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StartseiteForschung aktuellWie lässt sich das Containerschiff "Ever Given" bergen?26.03.2021

Havarie im SuezkanalWie lässt sich das Containerschiff "Ever Given" bergen?

Ein 400 Meter langes Containerschiff steckt im Suezkanal fest - und blockiert die wichtige Meeresstraße, durch die sonst zehn Prozent der weltweiten Seefracht fährt. Wie das Schiff geborgen werden soll, ist noch nicht ganz klar. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, denn schon jetzt warten Hunderte Schiffe auf die Weiterfahrt.

Piotr Heller im Gespräch mit Christiane Knoll

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Schlepper vor dem auf Grund gelaufenen Containerschiff "Ever Given" im Suezkanal (Foto: Suez Canal Authority via AP)
Schlepper versuchen das Containerschiff "Ever Given" im Suezkanal zu befreien. (Foto: Suez Canal Authority via AP)

Wer ist dafür zuständig, die "Ever Given" wieder zu befreien?

Wie genau das Schiff von dort wegkommen soll, ist noch nicht ganz klar. Aber bekannt ist zumindest, wer es aus dieser Situation befreien soll: Das ist die niederländische Bergungsfirma Smit, ein fast legendäres Unternehmen. Es hat damals die Kursk geborgen, das gesunkene russische Atom-U-Boot, und auch die Costa Concordia im Mittelmeer.

Stellt die Bergung im Suezkanal eine Herausforderung für die Experten dar?

Absolut, aber vielleicht nicht so, wie man denkt. Die Herausforderung ist die Zeit. Ein Stau aus mehreren Hundert Schiffen hat sich gebildet, der jeden Tag Fracht im Wert von acht Milliarden Euro blockiert. Daher muss es jetzt schnell gehen. Rein technisch gesehen hat Smit vor fünf Jahren einen ähnlichen Fall gehabt. Da war die Indian Ocean – ein ähnlich großes Schiff – in der Elbe auf Grund gelaufen. Aber sie hat eben nicht die Elbe blockiert. Die Experten konnten also in aller Ruhe die nötigen Hilfsschiffe organisieren, den Boden ausgraben, wo sie drinsteckte, auf günstige Gezeiten warten. Und als alles bereit war, zogen sie sie mit zwölf Schleppern raus.

Wie soll das Containerschiff im Suezkanal nun geborgen werden?

Man muss sich erstmal vorstellen, wie die "Ever Given" feststeckt. Wir schauen von oben auf das Schiff und halten uns ein Ziffernblatt vor Augen. Der Suezkanal geht praktisch von unten sechs Uhr hoch zur zwölf. Der Bug der "Ever Given", also die Spitze, zeigt auf zwei Uhr, das Heck auf acht Uhr. So verdreht ist sie. Um sie wieder freizubekommen, muss man sie gegen den Uhrzeigersinn drehen und gleichzeitig nach hinten ziehen.

Der Chef von Smit hat das Schiff mit einem gestrandeten Wal verglichen. Und jetzt stellen wir uns mal vor, wir ziehen kräftig am Schwanz von diesem Wal. Dann kann es passieren, dass der Schwanz ins Meer zurückgezogen wird, der Rest des Wals an Land bleibt. Und das ist hier ähnlich: Der Kanal hat einen V-förmigen Querschnitt. Die "Ever Given" liegt vorne und hinten auf. Das sind Belastungen, für die so ein Schiff nie konstruiert wurde.

Was weiß man denn über ihren Zustand?

Das war das erste, was die Bergungsexperten nach ihrer Ankunft vor Ort gemacht haben sollen: das Schiff zu untersuchen. Und die gute Nachricht ist: Sie ist nicht beschädigt. Aber das muss auch so bleiben. Deshalb werden die Experten bei den nächsten Schritten immer die Kräfte im Kopf haben müssen, die auf das Schiff wirken. Und diese Schritte sind: Ballastwasser und Sprit abpumpen, damit es sich ein bisschen hebt. Außerdem Sand und Schlamm vom Bett des Kanals abtragen, um das Schiff praktisch auszugraben. Dafür sind Baggerschiffe im Einsatz, die 2000 Kubikmeter Material pro Stunde abtragen können.

Dann soll ein Ankerziehschlepper das Schiff nach hinten wegziehen. Das ist ein spezielles Schiff, das eigentlich festgefahrene Anker, die sich in den Meeresboden eingegraben haben, dort wieder rausbricht. Dieses konkrete Schiff, das da jetzt zum Einsatz kommen wird, kreuzte übrigens gerade glücklicherweise südlich vom Suezkanal, denn da wird es ja nun auch gebraucht, um die Ever Given dann nach hinten zu ziehen. Nördlich hätte es nicht so viel geholfen.

Wann wird es denn so weit sein?

Da wollte der Sprecher keine Prognosen machen. Aber: Am Montag und Dienstag wäre ein optimaler Zeitpunkt. Da wird während der Flut die Tide im Suezkanal etwa 30 Zentimeter höher sein als heute. Nur: Es ist halt nicht klar, ob die ganzen anderen Arbeiten bis dahin abgeschlossen sind. Falls nicht, wird die Tide wieder sinken. Und das heißt: Noch mehr Sand und Schlamm ausbaggern, noch mehr Gewicht vom Schiff bekommen, um es zu bewegen. Da müssen dann die Container runter. Und dafür müsste man speziell schwimmende Kräne organisieren und zum Suezkanal bringen.

Wie stehen die Erfolgsaussichten?

Die Reederei, die die "Ever Given" betreibt, hat gerade zwei Schiffe, die eigentlich durch den Suezkanal sollten, umgeleitet und schickt sie um das Kapp der Guten Hoffnung. Das ist ein Umweg von einer Woche. Andere Reedereien tun das gleiche. Also: Die wetten darauf, dass zumindest der Stau noch länger anhält. 

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