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StartseiteTag für TagTebartz' später Erfolg11.10.2018

Heiligsprechung Tebartz' später Erfolg

Am Sonntag wird Katharina Kasper heiliggesprochen. Die Ordensfrau aus dem Westerwald setzte sich für Arme ein. Für die Ehrung hatten sich der frühere Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst und sein Generalvikar stark gemacht, unter anderem mit Besuchen bei Kaspers Nachfolgerinnen in Indien.

Von Anke Petermann

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Bildnis der Nonne Maria Katharina Kasper, das bei ihrer Seligsprechung 1978 den Petersdom schmückte (dpa/ UPI)
Maria Katharina Kasper wurde 1978 im Petersdom seliggesprochen, jetzt soll ihre Heiligsprechung erfolgen (dpa/ UPI)
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"Sie war ja ein einfaches Bauernmädchen ohne große schulische Bildung, und trotzdem hat sie es geschafft, junge Frauen zu begeistern für - ja natürlich damals - Krankenpflege, Kindererziehung. Das was sie vollbracht hat, ist toll, erfüllt uns mit Stolz!", sagt Birgit Wagner.

Mitten in Dernbach, unweit vom Mutterhaus der "Armen Dienstmägde Jesu Christi", schwärmen Passantinnen von Ordensgründerin Katharina Kasper und deren Heiligsprechung in Rom. "Ja, hier im Dorf ist das ja ein ganz großes Thema, weil sie ja die erste war, die einen Kindergarten errichtet hat", sagt Eva Jung.

"Motivierte zum Dienst an den Ärmsten der Armen"

Genauer: eine Kinder-"Bewahranstalt" für Verwaiste: Denn im Zuge der Armuts-Auswanderung nach den napoleonischen Kriegen blieben viele Kinder allein zurück, weiß Matthias Theodor Kloft, Direktor des Diözesanmuseums Limburg.

"Der Westerwald kennt im 19. Jahrhundert noch Hungersnot, und nach der Säkularisation sind gerade im katholischen Bereich durch die Aufhebung der Klöster die alten karitativen Organisationen zusammengebrochen."

Armenhilfe und Pflege fehlen. Katharina Kasper stammt aus einer zehnköpfigen Bauernfamilie und erkennt die Missstände, so Professor Kloft:

"Eine Frau, die nur schwach gebildet war, schafft es, dass Mädchenbildung auch in die Armutsgegenden kommt."

"Wunder hat die Katharina ganz viele gewirkt", sagt der Limburger Bischof Georg Bätzing. "Wie es gelingen kann, innerhalb von 30 Jahren 1.700 Frauen zu einem Leben im Dienst an den Ärmsten der Armen zu motivieren, das ist für mich das viel größere Wunder als das medizinische, das da geschehen ist."

Heiligsprechung: Der auferstandene Ordensbruder

Damit meint der Bischof die Wunderheilung in Indien, die Papst Franziskus für die Heiligsprechung anerkannte. Der indische Ordensbruder Leo war nach einem Auto-Unfall mit Kopfverletzung und inneren Blutungen im November 2011 für klinisch tot befunden worden. Doch nachdem Schwestern Katharina im Gebet anriefen, soll der Tote zum Leben erwacht sein. Da wird die Geschichte für manchen zu wundersam, sogar an Katharinas Heimatort Dernbach.

"Ich bin ein bisschen skeptisch. Ich kann's nicht nachvollziehen."

"Das kommt mir schon seltsam vor."

Unterwegs in Dernbach: Mit den Menschen im Gespräch über die Heiligsprechung

In einer Privataudienz beim Papst hatte der Limburger Ex-Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst die Heiligsprechung im Februar 2012 beantragt. Damals aber fehlte noch das nötige Wunder. Kurz vorher, im Januar, waren Tebartz und sein Generalvikar Kaspar wieder einmal nach Indien gejettet, um soziale Projekte der Dernbacher Schwestern zu unterstützen, hieß es. Franz Kaspar, Nachfahre von Katharina, hatte das schon so oft getan, dass er Bonusmeilen übrig hatte. Beim erneuten Indien-Flug Anfang 2012 verwandelte er diese in ein First-class-Upgrade für Tebartz und sich. Das leugnete der Bischof zunächst, "Spiegel-Online" spottete über ein "Upgrade-Wunder".

"Für mich war es das Schlimmste, was der Bischof damals gemacht hat, die Lüge mit dem Flugzeug", sagt Winfried Himmerich, der im Projektchor Heiligsprechung mitsingt. 

"Halleluja."

Wunder-Lobbyismus

Bei der Indien-Reise von Tebartz und Kaspar sei es "auch um ein Wunder der Ordensgründerin unserer Dernbacher Schwestern" gegangen, zitiert der "Spiegel" den damaligen Bischof. Erst später stellt sich heraus: Das Wunder, von dem Tebartz beim Papst-Besuch noch nichts wusste, soll sich unmittelbar vorher in Indien ereignet haben. Kann es sein, dass die beiden Würdenträger nachgeholfen haben? Bischof Georg Bätzing weist das zurück. Zentral für die Heiligsprechung sei, dass Katharina vom Volk verehrt werde. Aber:

"Wenn niemand den Willen anstrengt, dass jemand selig- oder heiliggesprochen wird, dann geschieht auch nichts. Lobby-Arbeit ist notwendig, Lobby-Arbeit fürs Gute ist auch nichts Schlimmes."

Franz-Peter Tebartz-van Elst blickt nach oben.  (picture alliance / dpa / Boris Roessler)Tebartz-van Elst hat sich für die Heiligsprechung der seligen Katharina eingesetzt (picture alliance / dpa / Boris Roessler)

Doch wie weit darf sie gehen? Kritiker urteilten, die gesamte Amtsführung von Bischof Tebartz habe "auf Lüge" beruht. Daher drängen sich auch an seinem Wunder-Lobbyismus Zweifel auf. Bischof Bätzing teilt sie nicht.

"Es braucht eine unabhängige Mediziner-Kommission, wo auch nicht nur Katholiken drin sind, es braucht Zeugnisse, notarielle Bestätigungen, Urkunden. Das wird gehoben auf die Ebene einer Unabhängigkeit der Bezeugung, das ist wichtig."

Diese Untersuchung gewährleiste auch, glaubt der Kirchenrechtler Thomas Schüller, dass Katharinas Engagement für Waisen-Kinder untadelig war.

"Es wird die 'Bewahrung' gewesen sein, unter den Maßstäben, wie man Pädagogik Mitte des 19. Jahrhunderts betrieben hat. Was wir wissen, ist, dass es keine offenkundigen schweren Versäumnisse in dem Punkt gegeben hat, aber das müsste man jetzt noch historisch noch genauer erforschen."

Gewalt und Missbrauch in Kinderheimen

Anlass zur Nachfrage gibt es. Denn im 20. Jahrhundert kam es in den Kinderheimen der "Armen Dienstmägde" zu Gewaltexzessen und Psycho-Terror. Schwestern schlugen Kinder mit Gürteln und Kleiderbügeln, ob in Dernbach, Rüdesheim-Aulhausen, Essen oder Eschweiler bei Aachen. Es kam auch zu sexuellem Missbrauch, vorrangig ausgeübt von männlichen Heimleitern, Ärzten und Priestern. Markus Alexander Homes hat im Sankt Vincenzstift Aulhausen körperliche und sexuelle Gewalt erlebt, bis in die 70er-Jahre. Christliche Erziehung durch die Schwestern hieß für ihn, ständig bestraft zu werden.

"Also, man wurde geprügelt, auf jeden Fall, für alle möglichen Anlässe. Sie haben sich immer berufen auf den Gott im Himmel, in dessen Auftrag sie quasi ausführen - die Gewalt, die Misshandlungen, und, und, und."

Die frühere Provinzleitung der Dernbacher Schwestern leugnete lange und entschuldigte sich später nur pauschal. Das Heim in Aulhausen hatte der spätere Generalvikar Kaspar geleitet, 36 Jahre lang ab 1970. Opfer warfen dem Direktor vor, von den Übergriffen seines Vorgängers und der Schwestern gewusst und sie vertuscht zu haben. Außerdem soll Kaspar die Augen davor verschlossen haben, dass unter seiner Führung weiterhin Gewalt gegen Kinder geschah, bis in die 80er-Jahre. Erst nach seiner Abberufung als Generalvikar 2014 entschuldigte er sich für Leid und Unrecht, aber ohne persönliche Schuld zu thematisieren und ohne Verantwortung zu übernehmen.

Heiligsprechung absagen?

Ist Katharinas Heiligsprechung auch Anlass zum trauernden Gedenken? Bischof Georg Bätzing:

"Ja, Licht und Schatten gehören zusammen, und es gibt Opfer von Machtmissbrauch, von Gewalt, auch von sexuellem Missbrauch in Einrichtungen der 'Armen Dienstmägde'. Das ist ganz wichtig, dass wir das auch nennen können, dass in unseren kirchlichen Einrichtungen und in Einrichtungen von Ordensleuten nicht so mit Kindern und jungen Menschen umgegangen wurde, wie es sich gehört, sondern dass ihnen Schaden zugefügt wurde. "

Die neue Provinzoberin Theresia Winkelhöfer sieht es so:

"Ich denke, dass man das schon im Blick behalten muss, schon um der Menschen willen. Man sollte aber, weil ja in der Regel die Menschen, die dafür vielleicht verantwortlich waren, gar nicht mehr leben - muss man auch einen Schlussstrich ziehen können."

Homes kann das nicht, weil Depressionen und körperliche Leiden sein Leben beeinträchtigen. Den Orden aufzulösen und die geplante Heiligsprechung abzusagen, schlägt er vor. Schwester Theresia kommentiert:

"Ich hab' so was noch nicht gehört, aber wenn es so gesagt würde - Verständnis haben kann ich dafür. Obwohl Katharina natürlich absolut nichts dafür kann."

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