Samstag, 03. Dezember 2022

Wahrnehmung
Mit übermenschlichen Sinnen

Neil Harbisson kann keine Farben sehen, aber er hört sie. Er hat es sich selbst beigebracht, mit einem extra dafür entwickelten Sinnesorgan. Dabei ist es nicht geblieben, und wir fragen uns: Begreifen wir mit übermenschlichen Sinnen auch mehr von der Welt?

Von Anneke Meyer | 13.10.2022

Deep Science, Episode 1 der 2. Staffel
Hacking Reality Episode 1 (Deutschlandradio)
Für Neil Harbisson war die Welt von Geburt an schwarz-weiß. Ein seltener Gendefekt. Doch dann hat er die Grenzen seiner Wahrnehmung verschoben - und Blut geleckt. Die Welt, wie menschliche Sinne sie zeigen, war für ihn nicht mehr genug.  Er wollte mehr: Ultraviolett, Infrarot, magnetischen Norden, alles, was uns normalerweise verborgen bleibt.
Neil Harbisson, Avantgarde-Künstler und Cyborg-Aktivist, trägt als erster Mensch auf der Welt eine implantierte Antenne im Schädel
Neil Harbisson, Avantgarde-Künstler und Cyborg-Aktivist, bei einer Vorlesung im Januar 2020 in Moskau (picture alliance / dpa / TASS / Mikhail Japaridze)
Denn unsere Sinne sind nur der Grundstein unserer Realität, ein vollständiges Abbild der Wirklichkeit liefern sie nicht. Könnten wir das ändern? Können wir näher an die Wirklichkeit rücken, indem wir neue Sinne lernen? Geht das überhaupt? 

Das Gehirn schafft das

In dieser Folge von Deep Science zeigen wir: ja, es geht tatsächlich. „Geschmack auf Entfernung, Doppler-Effekt, Echo-Location … nennen Sie irgendetwas. Unser Gehirn ist groß genug“, sagt Peter König. Und er muss es wissen, denn so wie Neil Harbisson hat auch der Professor für Neuropsychologie es selbst ausprobiert. Der Nord-Sinn, den er gemeinsam mit Studierenden entwickelt hat, verbessert nicht nur die Orientierung, er verändert auch die Raumwahrnehmung als Ganzes. Übermenschliche Sinne sortieren die Welt in unserem Kopf neu und es  macht auch etwas mit uns, wenn wir erkennen, warum die Katze auf den Kühlschrank starrt. Aber Hand aufs Herz - wollen wir das überhaupt? Werden wir uns nicht einsam fühlen, wenn wir solche neuen Erfahrungen nicht wenigstens mit einem anderen Menschen teilen können?