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StartseiteForschung aktuellMahagonipflanzen könnten Wirkstoff gegen Hepatitis liefern02.11.2018

Heilkraft der NaturMahagonipflanzen könnten Wirkstoff gegen Hepatitis liefern

Das Hepatitis-E-Virus tritt in Industrieländern immer häufiger auf. Im Jahr 2016 gab es allein in Deutschland über 2000 gemeldete Fälle. Ein Medikament gegen den Erreger existiert bisher nicht. Doch Forschende aus Bochum untersuchen gerade einen Wirkstoffkandidaten - gewonnen aus tropischen Pflanzen.

Von Max Brose

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Regenwald im "Serra dos Orgaos"-National Park in Brasilien (imago / Mint pictures)
Pflanzen im tropischen Regenwald könnten einen Wirkstoff gegen Hepatitis liefern (imago / Mint pictures)
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In den Fluren der Medizinischen Fakultät an der Ruhr-Universität Bochum empfängt mich Daniel Todt. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe Molekulare Virologie. Durch eine schwere Tür mit Bullauge treten wir in sein Labor. Unsere Blicke fallen auf selbstrührende Magneten in durchsichtigen Flüssigkeiten und eine Zentrifuge, die Proben auf 10.000 Rotationen pro Minute beschleunigt. Hier untersuchen Daniel Todt und seine Kollegen Stoffe aus der Natur auf ihre Wirkung gegen Viren. 

"Das ist momentan tatsächlich ein recht großer Trend in der antiviralen Forschung, dass viele große Bibliotheken an Naturstoffen untersucht werden und dann genutzt werden, um sie auf antivirale Mechanismen zu testen."

Solche natürlich vorkommenden Stoffe seien gut verfügbar und billig zu extrahieren. Zudem haben Pflanzen im Laufe der Evolution eine ganze Armee an Wirkstoffen entwickelt, um sich gegen Pilze Bakterien und Viren zu schützen. Diese Stoffe seien aber weitgehend unbekannt.  

Der indonesische Regenwald als Apotheke

"Also in unserer Studie haben wir uns beschäftigt mit dem Hepatitis-E-Virus und haben Silvestrol als potentiellen Wirkstoff identifizieren können."

Silvestrol ist ein Wirkstoff aus dem Mahagonibaum, von dem seit einiger Zeit bekannt ist, dass er verschiedene Viren abtötet. Herausgefunden haben das Forscher der Universität Marburg, die beim Europäischen Patentamt bereits 2016 ein Patent auf antivirale Anwendungen von Silvestrol angemeldet haben. Der Mahagonibaum, aus dem die Substanz extrahiert wird, wächst unter anderem im indonesischen Regenwald, erklärt Daniel Todt.

"Wir haben da jetzt auch eine starke Kooperation mit Partnern in Indonesien initiieren können, die für uns tatsächlich in den Urwald gehen, Mahagonigewächse sammeln. Da gibt es ja, glaube ich, über 400 Arten."

Aus deren Blättern extrahieren die Forschenden das Molekül Silvestrol. Dann testen sie, wie der Pflanzenstoff auf infizierte Zellkulturen im Labor wirkt. Das Ergebnis: Er verringert die Anzahl an Hepatitis-E-Viren in den Zellen deutlich - ein Befund, der Erkenntnisse bestätigt, die andere Forscher kurz zuvor veröffentlicht hatten.

"Und dann ist natürlich die nächste Konsequenz, in vivo zu schauen und wir haben da im Mausversuch zeigen können, dass auch chronisch infizierte Mäuse mit Hepatitis E mit Silvestrol eine Reduzierung der Viruslast haben."

Nebenwirkungen sind noch ungeklärt

Die Forschenden untersuchen eine Unterart des Hepatitis-E-Virus, die häufig in Industrieländern vorkommt. Sie verursacht chronische Hepatitis, die bis zum kompletten Leberversagen führen kann. Von solch schweren Krankheitsverläufen sind aber meist nur Personen mit schwachem Immunsystem betroffen. In weiteren Experimenten zeigte sich aber, dass Silvestrol auch gegen Hepatitis-E-Subtypen, die in Europa fast gar nicht vorkommen, wirkt.

"Die sind eher endemisch in Afrika, Südostasien. Und bei Genotyp eins und zwei gibt es keine chronischen Formen. Die kommen akut vor, die können aber extrem gefährlich seien vor allem bei schwangeren Patienten."

In manchen Gebieten würden bis zu ein Viertel der infizierten schwangeren Frauen an der Hepatitis sterben, sagt Todt. Das eingesetzte Mittel gegen die Erkrankung ist Ribavirin, ein Allround-Medikament für verschiedene Viren. Problematisch bei Ribavirin ist aber, dass es dem Embryo schadet und daher für Schwangere nicht in Frage kommt. Doch auch Silvestrol könne für den Menschen gefährlich werden.

"Man muss zumindest mit Nebenwirkungen rechnen, dass es zu Nebenwirkungen kommen kann, da wir ja nicht das Virus selber angreifen, sondern ein Teil der Wirtsmaschinerie angreifen."

Silvestrol wirkt auch gegen das Ebola-Virus

Da Viren selbst keine Eiweiße produzieren können, kapern sie die Proteinfabriken ihrer Wirtszellen, um sich zu vermehren. Silvestrol blockiert die Funktion dieser Eiweißfabriken mit der Folge, dass sich das Hepatits-Virus nicht reproduzieren kann. Diese Silvestrol-Blockade ist so allgemein, dass sie neben der Vermehrung des Hepatitis-E-Virus auch die des Ebola-Virus verhindert. Welche gesundheitlichen Nebenwirkungen das beim Menschen mit sich bringt, ist derzeit allerdings noch völlig unklar. Daniel Todt ist daher zurückhaltend, was eine mögliche Zukunft von Silvestrol als Medikament angeht. Für klare Aussagen sei es einfach noch zu früh.

"Das ist schwer abzuschätzen. Uns ging es eher darum, eine Machbarkeitsstudie zu zeigen."

Doch bis Silvestrol als Medikament gegen Hepatitis E oder Ebola zum Einsatz kommen könnte, ist der Weg noch weit.

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