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StartseiteInterview"Schlag ins Gesicht der griechisch-christlichen Minderheit"24.07.2020

Hagia Sophia"Schlag ins Gesicht der griechisch-christlichen Minderheit"

Recep Tayyip Erdoga hat die Hagia Sophia in eine Moschee umgewandelt. Damit wolle der türkische Präsident Religion für seine nationalistische Politik nutzbar machen, sagte Kristian Brakel von der Heinrich-Böll-Stiftung im Dlf. Gezielt habe Erdogan auch den Europäern, insbesondere den Griechen, eins auswischen wollen.

Kristian Brakel im Gespräch mit Daniel Heinrich

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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan betet am Freitag, 24.7.2020, in der Hagia Sophia (www.imago-images.de)
Präsident Recep Tayyip Erdogan beim Freitagsgebet in der Hagia Sophia (www.imago-images.de)
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Das Oberste Verwaltungsgericht der Türkei hatte am 10. Juli der Hagia Sophia den Status als Museum aberkannt. Erdogan ordnete daraufhin an, das Gebäude für das islamische Gebet als Moschee zu öffnen.

In dem Diskurs um das weltberühmte Gebäude werde ganz deutlich, sagte Kristian Brakel, Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul, dass es um mehr gehe als eine bloße Moschee: "Es geht eben darum, die Religion hier nutzbar zu machen für eine chauvinistische, nationalistische Politik, die Präsident Erdogan jetzt schon seit einigen Jahren fährt und wo er auf die Unterstützung von Ultra-Nationalisten angewiesen ist. Das sind Leute, die er vor einem Jahrzehnt noch zurückgewiesen hat, gegen deren Politikauslegung er gearbeitet hat", so Brakel im Dlf.

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Nach der umstrittenen Aussage des türkischen Präsidenten Erdogan ein Museum wieder als Gebetsort zu öffnen, ist es nun soweit: Die Hagia Sophia wird wieder als Moschee genutzt. Kritiker sind weiter scharf dagegen.

Schub für die Regierung

Vor einem Jahr lehnte Erdogan die Umwandlung in eine Moschee noch ab. Der Sinneswandel sei nach Meinung von Brakel in erster Linie auf die Corona-Pandemie zurückzuführen. Unter der Krise habe die türkische Wirtschaft stark gelitten, die schon vorher in keinem guten Zustand gewesen sei. Die Umfragewerte der Regierung seien in den letzten Wochen und Monaten weiter in den Keller gegangen. Der Beliebtheit der Regierung solle daher noch einmal ein Schub gegeben werden.

Das alleine als Erklärung reiche aber nicht aus. Man wolle auch den Griechen und den Europäern, mit denen man sich im Konflikt befinde, "eins auf die Nase geben", sagte Brakel. Zudem hätten auch ideologische Gründe eine Rolle gespielt.

Dominanz des sunitischen Staatsislams

Als Sargnagel für den Laizismus, will Brakel das Vorgehen um die Hagia Sophia aber nicht verstanden wissen. Hundertprozentig laizistisch sei die Türkei nie gewesen. Auch in frühen Jahren der Republik sei ganz klar vorgesehen gewesen, dass zwar Minderheiten eine Rolle spielen konnten, im Prinzip habe es allerdings eine Dominanz des sunitischen Staatsislams gegeben.

Eine Frau ist in eine türkische Flagge gewickelt und hebt die Hände gen Himmel. Vor ihr die Hagia Sophia. (AP Photo/Emrah Gurel) (AP Photo/Emrah Gurel)Dagdelen (Linke): Hier instrumentalisiert Erdogan Religion politisch"
Die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee, sei ein Akt der "Aggression Erdogans", sagte Sevim Dagdelen (Die Linke). Die Bundesregierung und die EU dürften Erdogan nicht weiter unterstützen.

Der habe in den letztzen Jahren zugenommen, so Kristian Brakel. Es gebe auch ganz klar Extremisierungstendenzen unter Erdogan. Soweit zu gehen, dass die Türkei ein religiöser Staat werde, will Kristian Brakel alleridngs nicht. Der symbolische Schritt hin zur Moschee sei aber ganz klar ein Schlag ins Gesicht der griechsich-christlichen Minderheit, die ohnehin einen schweren Stand habe. Das Projekt einer religiösen Gesellschaft treibe Erdogan auf jeden Fall weiter um.

Sätze aus dem Ausland wie die von Bundesaußenminister Heiko Maas, das Ganze sei kein Akt der Völkerverständigung, würden Erdogan nach Meinung von Brakel nicht sonderlich beeindrucken.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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