes, um das es geht, ein Ersatzbild auf den Umschlag zu bringen - nämlich das gleichformatige Kaschierbild, das André Masson 1955 im Auftrag des Besitzers von Courbets Skandalbild anfertigte und das dasselbe, aber eben auf ganz andere, nämlich pastelleuse Weise zeigt.

Jochen Hörisch

Seit 1995 ist Courbets Bild öffentlich zugänglich. Es hängt an prominentem Ort: im Pariser Musée d'Orsay. Und also nicht mehr im Landhaus des Psychoanalytikers Jacques Lacan, der die französische Theorie- und Intellektuellen-Szene dieses Jahrhunderts so nachhaltig geprägt hat wie sonst wohl nur Jean-Paul Sartre. Kein anderer als Lacan war es also, der Courbets berühmt-berüchtigtes Bild 1955 erworben hatte. Das Kunstmarkträtsel, nicht aber das offenbare Geheimnis dieses Bildes ist gelöst. Lacans Erben übergaben es - auch aus steuerrechtlichen Gründen - der Öffentlichkeit. Gemalt wurde "L'Origine du monde" 1866 als Auftragsarbeit für den legendenumwobenen türkischen Gesandten in Paris, für Halil Serif Pascha, genannt Khalil Bey. Ein homme à femmes, ein Spieler, ein Salon-Löwe und Kunstsammler von verschwenderischer Großzügigkeit, der auch andere laszive Bilder Courbets erwarb - darunter das Bild "Der Schlaf", das zwei ruhende nackte Frauen in inniger Umarmung zeigt. 1868 mußte Khalil Bey nach runinösen Glücksspielen seine Sammlung verkaufen. Das Bild gelangte nach Umwegen in den Besitz des ungarischen Barons Ferencz Hatvany, der es dann an Lacan und seine spätere Frau und damalige Geliebte Silvia Bataille verkaufte.

Und damit hat es seinen rechten Bestimmungsort erreicht. Denn für Lacans Werk ist es zweifellos von ausschlaggebender Bedeutung. Metken streift diese theoriegeschichtliche Pointe, daß ein Gemälde Entscheidendes zur Ausbildung eines wirkungsmächtigen und klugen Begriffskonzepts beitrug, nur en passant. Er erwähnt zwar, daß der im Kreis der Surrealisten verkehrende französische Psychoanalytiker 1955 und also in eben dem Jahr, in dem er Courbets Bild erwarb, #Martin Heidegger# im Schwarzwald besuchte, um ihm die Zustimmung zur Publikation des Logos-Aufsatzes in Lacans Zeitschrift "Die Psychoanalyse" abzugewinnen. Heidegger stimmte erstaunlicher Weise zu. Und so gerieten Heideggers Überlegungen zum ursprünglichen Wahrheitsverständnis der Griechen, die Wahrheit als Aletheia, als Unverborgenheit dachten, in den psychoanalytischen Kontext, den er, der Antimoderne, sonst geradezu panisch mied. Einer und nicht der geringste der Gründe dafür, daß Heidegger in Frankreich eine völlig andere Rezeption zuteil wurde als in Deutschland.

Metken entschärft diesen Kontext. Seine Interpretation stellt Courbets Bild in biographische und kunsthistorische Zusammenhänge. Er schlägt einen Bogen von Paradiesesdarstellungen bis zu Marcel Duchamps voyeuristischem Arrangement "Etant donnés". Der Frauenheld Courbet habe, so Metken, die Tradition des Aktbildes, wie sie etwa bei Delacroix und Ingres ausgebildet ist, realistisch überboten. Courbet hat sich dabei wohl auch von den pornographischen Aktphotos anregen lassen, die es schon in den Kinderzeiten des neuen Mediums Photographie gab. Vor allem aber hat er, so Metkens Erklärung des Bildtitels, in der Tradition der Erotisierung von Natur gemalt. Grotten und Felsspalten gehörten zu seinen Lieblingsmotiven. Und in der Tat gibt es formale und motivliche Affinitäten zwischen der Vulva-Darstellung im "Ursprung der Welt" und der Ausgestaltung eines Grotteneingangs in einem Courbet-Gemälde von 1864 mit dem Titel "Die Felsgrotte der Loue". Die plutonischen Assoziationen beider Motivfelder aber entgehen Metken: die Vulva wie die Felsgrotte gewähren Zugang zu den plutonischen Höhlen, aus denen die Fruchtbarkeit und der Reichtum, aber eben auch der Tod (Hadeshöhle!) kommt.

Diesen Zusammenhang von Geben und Nehmen, von Eros und Thanatos gibt es in Courbets Bild zu sehen. Zeigt es eine Ruhende, eine Schlafende oder gar eine dem "kleinen Tod" Anheimgefallene? Wir wissen es nicht. Und doch handelt es sich tatsächlich und buchstäblich um ein Aletheia / ein Unverborgenheits-Bild. Ihm geht es um die "nackte Wahrheit". Keine mythologischen Ornamente sorgen für eine Pseudolegitimation der Darstellung weit geöffneter Frauenschenkel, die den Ursprung der Welt schamlos bloßlegen. Es geht vielmehr in äußerstem Realismus um die "Sache", mit Lacan zu reden: um "la chose freudienne". Und diese Sache ist abgründig. Courbet hat sein Bild nämlich so gemalt, daß sein (männlicher?) Betrachter, wenn er zwischen die Frauenschenkel schaut, seinerseits einem Bick begegnet. Die halbgeöffnete Vulva erblickt den Blick des Betrachters, sie blinzelt ihn an. Lacan handelt in seiner bedeutenden Vorlesung aus dem Jahr 1972/73 unter dem Titel "Encore" ("Noch") von der Spaltung zwischen Auge und Blick. Ein Auge läßt sich (von vielen) erblicken, der Blick eines Anderen aber kann allenfalls einen anderen Blick treffen und in ihm aufgehen. Deshalb taugt der Blick zum fetischistischen Partialobjekt, mit dem man Symbiosen eingehen kann. Ein Dritter kann sich nicht in zwei Blicke, die sich treffen und symbitoisch eins werden, einklinken. Der Blick aber ist traumatisch: er erblickt einen Mangel (freudianisch: eine Kastration). Die von Courbet gemalte Vulva ist und hat (anders als spätere surrealistische Arrangements von Auge und Vulva, auf die Metken nicht eingeht) kein Auge; aber sie ist ein traumatisch-traumatisierender, (sich) versprechender Blick. Courbets Bild verzichtet auf alle in der Kunstgeschichte tradierten allegorisch-symbolischen Bedeutungshöfe. Aber es (be)sagt etwas: ich erblicke, wie du erblickst, daß Du jenseits aller Verschleierungen den Ursprung der Welt erblickst und erschrickst. "Ein Lust-Stück": so lautet der hübsche, aber unzutreffende Untertitel des reich illustrierten, aber nicht sorgfältig korrigierten Bandes, der aus dem Name Lacan schon mal Lucan macht. Lucian wäre der bessere Druckfehler; und "Ein Ver/Lust-Stück" wäre der angemessenere Titel. Lacan hat, wie gesagt, Masson gebeten, ihm zu diesem Bild ein Deckbild zu malen.

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