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StartseiteKultur heute"Die Wohlgesinnten" in Antwerpen25.04.2019

Hèctor Parras vertont Jonathan Littell"Die Wohlgesinnten" in Antwerpen

Als Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten" erschien, löste er eine Debatte aus: Darf der Held eines Romans über den deutschen Vernichtungskrieg intelligent, charmant und schwul sein - und ein sadistischer Massenmörder? Das Werk wurde ein internationaler Erfolg. Jetzt ist es in Antwerpen als Oper zu sehen.

Von Uwe Friedrich

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Szene aus "Les Bienveillantes": Zwei Schauspieler sprenkeln mit Schläuchen Wasser auf die völlig verdreckte Bühne und die darauf stehenden Schauspieler. (Annemie Augustijns / Operaballet Vlaanderen)
Spektakuläres Szenenbild von Hèctor Parras Oper nach dem Roman von Jonathan Littell (Annemie Augustijns / Operaballet Vlaanderen)
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Uraufführung "Die Wohlgesinnten" Der Skandal blieb aus

Vollkommen ungerührt erschießt Maximilian Aue kurz vor Kriegende in einem Berliner U-Bahnschacht auch noch Thomas Hauser, der ihn gerade vor den Kriminalkommissaren Clemens und Weser gerettet hat. Weil er es kann, weil es ihm Spaß macht oder weil es ihm einfach egal ist. Ob in Babi Jar, in Stalingrad oder Auschwitz, Maximilian Aue ist ein belesener und eloquenter Sadist, ein Bildungsbürger und Massenmörder. Zudem ist er in einer inzestuösen Beziehung seiner Zwillingsschwester zugeneigt, bringt aus tiefsitzendem Hass grausam Mutter und Stiefvater um. Schon der Autor Jonathan Littell hat den Helden seines Romans "Die Wohlgesinnten" mit viel literarischem Ballast beladen, und Librettist Händl Klaus erhält die zahlreichen Anspielungen auf die Orestie, den "Ring des Nibelungen" und barocke Passionsrhetorik. Ansonsten hat er beherzt Personen und Schauplätze gestrichen, die ausufernde Geschichte auf ein operntaugliches Maß gestutzt und mit einer singbaren Kunstsprache neu gefasst.

Traditionsbewusste Komposition nach barocken Mustern

Der katalanische Komponist Hèctor Parra nutzt diese Vorlage zu einer ebenso kunstvollen wie traditionsbewussten Komposition, die von meditativen Klangflächen bis zu brutalen Orchestereruptionen reicht. Schon die Kapitel von Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten" sind mit den Satzbezeichnungen einer barocken Tanzsuite überschrieben, der Bachverehrer Hèctor Parra orientiert sich ebenfalls an barocken Mustern. Wie in einer Passion wechseln sich der Ich-Erzähler Maximilian Aue und der Chor ab mit der Schilderung grauenhafter Ereignisse. Die muss Regisseur Calixto Bieito dann gar nicht mehr so explizit zeigen wie man es von dem einstigen Skandalregisseur vielleicht erwartet hätte.

Im weißen Einheitsraum von Bühnenbildnerin Rebecca Ringst werden die Orte nicht mal angedeutet, dennoch sind die Bilder zumindest bis zur Pause so stark, dass eine einzelne nackte Frau mit Schlinge um den Hals oder ein einzelner stürzender nackter Mann vollkommen ausreichen, um das Grauen des nationalsozialistischen Vernichtungsfeldzugs auf die Opernbühne zu bringen. Nach der Pause zerfasert die Aufführung jedoch merklich. Die Sänger stehen nun eher unbeholfen an der Rampe, in Länge und Breite werden der Inzest von Maximilian Aue und seiner Schwester Una erörtert. Das hätte gerne die Wucht von Georges Batailles Obszönitäten, bleibt aber in abgegriffenen Pornoklischees stecken.

Monsterpartie Maximilian für Tenor Peter Tantsits

Gegen Ende zieht sich der Abend doch erheblich, was ausdrücklich nicht am Dirigenten Peter Rundel liegt, der die Partitur stramm im Griff hat und das Orchester sehr präzise spielen lässt. Auch der Tenor Peter Tantsits ist nur zu bewundern für die Souveränität, mit der er die Monsterpartie des Maximilian Aue beherrscht. Ohne Ermüdungserscheinungen, klangschön und vorbildlich textverständlich ist er die gesamten dreieinhalb Stunden Aufführungsdauer präsent und hält den Abend zusammen. Natascha Petrinsky ist eine verzweifelte Mutter von Klytämnestra-Format, der Bariton Günter Papendell ein hinreißend naiver Thomas Hauser. Insgesamt wird sehr gut gesungen in Antwerpen, und deutschsprachige Besucher müssen nicht umständlich auf die Übertitel starren. Auch das ein Indiz, wie gut Hèctor Parra für Stimmen schreiben kann. Eine halbe Stunde weniger hätte allerdings vollkommen gereicht, und so mischt sich wohl auch ein bisschen Erleichterung in den begeisterten Schlussapplaus.

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