Forschung aktuell 29.05.2020

Heidelberg-StudieWieder Streit um eine Studie zu CoronaVon Volkart Wildermuth

Beitrag hören Eine Frau trägt eine Maske zum Schutz gegen das neuartige Coronavirus, während sie auf einer Bank sitzt und die Bildzeitung liest.Die Titelschlagzeile lautet: "Heute Corona-Kehrtwende!". (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)Seit Wochen berichten Medien über die Coronakrise - die "Bild"-Zeitung greift dabei den Virologen Christan Drosten an (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)

Wissenschaft findet meist eher im Verborgenen statt. In Coronazeiten ist das anders. Studien-Ergebnisse wie etwa die zum Infektionsrisiko von Kindern aus Heidelberg werden umgehend öffentlich diskutiert. Zwar fesselt dieser Streit das Publikum, aber was bedeutet das für die Wissenschaft?


Was hat es mit den neuen Studien über das Infektionsrisiko von Kindern auf sich?

Die Untersuchung wird von den Unikliniken Heidelberg, Tübingen, Freiburg und Ulm erstellt, berichten die Dlf Nachrichten. Sie werde zwar noch ausgewertet, gibt der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann zu. Aber die Landesregierung habe auf Grundlage der ersten Ergebnisse entschieden. Und die lauteten: Kinder würden anscheinend nicht nur seltener krank, sondern seien wohl auch seltener infiziert als Erwachsene.

Die Autoren der gemeinsamen Stellungnahme halten das Übertragungsrisiko durch Kinder für gering. So heißt es in dem Papier: "Verschiedene Untersuchungen ergeben ein zunehmend schlüssiges Bild, dass Kinder in der aktuellen CoVid-19-Pandemie im Gegensatz zur Rolle bei der Influenza-Übertragung keine herausragende Rolle in der Ausbreitungsdynamik spielen." Insbesondere bei Kindern unter zehn Jahren würden die Daten sowohl für eine geringere Infektions- als auch für eine deutlich geringere Ansteckungsrate sprechen. Die Schlussfolgerung lautet: "Schul- und Kita-Schließungen haben wahrscheinlich nur eine geringe Effektivität auf die weitere Infektionsausbreitung." Allerdings heißt es auch, es gebe noch keine ausreichenden Belege über die Ursache dieser geringeren Virus-Transmission.

An diesem Punkt setzen derzeit mehrere Untersuchungen an. Rund 5.000 Kinder in Düsseldorfer Kitas sollen getestet werden, um herauszufinden, wie ansteckend Kinder sind. Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) umfasst die Studie gleich 6.000 Kinder. Die Leiterin der Untersuchung und Direktorin der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des UKE, Ania Muntau, sagte:

"Ich habe mich immer sehr gewundert über die Sicherheit, mit der die Aussage auch in der Öffentlichkeit getätigt wurde, dass Kinder nicht erkranken." Es gebe dazu keine Evidenz, weil das niemals umfassend und in die Tiefe untersucht worden sei. Muntau glaubt: "Das ist eine absolut offene Frage, ob Kinder erkranken und wie häufig und wie schwer sie erkranken."

Weshalb wird ein Disput über die Aussagekraft einer wissenschaftlichen Studie auf offener Bühne ausgetragen?

Wissenschaft lebt vom Streit, von der Auseinandersetzung um Daten und Analysen. Das geht oft unter, weil die meisten Wissenschaft nur aus dem Schulbuch kennen. Und dort wirkt wie ein fest gefügtes Haus, mit Fundamenten, an denen nicht zu rütteln ist. Aber das ist eben ein Blick in die Vergangenheit. Lebendige Wissenschaft gleicht eher eine Sprungprozession: Es geht zwei Schritte voran, dann wieder einen zurück. Und das heißt eben nicht, dass die Forschung grundsätzlich nicht verlässlich ist. Es ist gerade ihre Stärke, dass sie Fehler erkennt und korrigiert.

maischberger. die woche am 29.01.2020 im WDR Studio BS 3 in Köln Der Virologe Alexander S. Kekule zu Gast in der ARD Talkshow maischberger. die woche am 29.01.2020 in Köln. *** maischberger die woche on 29 01 2020 at the WDR Studio BS 3 in Cologne Virologist Alexander S Kekule guest on the ARD talk show maischberger die woche on 29 01 2020 in Cologne xRx (imago images | Revierfoto) (imago images | Revierfoto)Virologe Kekulé zu Drosten-Studie - "Auf der Auswertungsseite sind ein paar Fragezeichen dran"
Der Virologe Alexander Kekulé hat eine Veröffentlichung seines Kollegen Christian Drosten, wonach durch das Coronavirus infizierte Kinder wahrscheinlich genauso ansteckend sind wie Erwachsene, infrage gestellt. "Wir wissen durch die Studie weder mehr noch weniger", sagte Kekulé im Dlf.

Die derzeitige Diskussion vermittelt ein völlig falsches Bild von Wissenschaft und deshalb ist sie problematisch. Es geht eben nicht um den einen Befund, es kommt auf das Gesamtbild an und dieses Bild ist im Fluss, weil die Krankheit noch so neu ist und es ständig überraschende Einsichten gibt, die Forscher und Politiker dazu bringen, neu nachzudenken, neu einzuschätzen und neu zu entscheiden.

Fehler zu erkennen und zu korrigieren ist die Stärke der Wissenschaft. Ihr genau das vorzuwerfen, ergibt keinen Sinn. Und deshalb ist es wichtig, das Bild von der Wissenschaft in den Köpfen zu verändern.

Wie läuft die wissenschaftliche Diskussion in normalen Zeiten ab?

In ruhigen Zeiten stößt zum Beispiel Christian Drosten auf eine interessante Spur. Er macht Experimente, die Ergebnisse sind erst mal verwirrend, es kommen Kontrollexperimente hinzu und schließlich ist er sich seiner Sache sicher. Er würde auf Konferenzen darüber sprechen, da gibt es Diskussionen, Anregungen, Kritik. Die nimmt er auf und schreibt ein Manuskript. Das wird an wissenschaftliche Verlage geschickt. Die versenden es weiter an Gutachter. Die finden vielleicht Schwachpunkte, fordern zusätzliche Daten. Am Ende gibt es eine Veröffentlichung, ein Mosaiksteinchen der Wissenschaft. Aber das ist nicht in Stein gemeißelt. Es gibt fast immer andere Forschergruppen, die das ganz anders sehen und eigene Veröffentlichungen dagegenstellen. Und erst nach Jahren findet sich dann oft ein Konsens, der es dann vielleicht in ein Schulbuch schafft. Aber vorher hat es viele, viele Auseinandersetzungen gegeben. COVID-19 hat dieses System aus dem Gleichgewicht gebracht.

Christian Drosten ist Direktor am Institut für Virologie der Charité Berlin (Imago/ phototek/ Janine Schmitz) (Imago/ phototek/ Janine Schmitz)Virologe Drosten - "Im Alltag eher aufs Lüften konzentrieren als auf ständiges Desinfizieren"
Die Übertragung des Coronavirus durch Aerosole, also Schwebeteile in der Luft, gerät immer mehr in den Fokus. Sie könnte gleichbedeutend mit der Tröpfchenübertragung sein, sagte der Virologe Christian Drosten im Dlf. Regelmäßiges Lüften könne das Risiko einer Aerosol-Übertragung verringern.

Worin unterscheidet sich die aktuelle Diskussion?

Das Neue in Zeiten von Corona ist jetzt: Wissenschaftler, die normalerweise über Jahre an einem Thema forschen, wollen ihre Ergebnisse möglichst schnell verfügbar machen, damit alle davon profitieren. Sie laden Zwischenergebnisse auf sogenannte Pre-Print-Server hoch. Eigentlich soll so die Gemeinde der Wissenschaftler Kommentare abgeben, es findet sozusagen eine Live-Begutachtung statt. Aber die Artikel werden in der Covidkrise eben auch von Journalisten gelesen und von der Öffentlichkeit. Das ist das Neue. Obwohl da dicke Warnungen stehen, die die Ergebnisse als vorläufig kennzeichnen, wird das dann als schon gesichertes Wissen interpretiert. Und das stimmt so einfach nicht.

Sind Dinge, die auf Pre-Print-Servern wie BioRxiv oder MedRxiv stehen, wahrscheinlich falsch?

Nicht falsch in dem Sinne, dass ein Wissenschaftler bewusst gefälscht hat, sondern im Sinne von vorläufig. Christian Drosten hat seine Daten auf diesem Weg zur Verfügung gestellt, weil er glaubt, dass sie wichtig sind für die politische Debatte um die Schulschließungen.

Sie wurden kritisiert von Statistikern, er will die Kritik aufnehmen und die Daten dann auch als ganz normales wissenschaftliches Manuskript einreichen. So funktioniert Wissenschaft. Wer daraus einen Skandal konstruiert, hat nicht verstanden, wie Forschung abläuft. Christian Drosten hat im Laufe der COVID-19-Pandemie schon mehrfach seine Meinung korrigiert, etwa zu Schulschließungen und zur Bedeutung der Masken. Aber eben nicht, weil er wankelmütig ist, sondern weil neue Daten vorlagen. Er stellt immer heraus, was gesichert ist und was noch nicht. Er verweist auch immer darauf, dass diese Studie eben nur ein Mosaikstein ist und dass man auf die gesamte Datenlage gucken muss.

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

Es gibt auch Forscher, die direkt an die Öffentlichkeit gegangen sind, zum Beispiel Hendrik Streeck aus Bonn mit seiner Heinsberg-Studie. Wie ist das zu bewerten?

Hendrik Streeck hat seine ersten Ergebnisse über die vom Coronavirus SARS-CoV-2 betroffene Gemeinde Gan­gelt (Kreis Heinsberg) in der sogenannten Heinsberg-Studie auf einer Pressekonferenz vorgestellt. Dafür ist er heftig kritisiert worden, weil es da kaum Möglichkeiten gab, die Daten kritisch zu hinterfragen.

In Baden-Württemberg hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann gleich das nächste Level eingeläutet: Er verkündete die Vorabergebnisse der Heidelberger Studie zur Rolle der Kinder bei COVID gleich ganz ohne die beteiligten Wissenschaftler. Diese Art der Kommunikation ist problematisch, denn anders, als bei den Pre-Print-Artikeln sieht man gar nicht, welche Daten und Methoden zu den Schlussfolgerungen führten. Bei allem Verständnis für den Wunsch der Politik nach Tempo: Darauf sollten sich Wissenschaftler nicht einlassen.

Der Virologe Hendrik Streeck bei der Vorstellung der sogenannten Heinsberg-Studie zur Coronavirus-Ausbreitung (picture alliance/ Flashpic/ Jens Krick) (picture alliance/ Flashpic/ Jens Krick)Heinsberg-Studie - Wo sich die Wissenschaft angreifbar macht
Vorschnelle Veröffentlichung von Forschungsergebnissen und PR mit politischer Agenda: Die Kritik an der Heinsberg-Studie des Virologen Hendrik Streeck zur Coronavirus-Ausbreitung offenbart, welche Anforderungen derzeit an Wissenschaft gestellt werden und welche Rolle Wissenschaftskommunikation dabei spielt.

Ist Druck auf die Forscher, schnelle Ergebnisse zu liefern, zu groß?

Der Druck auf die Wissenschaftler ist groß, sofort Klarheit zu liefern. Die Studie von Hendrik Streeck war groß angekündigt, eben weil sie praktisch relevante Ergebnisse liefern sollte. Öffentlichkeit und Politik wollten die Ergebnisse wissen. In einer solchen Situation ist es für Forscher schwierig auf die Zukunft zu verweisen, bis sie tatsächlich belastbare Daten haben. Sie müssen dann mit vorläufigen Ergebnissen an die Öffentlichkeit, auf die Gefahr hin, diese später – im Licht neuer Erkenntnisse – korrigieren zu müssen.

Dennoch: Es ist sicher besser, die Politik beruht auf vorläufigen Daten, auch wenn die sich später zum Teil als falsch herausstellen, als dass die Entscheidungsträger nur aus dem Bauchgefühl heraus reagieren. Wohin das führen kann, sieht man an dem Verhalten von US-Präsident Donald Trump oder des brasilianischen Staatsches Jair Bolsonaro. In Krisensituationen ist die Wissenschaft gezwungen, vorläufige Ergebnisse zu liefern. Das galt bei der Reaktorkatastrophe in Fukushima und das gilt jetzt bei COVID-19.

Im "Tagesspiegel" hat sich Alexander Kekulé auf fast einer ganzen Seite mit der Studie von Christian Drosten auseinandergesetzt. Wie ist das zu bewerten?

Die Studie von Drosten ist nur ein Mosaikstein beim Thema Kinder und COVID-19. Durch die Berichterstattung des "Tagesspiegel" wird die Bedeutung einer einzigen Studie aufgebauscht in Bezug auf ihre Bedeutung für die Wissenschaft und ihren Einfluss auf die Politik. Es gibt keinen Politiker, der gesagt hätte, wegen dieser Studie machen wir die Schulen nicht auf. Die Politiker hören auf die Forschung, aber sie berücksichtigen auch andere Stimmen - und das zurecht.

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