Samstag, 01. Oktober 2022

Jānis Joņevs: „Jelgava 94“
Haare am Hintern

Am Ende zählt nur die Musik: Jānis Joņevs Coming-of-Age-Roman über eine Jugend in der lettischen Provinz fängt den Sound der Zeit ein und feiert die Freundschaft. Wildes Headbanging und hemmungsloser Alkoholkonsum eingeschlossen.

Von Tobias Lehmkuhl | 16.09.2022

    Jānis Joņevs: „Jelgava 94“
    Leere und Orientierungslosigkeit - auch in Lettland gelingt das Heranwachsen in der Provinz nicht ohne Hindernisse: „Jelgava 94“ von Jānis Joņevs (Portrait und Buchcover: Parasitenpresse)
    Jelgawa gibt es wirklich. 60.000 Einwohner, keine 50 Kilometer von Riga entfernt, mit einem mehrmals abgebrannten und wiederaufgebauten Schloss. In Jānis Joņevs Roman „Jelgava 94“ ist dieser Ort aber vom ersten Satz an auch ein Ort der Literatur, der Imagination, eine Eigenwelt, wie sie jeder empfindsame Jugendliche aus der Provinz ein Leben lang mit sich herumträgt:
    "Ich schaute hinunter auf Jelgawa. Eine graue, traurige Landschaft. Vor fünfzig Jahren war die Stadt in Schutt und Asche gelegt worden. Alles zertrümmert und abgebrannt. Jelgawa wurde wieder aufgebaut - fünfstöckige Häuser, Gefängnisse, Lagerhäuser. Als Pauls Dambis durch Jelgawa fuhr, sagte er, dass in diesen Häusern nichts passieren könnte. Hier konnten keine Ideen kommen. „Was sollen wir machen?“ Niemand hatte eine Idee. Das Bier war leer, aber keiner wollte losgehen. Es gab nichts, wohin wir gehen konnten."

    Musik ist Flucht und Rausch

    Einen Ausweg - abgesehen vom Alkohol, der kein echter Ausweg ist - einen Ausweg aus der alles beherrschenden Langeweile aber gibt es für einen 14-Jährigen im Jahr 1994, wohnt er nun in Brighton, Bad Hersfeld oder Jelgawa: die Musik. Musik ist Flucht und Rausch und Erfüllung zugleich, die Musik spiegelt Gefühle und Gedanken, und selbst in Jelgawa konnten 14-Jährige im Jahr 1994 so viel Englisch, dass sie auch die Texte der überraschend umwerfenden und sinnstiftenden Musik verstehen konnten, die da plötzlich aus Seattle kam und aus Chicago:
    "Und dann verstand ich - ich musste Ministry hören! Ich ging wieder zurück ins Wohnzimmer. Was für ein genialer Gedanke, einer Band den Namen Ministry zu geben. Ich hatte auf RBS TV eines ihrer Musikvideos gesehen, in dem sie die Autos crashen. Sich diese Musik anzuhören war wie Autos zu Schrott fahren. Ich lehnte mich zur Stereoanlage und stopfte die Kassette hinein. ,Genug, genug. Du musst ins Bett.´ - ,Nur noch den letzten Song!´ Ich musste den letzten Song noch lauter drehen. Scheiße, wie das prügelte. Wie das Schlagzeug donnerte. Wie die Gitarren kreischten! Wie konnte etwas so schön sein?"
    Wer Musik hört, ist nicht allein - im doppelten Sinn. Denn wer Musik hört, sucht und findet schnell Gleichgesinnte. Musik verbindet, so blöd und sonntagsredenhaft das auch klingt. Jugendliche in der Provinz - der nicht mehr jugendliche Rezensent aus der Provinz bürgt dafür - schweißt die Musik zusammen wie kaum etwas anderes. Wer dieselbe Musik hört und liebt wie ich, der ist mein Freund. Da braucht man nicht viele Worte zu verlieren, da braucht es höchstens ein Bier, mit dem man den Pakt auf die Musik immer wieder aufs Neue besiegelt.

    Ob Lettland oder Ostwestfalen

    Auch braucht man sich, nur weil der Roman in Lettland geschrieben wurde, keinen Illusionen über die Vorherrschaft des Ostens in Sachen Alkoholkonsum hingeben. Jede Gruppe Jugendlicher, die in Ostwestfalen an der Tanke rumlungert, kann den Kampf im Dosenschießen mit denen in Jelgawa oder Jekaterinenburg aufnehmen. Nur mit den Mädchen läuft es bei solchen Jungs hier wie dort eher schlecht.
    "Jetzt waren meine Haare lang genug, und ich machte mit beim Headbangen, dem großen Metaltanz, bei dem man kein Mädchen auffordern musste und ihrer Gnade ausgeliefert war, sondern ihnen einfach mit den Haaren an den Hintern schlagen konnte, wobei man aufpassen musste, dass man nicht versehentlich mit dem Gesicht irgendwo reinknallte. Aber insgesamt waren Mädchen hier nicht von Bedeutung. Ich war ein universeller Geist in einem tausendköpfigen Körper. Ihre Hintern waren auch mein Hintern. Aber ich brauchte nichts dergleichen, nur die Musik, die auf uns einstürzte, und wir selber waren die Musik und stürzten über alles."

    Kraft der Freundschaft

    „Jelgawa 94“ ist ein vorbildlicher Coming-of-Age-Roman, einer, der die Leere und Orientierungslosigkeit der Jugend in prägnanten Szenen und stimmigen Dialogen virtuos einfängt, der die Kraft der Freundschaft auf ganz unsentimentale Weise besingt und der die Musik nicht nur dadurch feiert, dass er sie zum roten Faden der Geschichte macht. Durch seinen an Grunge, Metal und Punk geschulten Sinn für Rhythmus und Dramaturgie hat Jānis Joņevs, von Bettina Bergmann zuverlässig ins Deutsche übertragen, seinen ganz eigenen Prosa-Sound entwickelt.
    Natürlich ist dies ein Roman, der zur Identifikation einlädt und sich vornehmlich an 15- oder 17jährige Leser und ja, auch an Leserinnen richtet. Doch lässt sich „Jelgawa 94“ auch im fortgeschrittenen Alter gut nachvollziehen, so man sich an seine Jugend noch erinnern mag. Zudem endet der Roman mit einem überraschenden Zeitsprung in eben dieses fortgeschrittene Alter des Protagonisten, verbunden mit der ewigen Frage, ob nicht Erwachsenwerden immer Verrat an der Jugend bedeutet.
    Aber wie dem auch sei: Metalheads, diesen Beweis führt der Roman  mit jedem Satz, so besoffen und langhaarig sie auch sein mögen, sind offenbar die sanftesten und freundlichsten Menschen unter der zumindest in Jelgawa freilich nur selten scheinenden Sonne.
    Jānis Joņevs: „Jelgava 94“
    Aus dem Lettischenvon Bettina Bergmann
    Verlag Parasitenpresse, Köln. 330 Seiten, 18 Euro.