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Gute Schule machen

In Baden-Württemberg finanzieren Stiftungen einen Großteil der Lehrerfortbildungen. Kritiker befürchten, dass der Staat so die Verantwortung für die Ausbildung langsam abgibt.

Von Thomas Wagner | 19.06.2013

    In Baden-Württemberg zahlt das Land nur einen Bruchteil der Ausbildungen von Gemeinschaftsschullehrern.
    In Baden-Württemberg zahlt das Land nur einen Bruchteil der Ausbildungen von Gemeinschaftsschullehrern. (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)
    Es ist eine Maschine, mit der Lehrer das Lehren lernen sollen: der Performance-Simulator.

    "Das ist ein Lernlabor auf elektronischer Basis. Da gibt es Film- und Unterrichtssituationen. Da können Lehrkräfte ihre Reaktionsmöglichkeiten eingeben, also ein Trainingsprogramm","

    erklärt Doro Moritz, Vorsitzende des baden-württembergischen Landesverbandes in der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft, kurz GEW. Aus ihrer Sicht hat die neue "Lehrer-Lern-Maschine" aber einen Schönheitsfehler: Entwickelt wurde sie von der Helga-Breuninger-Stiftung, unterstützt vom baden-württembergischen Kultusministerium als Instrument der Lehrer-Weiterbildung. Wenn sich eine Schule für die Einführung des Simulators entscheidet, muss der Rektor erst mal in den Geldschrank greifen.

    ""Die Problematik ist, dass dann irgendwann, wenn das erarbeitet ist und läuft, die Schulen die Lizenzen kaufen müssen. Da geht's wohl darum, dass so eine Lizenz um die 400 Euro kostet und insofern die Schule und der Schulträger mit diesen Kosten belastet werden."

    Eigentlich, so Doro Moritz, müsse solch ein Weiterbildungsangebot nicht von einer Stiftung, sondern vom Kultusministerium selbst zur Verfügung gestellt werden - kostenfrei. Für sie ist der "Performance Simulator" nur ein Beispiel von vielen, wie sich das baden-württembergische Kultusministerium bei der Weiterbildung für Lehrer an Gemeinschaftsschulen aus der Verantwortung stiehlt. So bezahlte die Stiftung Würth 40 baden-württembergischen Gemeinshaftsschullehrern einen Weiterbildungs-Kurs in der Schweiz. Die Robert-Bosch-Stiftung übernahm die Kosten für ein Treffen von Schulleitern und Lehrern an Gemeinschaftsschulen. Wenn Doro Moritz alle Aufwendungen von Stiftungen für baden-württembergische Gemeinschaftsschullehrer aufaddiert, kommt sie auf einen Betrag von rund einer halben Million Euro pro Jahr. Eher bescheiden nimmt sich dagegen die Summe aus, die das Ministerium selbst investiert.

    "Das Land hat für dieses Jahr etwa 160.000 Euro für die Fortbildung der Gemeinschaftsschullehrer eingestellt. Das sind etwa 2000 Euro für jede neue Schule. Das ist nicht wirklich viel."

    Die Verlagerung der Lehrerweiterbildung auf Stiftungen stiftet bei der Lehrergewerkschaft GEW zunehmend Unfrieden. Denn:

    "Stiftungen haben natürlich auch das Interesse, ihre Ideen dort einzubringen. Und für mich ist das ein Problem, das das Land seine Gemeinschaftsschulweiterbildung nicht sauber ausstattet und deshalb auf die Stiftungen angewiesen ist."

    Hinzu kommt, dass Weiterbildungsangebote von Stiftungen eher projektbezogen und nicht über einen längeren Zeitraum hinweg angeboten würden. Damit sei keine Kontinuität in der Lehrerweiterbildung gewährleistet. Der baden-württembergische Kultusminister Andreas Stoch, SPD, dagegen lässt über die Angebote der Stiftungen nichts kommen:

    "Ich finde es absolut vorbildlich, wie sich die Stiftungen einbringen auch bei der Weiterentwicklung unserer Bildungspolitik!"

    Durch das Angebot der Stiftungen könne die Landesregierung zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen - nämlich dem Gebot der Sparsamkeit Rechnung tragen und qualifizierte Lehrer-Weiterbildung anbieten.

    "Was die Frage der Finanzierung von bestimmten Dingen, zum Beispiel der Lehrerfortbildung angeht, da sind wir dankbar. Denn in Zeiten knapper Kassen ist es wichtig, dass wir mit den Mitteln der Steuerzahler vernünftig umgehen."

    Auch die Lizenzgebühr für den Performance-Simulator der Breuninger-Stiftung hält Kultusminister Stoch für legitim:

    "Ich weiß, dass die Breuninger-Stiftung in diesen Simulator einen ordentlichen sechsstelligen Betrag investiert hat. Und daran können Sie erkennen, dass eine Lizenzgebühr von 400 Euro bei Weitem nicht ausreichend ist, um das nur annähernd zu refinanzieren."

    Den Stiftungen selbst geht es nach eigenem Bekunden keineswegs um Beeinflussung von Lehrern. Nach Ansicht von Helga Breuninger, Vorsitzende der gleichnamigen Stiftung, hätten gerade Stiftungen viel besser als staatliche Stellen die Möglichkeit, innovative Ideen zur Weiterbildung zu entwickeln. Das sieht auch Roman Rösch so. Er ist bei der Robert-Bosch-Stiftung für Bildungs- und Erziehungsprojekte zuständig:

    "Das ist eine echte Win-win-Situation. Wir bringen nicht nur Geld. Manchmal bringen wir auch gar kein Geld als Stiftung. Sondern wir bringen Expertise. Und auf der anderen Seite haben wir Stiftungen den Vorteil, dass wir wirksamer werden können, dass wir einfach mehr Schulen erreichen können für unsere Programme."

    Das Beispiel Lehrer-Fortbildung vor dem Hintergrund knapper staatlicher Kassen zeige auch: Bildungspolitik gehe alle an, auch die Stiftungen. Der Staat alleine sei hier überfordert.

    "Ich würde trotzdem einmal sehr grundsätzlich sagen: Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft. Und die Aufgabe, gute Schule zu machen, ist eine ganz große Aufgabe. Und das werden staatliche Institutionen alleine nicht schaffen. Wir brauchen Zivilgesellschaften. Wir brauchen Zivilgesellschaften vor Ort. Was wir brauchen die Verbände, wir brauchen die Stiftungen, wir brauchen das Netzwerk vor Ort, um gute Schulen hinzubekommen. Das geht eben nicht alleine durch staatliche Institutionen."

    Mag ja sein, sagt Doro Moritz von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft. All dies dürfe aber nicht dazu führen, den Staat aus der Verantwortung zu entlassen.

    "Wenn das Land die Gemeinschaftsschule auf Erfolgskurs setzen will, dann gehört dazu eine Fortbildungsoffensive, eine Qualifizierungsoffensive, die die Schulen über jede Kritik erhaben macht, sie seien nicht genügend vorbereitet. Und das ist bei der jetzigen Ausstattung von der Landesregierung überhaupt nicht erfolgt."