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Havelange wird 100
Visionär und oberster Pate des Fußballs

Er hat die Sportgeschichte des 20. Jahrhunderts geprägt: João Havelange. Der Brasilianer war vor Sepp Blatter über 24 Jahre Präsident der FIFA. Dazu war er lange das einflussreichste Mitglied des IOC und überzeugte viele Mitglieder noch 2009, für die Spiele 2016 in seiner Heimatstadt Rio zu stimmen.

Von Carsten Upadek | 07.05.2016

epa02761518 Former FIFA president Joao Havelange is pictured prior to the 61st FIFA Congress held at the Hallenstadion in Zurich, Switzerland, Wednesday, 01 June 2011. EPA/ALESSANDRO DELLA BELLA |
Havelange beim 61. FIFA-Kongress in Zürich 2011 (dpa/picture-alliance/Alessandro Della Bella)
Der einst mächtigste Sportfunktionär der Welt lebt heute zurückgezogen in seinem Apartment im vornehmen Strandviertel Ipanema. Bis vor ein paar Jahren besuchte er täglich Rio de Janeiros exklusiven Country-Club nebenan, um Freunde zu treffen und um seine Bahnen im Schwimmbecken zu drehen. Nun habe sich sein Gesundheitszustand deutlich verschlechtert, berichtet dem Deutschlandfunk ein brasilianischer Sport-Funktionär, der Havelange vor kurzem besucht hat.
Er sei sehr schwach, verlasse sein Apartment nur noch für Arztbesuche und habe einen 1,98 Meter großen Pfleger, der ihn den ganzen Tag betreue. Mit Namen möchte der Funktionär nicht genannt werden, weil er nicht mit dem Dunstkreis der Korruptionsvorwürfe assoziiert werden möchte, der den kläglichen Abgang des João Havelange begleitet hat.
Teil des ISL-Schemas
Ende 2011 trat er nach 48 Jahren erst als Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zurück und 2013 als Ehrenpräsident des Fußball-Weltverbandes. Gegen ihn und andere FIFA-Funktionäre hatte die Schweizer Justiz im Korruptionsfall um die Sportvermarktungsfirma ISL ermittelt.
"Es ist belegt, dass er Teil des Schemas war", sagt der bekannte brasilianische Sportjournalist Silvio Barsetti. "Ob er ein Verbrechen begangen hat ist offen, weil er eine Vereinbarung mit der Schweizer Justiz getroffen hat. Er und andere haben einige Millionen zurückbezahlt und die Justiz hat das Verfahren eingestellt. Aber selbst wenn Havelange kein Verbrechen begangen hat, ist das keine Szene, die zu einer korrekten, transparenten Person passt und beschmutzt mindestens seine Geschichte!"
"Ich scheiß´ auf Pelé!"
Sein Aufstieg - imposant: als Sohn eines belgischen Einwanderers wurde Jean-Marie Faustin Goedefroid de Havelange 1916 in die brasilianische Elite hineingeboren. Als Schwimmer nahm er 1936 an den Olympischen Spielen in Berlin teil und 1952 als Wasserballer in Helsinki. Neben dem Sport studierte er Jura und stieg in seiner Heimat Brasilien parallel als Geschäftsmann und Sportfunktionär auf: 1956 war er Olympia-Delegationsleiter, im gleichen Jahr erst Vize- und ab 1958 Präsident des brasilianischen Sportverbandes. Havelange gilt als Vater des ersten brasilianischen Fußball-WM-Titels 1958 in Schweden mit dem damals erst 17jährigen Jahrhundertfußballer Pelé.
Havelange: "Immer Pelé, Pelé! Ich scheiß´ auf Pelé!", schimpft Havelange. "Pelé war nur ein Spieler 1958. Niemand wollte ihn mitnehmen, weil er erst 17 Jahre alt war, ein Kind. Ich musste jeden Einzelnen überzeugen. Er war ein Niemand, ein Spieler, der auf den Platz kam und Bälle abstaubte."
Die Aufnahmen gehören dem Journalisten Ernesto Rodrigues. Er veröffentlichte 2007 Havelanges Biographie "Schweres Spiel" und 2013 über deren Entstehung den Dokumentarfilm "Gespräch mit JH". Rodrigues erzählt: "Ich habe das nicht für möglich gehalten, aber mit meinen eigenen Augen einen tiefen Neid gesehen, eine tiefe Missgunst von Havelange gegenüber Pelé auf dessen Erfolg und Bedeutung. Beim bloßen Erwähnen des Namens in SEINER Biographie ist er fuchsteufelswild geworden."
Dabei half Pelé Havelange 1974 zur FIFA-Präsidentschaft, was der aber abstreitet. Er habe nie um Gefallen gebeten. Pelé selbst erinnert sich in der Doku anders – ein Kontaktmann habe ihm gesagt: "Präsident Havelange würde gern mit Ihnen darüber sprechen, ob es Ihnen möglich wäre, ihn zu unterstützen?! Er könnte der erste brasilianische Fifa-Präsident werden. Das wird schwierig, aber mit Ihnen könnten wir die Stimmen Afrikas und Latein-Amerikas gewinnen."
Biograf Rodrigues: "Vereinbarungen wie bei der Mafia"
Havelange bekam die Stimmen und den FIFA-Thron und blieb darauf 24 Jahre sitzen. In dieser Ära machte er aus einem europäisch-geprägten kleinen Club den größten Verband der Welt. Er erhöhte die WM-Teilnehmerzahl, fädelte Sponsorenverträge ein und vermarktete TV-Lizenzen für Millionen. Dabei führte er die FIFA autokratisch, so Biograf Rodrigues. Allein Havelange hatte das Sagen. Sein wichtigster Alliierter: Adidas-Chef Horst Dassler.
"Zwischen ihm und Horst Dassler gab es Handschläge über Milliarden-Verträge, keine Unterschriften. Vereinbarungen wie bei der Mafia. Havelange schämte sich nicht mal zu sagen, er sei immer der Freund seiner Freunde gewesen und der Feind seiner Feinde. Was zählte, war Freundschaft, nicht Kompetenz", sagt Rodrigues.
Zwei von Havelanges engsten Freunden waren Ricardo Teixeira und Sepp Blatter. Der erfolglose Finanz-Manager Teixeira hatte Havelanges geliebte Tochter geheiratet. Aus ihm machte Havelange den allmächtigen Präsidenten des brasilianischen Fußballverbandes. 2012 musste Teixeira wegen Korruptionsvorwürfen zurücktreten. Heute ermittelt die US-Justiz gegen ihn im FIFA-Korruptionsskandal. Blatter kam über Adidas zur FIFA. 1981 wurde er Generalsekretär und 1998 Nachfolger von Havelange als Präsident des Fußball-Weltverbandes. Blatter ist seit Ende 2015 vom FIFA-Ethikrat gesperrt und seit Ende Februar als Präsident abgelöst.
Beckenbauer: "Besser, Havelange als Freund zu haben!"
"Der Turning-Point, der Moment, in dem die Vorherrschaft von Havelange in der FIFA einen Bruch erlitt, war die Entscheidung um die WM 2002", erzählt Rodrigues. "Er hatte sie den Japanern versprochen." Die Europäer waren für Südkorea und zwangen Havelange – inzwischen Ehrenpräsident der FIFA – eine gemeinsame Ausrichtung zu unterstützen. "Das war das erste Mal, dass er fühlte, nicht mehr jene Macht eines Imperators zu haben."
Bis Havelange 2011 der ISL-Skandal einholte, zog er jedoch hinter den Kulissen weiter Fäden, erinnert sich ein damals gut gelaunter Franz Beckenbauer: "Havelange hat noch einen hohen Einfluss! Er ist in allen Konföderationen. Sie laden ihn als Ehrengast ein. So ist Havelange, er dealt hier etwas, hilft seinen Freunden da etwas. Also, es ist besser, ihn als Freund zu haben", lacht der Kaiser – das war bevor gegen ihn selbst ermittelt wurde wegen der WM-Vergaben 2018 und 2022 und der DFB-Affäre über Schmiergeldzahlungen im Kontext der WM 2006.
Eingeschüchterter Biograf
Was passiert, wenn man nicht zu den Freunden Havelanges gehört, hat dessen Biograf erlebt. Teile des Originalmanuskripts, die Ernesto Rodrigues in Recherchen zusammengetragen hatte, erzürnten Havelange. "Es war sehr aufreibend. Jeden Satz, der ihm nicht gefiel, strich er durch, zerriss Seiten. Informationen engster Freunde nannte er Lügen. Er beschimpfte mich. Er ist ein sehr großer Mann, hat eine raue Stimme und ein böses Gesicht. Seine Art zu reden ist herrisch. Ich war wirklich eingeschüchtert!"
Havelange in den Mitschnitten: "Das hier will ich nicht! Das ist nur Scheiße!" Oder: "Bei Gott, so sehe ich mich nicht! So wird das Buch nicht erscheinen. Warte bis ich sterbe, dann kannst Du machen was Du willst! Leck mich am Arsch!"
Das Erbe des Fußball-Regenten
1999 wählte ihn das IOC zu einem der drei bedeutendsten Sport-Funktionäre des 20. Jahrhunderts. Biograf Rodrigues meint, er habe aus dem Weltfußball das gemacht, was er heute ist, im Guten wie im Schlechten: "Der João Havelange, der eine Art oberster Mafia-Pate des Fußballs war, lässt sich nicht trennen von dem Visionär, der einen Weltfußball mit unbestreitbar guter Organisation erschaffen hat."
Ganz bescheiden begeht der ehemalige Regent des Weltfußballs am 8.5. seinen 100. Es heißt, eingeladen sind nur engste Familienangehörige.
Die Audiofassung enthält die gekürzte Fassung des Beitrags, zum Nachlesen stellen wir Ihnen die ausführliche Version zur Verfügung.