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StartseiteUmwelt und VerbraucherGuter Geschmack und viele Eier10.07.2007

Guter Geschmack und viele Eier

Wie alte Hühnerrassen auf Wirtschaftlichkeit gezüchtet werden

Alte Hühnerrassen werden heute großteils nur noch von Liebhabern gehalten. Doch einige Züchter arbeiten daran, auch diese wieder wirtschaftlich attraktiv zu machen. Eine dieser Rassen ist das Kollbecksmoor-Huhn.

Von Lutz Reidt

Hühnereier im Stroh. (Wikipedia GNU)
Hühnereier im Stroh. (Wikipedia GNU)
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Uriges Landleben aus längst vergangenen Zeiten herrscht auf dem weitläufigen Auslauf in Sottmar bei Wolfenbüttel. Goldfarbene Hühner wuseln behände über das Grün, sie picken und scharren, während die Hähne gemessenen Schrittes hinterher stolzieren. Hildegard Foerster-Dalchow genießt diesen Anblick hinter ihrem schmucken alten Bauernhaus jedes Mal aufs Neue:

"Die Vorwerk-Hühner insgesamt sind sehr schöne Tiere; auf den ersten Blick sehen sie so aus, wie Hühner in Kinderbilderbüchern aussehen müssen: Der Hahn hat einen schönen roten Kamm und rote Kehllappen, einen schwarzen Hals und schwarzen Schwanz und ein goldgelbes Rumpfgefieder."

Hildegard Foerster-Dalchow ist promovierte Mathematikerin und arbeitet hauptberuflich als Software-Entwicklerin bei einem großen Unternehmen in Braunschweig. Die 20 Vorwerk-Hühner, die sie als Hobbyzüchterin hält, sollen helfen, dieser alten Landrasse eine Zukunft zu sichern. Deutschlandweit machen dies rund 20 Hühnerhalter im Rahmen eines Zuchtringes.

Benannt ist die Rasse nach Oskar Vorwerk, der das Geflügel vor rund 100 Jahren in der Nähe von Hamburg züchtete. Kenner schätzen vor allem den Geschmack des Hähnchenfleisches:

"Wir mästen auch die männlichen Tiere, soweit man das bei uns in unserer Auslaufhaltung überhaupt mästen nennen kann; sie kriegen bei uns Weizen und auch Essensreste aus dem Haushalt, oder sehr gerne auch die Gartenabfälle aus meinem Gemüsegarten - und deswegen wachsen die nur sehr langsam. Und das ist auch genau das, was unsere Familie gerne mag - dieses langsam gewachsene Hähnchenfleisch."

Dass dieses Fleisch der Vorwerk-Hähnchen sehr gut schmeckt, ist für Züchtungsforscher Professor Rudolf Preisinger keine Überraschung. Der Geschäftsführer eines großen Zuchtunternehmens in Cuxhaven schildert, warum das so ist:

"Da die Tiere länger gemästet werden müssen, gewinnt das Fleisch einen höheren Grad an Reife. Es kann also sein, dass zum Beispiel das Safthaltevermögen oder der intramuskuläre Fettgehalt bei diesen Tieren höher ist; und da Geschmacksstoffe auch an das Fett gebunden sind, kann es sein, dass dieses Fleisch auch etwas schmackhafter ist."

Nicht nur das Hähnchenfleisch, auch die cremefarbenen Eier der Legehennen sind begehrt. Doch die Legeleistung der Vorwerk-Hennen von maximal 170 Eiern im Jahr lässt keine wirtschaftlich rentable Haltung zu. Deswegen kam den Freunden dieser alten Landrasse die Idee, den Vorwerk-Hahn mit einer Hochleistungslegehenne zu kreuzen, der so genannten "White Rock".

Das Ergebnis dieser Kreuzung ist das Kollbecksmoor-Huhn, benannt nach einer Region bei Bremen. Im westfälischen Wetter an der Ruhr züchtet Sonja Gehlen-Bremer dieses neue Zweinutzungshuhn:

"Die Kollbecksmoor-Hühner sind jetzt quasi eine Mischung von den guten Eigenschaften, so hoffen wir: Die Vorwerk-Hühner bringen die Robustheit in das Kollbecksmoor-Huhn; und die Eileistung von den 'White Rocks' haben die Kollbecksmoor-Hühner eben auch, so dass sie auf 250 Eier durchschnittlich im Jahr kommen."

Erfreut ist Sonja Gehlen-Bremer auch darüber, wie gut sich die neu gezüchteten Kollbecksmoor-Hähnchen mästen lassen. Sie erreichen sogar noch schneller ihr Schlachtgewicht als die reinrassigen Vatertiere, die braunschwarzen Vorwerk-Hähne, brauchen aber vier bis sechs Wochen länger als die heute üblichen Hochleistungsbroiler:

"Wenn ich jetzt heute die Mast-Tassen an sich nehme: Die sind natürlich nach neun Wochen schon lange so weit, wo unsere noch rumlaufen; und an die Mastleistung kommen sie natürlich nicht ran, zumal wir ja auch immer großen Wert auf den Auslauf und auf das Grün draußen legen. Da können sie nicht so schnell wachsen, als wenn ich sie eng halte und sich wenig bewegen lasse. Und ich kriege das Huhn einfach nicht so schnell dick und groß, wenn ich es laufen lasse. Aber dafür schmeckt es besser."

Bislang führen Vorwerk- und Kollbecksmoor-Hühner nur ein Nischendasein. Der Weg, den täglichen Tod der Hahnenküken in den Großbrütereien zu vermeiden, ist noch lang. Doch die ersten Schritte in die richtige Richtung sind gemacht.


Weitere Informationen:
www.kollbecksmoorhuhn.de
www.erhaltungszucht-vorwerkhuhn.de

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